Nr. 33/2020 vom 13.08.2020

Lauter Streit um Stummfilme

Ein unbedarft programmiertes Filmfestival muss nach einer Intervention Schwarzer KünstlerInnen gründlich über die Bücher. Was ist da schiefgelaufen?

Von Franziska MeisterMail an AutorIn

Schwarze Körper im Stummfilm: Am Anfang stand die Liebe – Gertie Brown und Saint Suttle in «Something Good – Negro Kiss» (1898). Still: Hugh M. Hefner Moving Image Archive

Inmitten der weltweiten Proteste angesichts der fortgesetzten Polizeigewalt gegen Schwarze in den USA kündigt das Zürcher Institute of Incoherent Cinematography (IOIC) ein Stummfilmfestival mit Livevertonung unter dem Titel «Black Films Matter» an. Auf dem Programm stehen Werke von Oscar Micheaux, dem Pionier des unabhängigen Schwarzen US-Filmschaffens, sowie ein paar Kurzfilme Schwarzer Regisseure, aber auch eine ganze Reihe von Werken weisser Filmemacher. Und als Eröffnungsfilm: «Birth of a Nation» von D. W. Griffith, ein dreistündiges rassistisches Bürgerkriegsepos von 1915, das James Baldwin als «elaborierte Rechtfertigung für Massenmord» verurteilt hat. Für das IOIC hingegen steht das Werk «am Ursprung jeder Debatte um die Darstellung von Rasse im Film».

Zehn Tage vor Start im Jazzclub Moods hat das Festival einen neuen Namen – «Race, Class & Gender» –, und «Birth of a Nation» ist aus dem Programm verschwunden. Vier MusikerInnen sind abgesprungen. Was ist passiert?

Kein politischer Ansatz

Seit Juli schwelt hinter den Kulissen ein Konflikt um die Deutungshoheit bei der Darstellung von People of Color, der beispielhaft ist für eine ganze Reihe aktueller Auseinandersetzungen im Kulturbereich. Hier der Kurator einer Veranstaltung, der sein Engagement für Schwarze Kultur als antirassistisch begreift – dort eine aufgebrachte Black Community, die sich einmal mehr übergangen fühlt und von Rassismus spricht. Auf beiden Seiten: Schock, Enttäuschung, Vorwürfe, Verunsicherung und Wut.

Im Zentrum stehen Fragen wie: Soll ein rassistisches Machwerk, das als eines der einflussreichsten Werke der US-Filmgeschichte gehandelt wird, heute noch öffentlich gezeigt werden? Und darf ein Festival mit mehrheitlich weissen KünstlerInnen so eng mit dem Slogan «Black Lives Matter» verknüpft werden?

Nein, finden vier Schwarze Künstlerinnen, die den Dialog mit dem Kurator, Pablo Assandri, gesucht haben. Wenn «Black Films Matter» im Titel stehe, erzeuge das die Erwartungshaltung, dass Filme Schwarzer Menschen gezeigt würden. Sie sprechen von einer «Kommerzialisierung» und «Aneignung» des Slogans auf Kosten Schwarzer AktivistInnen. Noch deutlicher werden sie, wenn es um «Birth of a Nation» und das ganze Programm geht: «Der Fokus liegt einmal mehr auf Gewalt am Schwarzen Körper – warum? Das ist reine Provokation! Eine Kapitalisierung von aktuellem politischem Widerstand gegen rassistische Gewalt an Schwarzen.» Dabei habe das Festival keinen erkennbaren politischen Ansatz, eine inhaltliche Auseinandersetzung mit der Aktualität fehle. «So wird die rassistische Maschinerie, die Stereotype reproduziert, nur weiter gefüttert.»

Der Kurator hat den Festivaltitel geändert und «Birth of a Nation» aus dem Programm genommen. Auf weitere Forderungen will er nicht eingehen. Er betont, dass die Filme selbstverständlich von ihm eingeleitet und kontextualisiert würden. Sein Anliegen sei es, ein historisch-kritisches Bild der Stummfilmzeit zu vermitteln. Darin hat er mehr als zehn Jahre Erfahrung. «Aber ein Wohlfühlprogramm lässt sich nicht zusammenstellen.»

Viel Geschirr zerschlagen

Stattdessen hat Pablo Assandri das Netzwerk Exit Racism Now! kontaktiert und angeboten, ein Podium mit Personen aus der Black Community zu organisieren, um die gezeigten Filme auch aktualitätsbezogen zu diskutieren. Doch da war bereits zu viel Geschirr zerschlagen. «Wir wollten uns nicht instrumentalisieren lassen, um ein solches Programm zu legitimieren», sagt eine der für eine Teilnahme angefragten Frauen. Dann wird sie grundsätzlich: «Solche Anlässe brauchen von Anfang an ein diverses Organisationskomitee. Es reicht nicht, uns Schwarze Menschen im Nachhinein zu einem Panel einzuladen – das geschieht in der Schweiz dauernd.»

Sie gehört zu den MitunterzeichnerInnen eines offenen Briefs, den Schwarze KünstlerInnen und Kulturschaffende im Juni an zahlreiche Kulturinstitutionen der Schweiz verschickt hatten. Darin sprechen sie von Rassismus und Diskriminierung, die sie immer wieder durch kulturschaffende Institutionen und Organisationen erfahren hätten. «Versuche, diese Erlebnisse anzusprechen, führten oft zu heftigen Reaktionen wie Drohungen und Einschüchterungen. Einige von uns erlitten schwere Schäden an ihrem professionellen Ruf.» Aus diesem Grund wollen sie und die anderen drei Frauen ihre Namen auch nicht in der Zeitung lesen. Der offene Brief listet viele Fragen auf, mit denen Institutionen ihren strukturellen Rassismus erkennen und abbauen sollen.

«Warum nicht einfach mal zuhören? Sich überlegen, wie man selber involviert ist?» Die vier Frauen nehmen sich selbst nicht aus: «Auch als Schwarze, queere Menschen sind wir Teil dieser rassistischen Strukturen und müssen immer wieder gegen verinnerlichte Vorurteile und Stereotype ankämpfen.»

Und Pablo Assandri? «Ich habe sehr viel gelernt», sagt er. Heute würde er ein solches Festival anders organisieren: «Von Anfang an eine ausgewiesene Fachperson für die Darstellung von Race im Film als Ko-Kuratorin suchen und Feedback aus der Black Community einholen für die Gestaltung eines Begleitprogramms, das die Rolle und Bedeutung der Filme in der Gegenwart thematisiert.»

Das Stummfilmfestival «Race, Class & Gender» findet vom 20. bis 23. August 2020 im Moods in Zürich und online unter www.moods.digital statt. Programm: www.ioic.ch.

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