Nr. 33/2021 vom 19.08.2021

Weder heilig noch dämonisch

Was bedeutet es, als Schwarze Frau in einer weissen, patriarchalen Gesellschaft zu leben? Mit dieser Frage konfrontiert uns die New Yorker Künstlerin Kara Walker im Kunstmuseum Basel.

Von Giulia Bernardi

Kara Walkers Werk zeigt Brutalität und kreative Kraft: «A Shocking Declaration of Independence», 2018. Foto: Kunstmuseum Basel, Kupferstichkabinett

Ein Schritt in den Ausstellungsraum – und ein beklemmendes Gefühl überkommt uns. An den Wänden hängen Zeichnungen, Skizzen, Collagen und Scherenschnitte dicht nebeneinander, bilden raumgreifende Assemblagen. Ergänzt werden die Werke durch tagebuchähnliche Notizen, mal von Hand geschrieben, mal mit der Schreibmaschine abgetippt. Unruhig springt der Blick von einer Zeichnung zum nächsten Satz, ohne lange verharren zu wollen, ohne sich lösen zu können. Er wird hin- und hergerissen, überwältigt, in diesen Kosmos regelrecht hineingesogen.

Verinnerlichte Unterdrückung

In ihrer Ausstellung «A Black Hole Is Everything a Star Longs to Be» thematisiert Kara Walker, wie Rassismus von kolonial geprägten Machtstrukturen ermöglicht und legitimiert wird; wie er unser Denken formt und sich in Gestalt von rassistischen und rassifizierten Stereotypen manifestiert. Diese Stereotype führt uns die US-Künstlerin mit Werken aus den letzten 28 Jahren vor Augen: Wir sehen Schwarze Körper mit grossen Lippen und buschigen Haaren, dargestellt als animalische, archaische, primitive Wesen. Wir sehen Schwarze Körper, die mit blossen Händen durchbohrt werden, die leiden und sich selbst verstümmeln. Wir sehen Schwarze Körper, die vom weissen Blick entmenschlicht, von einer weissen Gesellschaft geformt und definiert werden. Schwarze Körper, die Gewalt erfahren, diese aber auch verinnerlichen.

Auf diese internalisierte Unterdrückung bezieht sich Kara Walker explizit: Rassistische oder misogyne Vorurteile werden nicht nur von denjenigen gelebt und als wahr angesehen, die sie in die Welt setzen und von ihnen profitieren, sondern auch von denen, die unter ihnen leiden. Auf eine grossformatige Leinwand schrieb Kara Walker mit Kohle und Pastellkreide «I Am Not My Negro». Sich windende schwarze Linien zeichnen hinter den grossen Lettern eine sturmähnliche Landschaft, aus der sich bei genauer Betrachtung ein Mensch herausschält.

Parodiert, pervertiert und exotisiert

«A Black Hole Is Everything a Star Longs to Be» wirft ein Schlaglicht auf das Erbe von Sklaverei und Kolonialismus, das nicht nur in den Vereinigten Staaten bis heute wirkmächtig ist. In einer weiteren grossformatigen Arbeit inszeniert die Künstlerin Barack Obama als Heiligen Antonius, der von dämonenartigen Wesen geplagt und zerfleischt wird. Damit referiert Walker auf die «birther conspiracy», die Obamas Staatsbürgerschaft infrage stellte und damit auch seine Legitimation, Präsident der Vereinigten Staaten zu werden. Eine Verschwörungstheorie, die letztes Jahr um die nun amtierende Vizepräsidentin Kamala Harris erneut verbreitet wurde.

In einer anderen Arbeit erscheint Obama als Hoffnungsträger: Sein Antlitz ragt aus grauen Wolken heraus, während auf der Erde eine Schwarze Person flehend auf ihre Erlösung wartet. Ein Bild, das unweigerlich an die Fotografie von Nona Faustine erinnert: «My Wishes and Dreams Are with You …» wurde am 20. Januar 2009 aufgenommen und zeigt Faustines Neugeborenes, während auf dem Fernsehbildschirm im Hintergrund Obama als Präsident vereidigt wird. So greift Kara Walker jene Erwartungen und Diskriminierungen auf, die die öffentliche Wahrnehmung Obamas als erster Schwarzer Präsident prägten: von einer Heiligsprechung bis zu einer Dämonisierung.

Kara Walker legt aber nicht nur rassistische Vorurteile offen, sondern zeigt auch, wie es ist, als Schwarze Frau in einer sexistischen Gesellschaft zu leben. So schreibt sie etwa mit Tusche auf Papier: «Is race less fluid than gender?» («Ist ‹race› weniger wandelbar als Gender?») Oder: «Men want women to be silent gullible and witless. Sexual up to a point and innocent up to another point.» Mit diesem Satz macht Kara Walker deutlich, dass die als stumm und geistlos imaginierte Frau als Projektionsfläche für ein dualistisches christliches Weltbild dient: Sie ist entweder Heilige oder Hure, asexuell oder übersexualisiert, Mutterfigur oder Verführerin. Diese Stereotype haben für Schwarze Frauen noch gravierendere Folgen als für weisse. Im 19. Jahrhundert etwa wurde versklavten oder kolonialisierten Schwarzen Frauen ein unermüdlicher Sexualtrieb zugeschrieben, um ihre Vergewaltigung und Ausbeutung zu legitimieren.

Die Ausstellung im Kunstmuseum Basel kreist um verletzte und verletzliche Schwarze Körper, die parodiert, pervertiert, exotisiert, sexualisiert, mythologisiert und dämonisiert werden; um Repräsentation und Selbstrepräsentation; um in Fleisch und Blut übergegangene Fremdzuschreibungen und um die Frage, wo eine eigene Identität hier überhaupt noch Platz finden kann.

Mut und Stärke

Es geht darum, vergessen zu wollen, aber nicht zu können, und sich abzufinden, ohne es zu wollen. Spürbar werden auch der Mut und die Stärke einer Künstlerin, über Jahrzehnte Diskriminierungserfahrungen mit ihren eigenen Gedankenwelten zu kontern und diese Auseinandersetzung in die Öffentlichkeit zu tragen. Walkers Werke sind nicht einfach Abbilder einzelner, unglücklicher Erfahrungen, sondern sie halten einer ganzen weissen, patriarchalen Gesellschaft und Geschichte den Spiegel vor.

«A Black Hole Is Everything a Star Longs to Be» in: Basel, Kunstmuseum, bis 26. September 2021. www.kunstmuseumbasel.ch

Kunstmuseum Basel

Diversität und Diskriminierung

In ihrer Ausstellung im Kunstmuseum Basel bringt die US-Amerikanerin Kara Walker soziale Ungerechtigkeiten zur Sprache, die für den Schweizer Kontext nicht minder relevant sind. Umso wichtiger scheint die Frage, wie die Ausstellung auf institutioneller Ebene kontextualisiert wird – zum Beispiel anhand des Booklets, das allen BesucherInnen ausgehändigt wird. Darin wird etwa die Biografie von Walker erläutert und einige ihrer Werke sind inhaltlich und formal verortet. Doch bei der Einordnung in einen gesellschaftspolitischen Diskurs hapert es.

Beispielsweise wird ‹race› mit «Rasse» übersetzt – in Anführungszeichen, um den Begriff zu problematisieren, wie das Kunstmuseum auf Anfrage erklärt. Doch aus welchem Grund der Begriff problematisch ist, wird im Booklet nicht erwähnt. Das deutsche Wort «Rasse» reproduziert die Idee einer biologistischen Einteilung in Rassen, die kolonial und nationalsozialistisch geprägt ist. Wenn das Wort bewusst benutzt wird, wäre eine vermittlerische Leistung auf der Höhe des aktuellen Diskurses zwingend. Eine mögliche Alternative hätte darin bestanden, das englische Wort ‹race› beizubehalten oder auf «Rassifizierung» auszuweichen. Rassifizierung beschreibt einen Prozess, in dem rassistisches Wissen erzeugt wird, etwa die Idee, dass Menschen anhand körperlicher Merkmale unterteilt werden können. Rassifizierung verdeutlicht, dass es sich dabei um konstruierte Kategorien handelt, die reale Auswirkungen haben.

Diese Überlegungen führen zur nächsten Frage: Findet auch innerhalb der Institution ein diskriminierungskritisches Denken statt? Denn diese Verantwortung kann nicht an KünstlerInnen wie Kara Walker delegiert werden. Eine entsprechende Forderung vertrat bereits der offene Brief vom Juni letzten Jahres, in dem über fünfzig Schwarze KünstlerInnen und Kulturschaffende mehrere Schweizer Institutionen aufforderten, sich mit konkreten Massnahmen gegen strukturelle Diskriminierung zu engagieren. Als Handlungsfelder wurden etwa das Ausstellungs- und Veranstaltungsprogramm, aber auch die Sammlung und die Personalpolitik genannt.

Auf Nachfrage sagt das Kunstmuseum Basel, Diversität sei ein deklariertes Ziel, seit Josef Helfenstein 2016 die Direktion übernommen habe. Im Ausstellungsprogramm seien 2018 etwa Sam Gilliam und Theaster Gates berücksichtigt worden, und nun eben Kara Walker. Ausserdem wirke das Kunstmuseum seit März 2021 in einem dreijährigen Projekt der Abteilung Kultur Basel-Stadt mit, um die Kultur in Basel diverser zu gestalten und so die Stadtgesellschaft auch in kulturellen Betrieben besser abzubilden. Als konkretes Beispiel werden auf der Website des Kantons die rund 75 000 Menschen ohne Schweizer Pass genannt, die aktuell in Basel leben.

Worin die nächsten Schritte bestehen, was bis Ende des Prozesses zu erwarten ist und wie Diversität überhaupt definiert wird, wurde vom Kunstmuseum nicht erläutert. Wünschenswert wäre an dieser Stelle eine transparentere Kommunikation, etwa durch die Veröffentlichung von Gleichstellungsdaten und Entscheidungsprozessen, um diese Räume demokratisch tatsächlich zu öffnen.

Giulia Bernardi

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