Nr. 34/2020 vom 20.08.2020

Makellose Prosa

Von Hans Ulrich Probst

Welch poetische Dichte, welcher Reichtum an Themen, Figuren, Bezügen: Was Anna Ruchat in «Neptunjahre» vorlegt, ist phänomenal. Auf 140 Seiten versammelt das Buch zwölf Texte, zwischen 3 und 23 Seiten kurz. Trotz eines Schweizer Literaturpreises 2019 für «Gli anni di Nettuno sulla terra» ist die 61-jährige Autorin, als Übersetzerin und Dozentin in Norditalien und im Südtessin ansässig, noch immer ein Geheimtipp. Nach «Schattenflug» (2012), einer berührenden Spurensuche nach ihrem als Militärpilot tödlich verunglückten Vater – die Autorin war noch kein Jahr alt – nun dieser konzentrierte Novellenkranz in makelloser Prosa. Die Geschichten folgen den Monaten durchs Jahr, jede wird ergänzt um ein historisches Datum und um ein Zitatmotto. Neben knappen Albumblättern und filigranen Miniaturen finden sich fast klassische Novellen und kompakte Kürzestromane.

Es sind wesentlich Studien zur Familie, zum klein- und grossbürgerlichen Alltag, zu Enge, Gefühlsarmut und (Ver-)Schweigen, zu tragischen Momenten und dem gewöhnlichen Unglück: Ein Mann versinkt, kaum ist sein Sohn auf der Welt, während der «Seegfrörni» 1963 im Hallwilersee, ein Tessiner Au-pair-Mädchen wird in einen Kindsmissbrauch in einer ehrenwerten Deutschschweizer Familie verstrickt, ein Ingenieur führt jahrzehntelang ein Doppelleben zwischen Afrika und dem heimischen Bergtal. Wiederkehrende Motive sind die Fremdheit zwischen Familienmitgliedern, absterbende Beziehungen, Alter und Demenz.

Die schönste Geschichte, «Der Kauz», erzählt bildmächtig von der «zähen Mühsal» einer lebenslang verkorksten Mutter-Tochter-Beziehung, die vielleicht ein versöhnliches Ende findet, wenn die Tochter der alten Mutter nach einem Sturz gegen alle Widerstände zu Hilfe kommt und diese ihre Schwäche zeigen darf. «Dann», heisst es zum Schluss, «geht die alte Frau, ohne das Licht anzumachen, in ihr Zimmer, rollt sich auf dem Bett zusammen und versinkt in der weichen Stille dieses frühen, schon winterlichen Nachmittags. Träumt, sie fahre mit dem Rad durch einen Wald. Im Fahrradkorb, inmitten gezackter, dürrer Blätter, sitzt ein kleiner, lebendiger Kauz und schaut mit grossen Kinderaugen in die Dunkelheit hinaus.» Grandios. 

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