Nr. 34/2020 vom 20.08.2020

Explosion und Schrumpfung

Ruedi Widmer über das unbedeutend Kleine

Von Ruedi Widmer

Die Ersten sagen: Am Klimawandel ist der Mensch schuld.

Die Zweiten sagen: Am Klimawandel ist nicht der Mensch schuld, sondern nur der überzählige Mensch aus der Überbevölkerung.

Dieses Argument ist egoistisch, und jedem fällt nach einigen Hirnturnübungen die Absurdität auf. Es ist aber weit verbreitet, auch auf anderen Gebieten, besonders bei Ausländer- oder Europathemen. Klar gibt es mehr Menschen als 1750, nämlich jene, die aus der Bevölkerungsexplosion gespickt sind, also du und ich.

Die Dritten sagen: Am Klimawandel ist nicht der Mensch schuld, der Mensch ist viel zu unbedeutend und zu klein, um eine solche globale Veränderung herbeizuführen.

Was mir an dieser Argumentation im ersten Moment eigentlich gut gefällt, sind die Demut vor der Welt und das Eingestehen der persönlichen Bedeutungslosigkeit, die sich im Umgang mit den Mitmenschen auf angenehmste Art zeigen könnte.

Dann ist aber auch schon fertig. Denn was hier so bedeutsam ehrfürchtig und bescheiden klingt, wird umso wahnsinniger bei ähnlichen Themen und in ähnlichem Milieu: An Corona zum Beispiel ist der Mensch schuld; nicht mal der Mensch als Spezies, sondern ein Mensch ganz allein: Bill Gates.

Gut, das ist etwas übertrieben, immerhin ist auch noch George Soros mit an Bord. Zwei Menschen verursachen eine globale Umwälzung, acht Milliarden Menschen keine. Da wird bezüglich dieser zwei Männer ein Teufelsbild im Kopf aktiviert, und bei Donald Trump, der ganz allein gegen den Widerstand des globalen Mainstreams die ganze Welt der Weissen retten muss, ein Gottesbild.

In der Welt des unbedeutenden und kleinen Menschen ist jeder unschuldig, in dieser Welt der Verantwortungslosigkeit entstehen Gleichgültigkeit und Faschismus. Es ist nicht die Ehrfurcht vor dem Leben, die da wirkt, sondern es ist die Welt der kindlichen Unschuld. Es gibt mich und das, was man sieht, und was man nicht sieht, das gibt es nicht. Bei Corona haben wir das Pech, dass sich die Seuche weitgehend in der Unsichtbarkeit äussert. Das Virus sieht man nicht, die Folgen davon sieht man bei uns zu wenig. Wenn man sie sieht, ist es schon zu spät. Und wenn, betriffts ja nur die bereits Geschwächten, die Loser, die Armen.

Ganz ähnlich der Klimawandel, der auch in seiner Schnelle immer noch zu wenig schnell ist, um wirklich bemerkt zu werden. Wenn es 35 Grad heiss ist, dann sagen die Leute in der Welt des unbedeutenden und kleinen Menschen, das ist eben der Sommer, im Sommer war es schon immer heiss. Dass diese Hitze schon heute an anderen Orten als bei uns Dürre und Hunger auslöst – geschenkt.

Ich war kürzlich am Morteratschgletscher im Engadin, dessen Zunge sich allein zwischen 2015 und 2020 um mehr als hundert Meter zurückgezogen hat. Eine Heerschar von Menschen stand vor dem Restgletscher, in diesem Moment erschüttert, aber inmitten dieser Bergriesen eben auch unbedeutend und klein. Von den Moränenhängen ging im Minutentakt grösseres Geröll nieder. Da tröstet es auch nicht, dass die Schrumpfung (die mit Jahrestafeln am Wegrand markiert wird) schon in den Geburtsjahren unserer Eltern, unserer Grosseltern und unserer Urgrosseltern im Gang war. Es zeigt nur, dass der Klimawandel mit dem Beginn der Industrialisierung Anfang des 19. Jahrhunderts einsetzte und sich allenfalls beschleunigte, je mehr die Globalisierung, die ihrerseits schon vor der Industrialisierung mit dem Handel begann, fortschritt.

Eigentlich wäre es an unseren Urgrosseltern gelegen, etwas dagegen zu tun! Und so haben wir das neue Argument der Vierten: Am Klimawandel ist nicht der Mensch, sondern daran sind unsere Vorfahren schuld!

Ruedi Widmer ist Cartoonist und lebt in Winterthur.

Wenn Ihnen der unabhängige und kritische Journalismus der WOZ etwas wert ist, können Sie uns gerne spontan finanziell unterstützen:

Überweisung

PC-Konto 87-39737-0
BIC POFICHBEXXX
IBAN CH04 0900 0000 8703 9737 0
Verwendungszweck Spende woz.ch