Nr. 35/2020 vom 27.08.2020

«Wir leiden, weil wir unsere Stärken vernachlässigen»

Seit Juni kam es in Mali zu Grossprotesten gegen die Regierung. Nach einem Putsch trat letzte Woche der Präsident zurück. Die Krise lasse sich nicht allein mit militärischen Mitteln lösen, sagt der malische Sprachwissenschaftler Mohomodou Houssouba.

Interview: Raphael AlbisserMail an AutorIn

Der malische Sprachwissenschaftler Mohomodou Houssouba.

WOZ: Mohomodou Houssouba, in welcher Situation befindet sich Mali seit letzter Woche?
Mohomodou Houssouba: Mali ist in einer komplizierten Lage, alles ist ungewiss. Es ist schon der vierte Putsch in der Geschichte des Landes, die Situation ist also an sich nicht neu. Aber die politische Krise ist sehr gross. Seit Anfang Juni kam es in der Hauptstadt Bamako zu Grossdemonstrationen gegen Präsident Ibrahim Boubacar Keïta, kurz IBK, und seine Regierung. Dass nun der Putsch stattgefunden hat, ist letztlich schade und enttäuschend.

Warum enttäuschend?
Die Bewegung des 5. Juni, kurz M5-RPF, die zu den Protesten aufgerufen hat, ist eine Volksbewegung mit zivilen Akteuren. Sie wollten die politische Lage im Land ändern, haben die anhaltende Konfrontation mit der Regierung gesucht. Sie liessen sich auf Verhandlungen ein und waren zwischenzeitlich sogar bereit, auf ihre Rücktrittsforderung gegenüber IBK zu verzichten. Seit dem Putsch ist die Zivilgesellschaft wieder auf dem Abstellgleis.

Wen haben die Militärs denn an ihrer Seite?
Die Unterstützung ist eigentlich ziemlich breit. Vor allem die Jungen fühlen sich nicht verstanden und vertreten – bei einem Durchschnittsalter von unter zwanzig Jahren sind das sehr viele. Sie haben genug von der malischen Dauerkrise und vom Präsidenten und seiner Vetternwirtschaft.

Die Proteste waren aufgekommen, nachdem das malische Verfassungsgericht die Resultate der Parlamentswahlen vom Frühling zugunsten der Regierungspartei korrigiert hatte.
Das war ein Auslöser, aber diese Krise ist nicht nur politisch, sondern auch sozial. Das Schulsystem Malis etwa wurde in den letzten zwanzig Jahren immer schlechter. Man redet von einer verlorenen Generation. Auch das Gesundheitswesen ist in einer desolaten Situation. Daran ist IBK aber nicht alleine schuld.

2013 wurde er mit fast achtzig Prozent der Stimmen gewählt, das Land befand sich nach der separatistischen Rebellion im Norden und dem Putsch von 2012 in einer heiklen Situation. Warum hat er seinen grossen Rückhalt seither verspielt?
Er hat weitergemacht wie sein abgesetzter Vorgänger Amadou Toumani Touré: zurückhaltend, schwer greifbar, unentschlossen. IBK hatte Sicherheit und Stabilität versprochen, das war sein Mantra im Wahlkampf. Aber nach seiner Wahl hat sich die Sicherheitskrise nach Zentralmali ausgeweitet. Er hat sein wichtigstes Versprechen also nicht gehalten, die Situation hat sich nur verschlimmert.

Ist Sicherheit denn das Einzige, was die Leute von ihm forderten?
Die Parolen auf den Demos betrafen auch die Bildung, das Gesundheitswesen und die Arbeitslosigkeit im Land. Die jungen Protestierenden forderten Perspektiven. Aber die Bevölkerung weiss, dass es ohne ein gewisses Mass an Sicherheit keine Verbesserung geben kann. Lehrern und Ärzten etwa kann man noch so viel Lohn anbieten: Wenn sie in Städten wie Djenné in Zentralmali oder in Timbuktu im Norden nicht sicher sind, werden sie nicht dort arbeiten. Teils verfallen deshalb Schulen und Spitäler. Die Unsicherheit betrifft alle Menschen. Wer etwa von Bamako im Südwesten in meine Heimatstadt Gao im Osten reisen will, nimmt heute oft den Umweg über die Nachbarländer Burkina Faso und Niger. Die Verkehrswege im Landesinnern sind zu gefährlich, es kommt oft zu Überfällen und Entführungen.

Seit 2015 hat Mali umgerechnet über zwei Milliarden Franken in seine Streitkräfte investiert. Ohne Wirkung?
Die Frage ist: Wie viel davon wurde tatsächlich in Ausrüstung und Ausbildung gesteckt? Allein 2019 wurden jedenfalls über 700 malische Soldaten bei islamistischen Angriffen getötet.

Auch zahlreiche internationale Akteure sollen in Mali für Sicherheit und Stabilität sorgen: etwa im Rahmen der Uno-Mission Minusma, der von Frankreich geführten Operation Barkhane sowie mehrerer EU-Aufbauprogramme, an denen sich auch die Schweiz beteiligt. Dennoch kamen in den letzten Jahren Tausende Zivilpersonen bei Anschlägen ums Leben. Ist man gescheitert?
Mittlerweile scheint klar, dass man den Faden verloren hat. Das ist auch in der Protestbewegung ein zentrales Thema: Allein auf militärischem Weg lässt sich das Problem nicht lösen. In den letzten Monaten habe ich von Maliern oft den Satz gehört: Wir leiden, weil wir unsere Stärken vernachlässigen. Und ich finde, man könnte tatsächlich mit viel weniger Geld und Blut, mit weniger grossem militärischem Einsatz Frieden haben. Dafür müsste die Zivilbevölkerung stärker miteinbezogen werden, etwa die Frauenbewegung, die in der Vergangenheit schon eine wichtige Rolle in der malischen Konfliktbewältigung spielte. Und vor allem muss in die Justiz investiert werden. Auch das ist eine Forderung der M5-RPF: ein Ende der Straffreiheit für alle. Dazu gehören auch Teile der Armee, die Gräueltaten begangen haben. Heute haben die Leute keinen Grund, an den Rechtsstaat zu glauben – weshalb viele Dorfgemeinschaften ihre eigenen Selbstverteidigungsmilizen aufgebaut haben. Die Schwäche des Staates ist ein Treiber der Gewalt.

Nun wurde der Putsch international allseits verurteilt. Wie soll diese Junta aus jungen Offizieren für die Sicherheit im Land sorgen?
Sowohl die Putschisten als auch die internationalen Akteure wissen, dass sie zumindest militärisch faktisch weiterhin kooperieren müssen. Solange die Befehlsketten nicht reissen, werden sie das wohl auch tun. Und in machtpolitischer Hinsicht verhandeln die Militärs mit der westafrikanischen Staatengemeinschaft Ecowas. Sie wissen, dass diese sehr empfindliche Sanktionen aussprechen kann. Sie wissen aber auch, dass die Ecowas vorsichtig agiert, weil eine starke Einmischung in Mali sehr unpopulär und kontraproduktiv wäre.

Worauf hoffen Sie nun?
Eigentlich hat Mali eine ausgeprägte und krisenerprobte politische Kultur. Aber ich teile die Einschätzung, die auf Social Media derzeit selbst von Optimisten geäussert wird: Das bestmögliche Szenario ist, dass es nicht zu einer Verschlimmerung kommt. Wir können nur hoffen, dass sämtliche involvierten Akteure  in dieser konfusen Situation besonnen und reflektiert handeln.

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