Kino-Film «Notre-Dame du Nil» : Vor dem Genozid die Kissenschlacht

Nr.  36 –

Oben in den grünen Hügeln Ruandas, unweit der Quelle des Nils, liegt ein von französischen Nonnen geführtes Mädchenpensionat. Hier müssen die afrikanischen höheren Töchter – sie heissen Modesta, Veronica, Immaculata – die weisse Madonna reinigen, im Unterricht bekommen sie Lektionen wie «Afrika steht für Geografie, Europa für Geschichte» eingetrichtert. Unweit des Internats huldigt ein europäischer Plantagenbesitzer dem rassistisch motivierten Hamitenkult, wonach die Tutsi dieser «Herrenrasse» entstammten. Als er die schöne Veronica porträtiert, eine der wenigen Tutsi im Pensionat, bedient er damit die unterschwellige ethnische Rivalität, die von Gloriosa, der Tochter eines Hutu-Ministers, geschürt wird.

Es bedarf einer historischen Situierung, um die Handlung von «Notre-Dame du Nil» einzuordnen: Der dritte Spielfilm des afghanischen Regisseurs Atiq Rahimi basiert auf dem gleichnamigen, autobiografisch inspirierten Roman der ruandischen Schriftstellerin Scholastique Mukasonga. Wie der 1962 in Kabul geborene Rahimi, der 1984 nach Frankreich kam, lebt auch sie seit 1992 im französischen Exil. Aufgewachsen ist sie als Angehörige der Tutsi-Minderheit in Ruanda, wo sie die Gewalttätigkeit einer durch Missionierung und Kolonialismus traumatisierten Gesellschaft erlebte. Der Konflikt zwischen Hutu und Tutsi mündete schliesslich im grössten Genozid seit dem Zweiten Weltkrieg, dem 1994 innert dreier Monate schätzungsweise 800 000 Menschen zum Opfer fielen.

«Notre-Dame du Nil» ist ein Drama, das blutig endet. Formal bewegt es sich zwischen poetischem Realismus – eine Kissenschlacht im Schlafsaal erinnert an Jean Vigos «Zéro de conduite», inklusive Zeitlupe, wenn die Federn der geplatzten Kissen wie Schnee auf die Häupter der Schülerinnen in weissen Nachthemden fallen – und purer realistischer Fiktion: wenn etwa die Ministergattinnen ihre Töchter nach den Ferien in Luxuslimousinen und protzigen Geländewagen abliefern. Sehr stilisiert wirken die penetrant weissen Nonnen. Dennoch: ein aufrüttelnder Film.

Notre-Dame du Nil. Regie: Atiq Rahimi. Frankreich/Belgien/Ruanda 2019