Frauen in Ruanda : «Heute geben wir uns Salz»

Nr.  13 –

In keinem Land der Welt gibt es mehr Frauen in leitenden Positionen. Sie haben das zerstörte Land im Herzen Afrikas komplett umgekrempelt und zum Hoffnungsträger des Kontinents gemacht.


In hochhackigen Schuhen stürmt Epiphanie Mukashyaka den Bergpfad hinauf. Als ihr Handy klingelt, telefoniert sie im Laufen, gibt ein paar Anweisungen. Für die märchenhafte Landschaft hat sie keinen Blick übrig: Hügel bis zum Horizont, an den Hängen stehen Lehmhütten, in den Tälern Wälder; darüber wölbt sich der Äquatorhimmel.

An einer Kaffeeplantage macht Mukashyaka halt, zwei Dutzend Frauen pflücken die roten Kirschen. Der Bauer, dem das Land gehört, wird sofort von Mukashyaka zur Seite genommen: «Warum deckst du den Boden nicht mit Bananenblättern ab, er trocknet aus. Wieso rufst du mich nicht zurück? Du zahlst den Arbeiterinnen zu wenig.» Der hagere Mann zieht vor der kleinen stämmigen Mukashyaka seine Mütze. Vor ihm steht eine der erfolgreichsten Unternehmerinnen Ruandas. Mukashyaka kauft Kaffee von 7000 KleinbäuerInnen, lässt ihn waschen und exportiert ihn – und macht eine Million Dollar Umsatz pro Jahr. «Die Arbeit hat mich zurück ins Leben geholt», sagt die Fünfzigjährige.

Es gab eine Zeit, da war Mukashyaka sich sicher, dass sie umgebracht werden würde. Es ist diese Vergangenheit, die ihre Geschichte zur Sensation macht. Vor sechzehn Jahren, am 6. April 1994, wurde das Flugzeug des damaligen ruandischen Präsidenten von bis heute Unbekannten abgeschossen. Noch in derselben Nacht rief die Hutu-Regierung zur Ausrottung der Tutsi-Minderheit auf, die sie für den Anschlag verantwortlich machte. Epiphanie Mukashyaka und ihr Mann, die damals Bauern waren, handelten schnell: Die beiden Tutsi verteilten ihre Kinder auf Bekannte und flohen getrennt.

Der Geruch des Todes

Hundert Tage dauerte das Morden, und als Epiphanie Mukashyaka in ihre Heimatstadt Gikongoro zurückkehrte, waren eine Million Tutsi und moderate Hutu erschossen, zerhackt oder totgeprügelt worden. Ein Zehntel der Bevölkerung von Ruanda war nicht mehr am Leben. Nie zuvor in der Geschichte waren in so kurzer Zeit so viele Menschen umgebracht worden. «Der Geruch des Todes lag über allem», erinnert sich Mukashyaka. «Die Häuser waren zerstört, die Ernten verloren, die Schulen verwaist. Nur Leichen, überall nur Leichen.»

Es gab damals weder Wasser noch Strom. Und es gab auch kaum mehr Männer. Denn die Hutu-Milizen hatten es vor allem auf männliche Tutsi abgesehen. Die Frauen hielten sie zunächst gefangen, um sie zu vergewaltigen. Als die Hutu-Milizen und die Armee dann vor den anrückenden Tutsi-Rebellen in den Kongo flohen, blieben viele Frauen und Mädchen zurück – Tutsi wie Hutu. Sie machten nun siebzig Prozent der rund neun Millionen EinwohnerInnen aus. Teils schwer traumatisiert, übernahmen sie Felder, Firmen und Posten.

Es war eine stille Revolution, doch sie hat die kleine Nation im Herzen Afrikas umgewälzt. In keinem Land der Welt findet man heute mehr Frauen in entscheidenden Positionen. Uno-ExpertInnen halten das für einen Hauptgrund für den Aufstieg Ruandas zu einer der fortschrittlichsten Nationen Afrikas: mit Stabilität, Sicherheit und einem dauerhaften Wirtschaftswachstum. Dennoch zählt Ruanda immer noch zu den ärmsten Ländern der Welt: Mit seinem Bruttosozialprodukt belegt es Platz 147 von 212 Nationen, und die Hälfte der RuanderInnen muss mit weniger als einem halben Dollar am Tag überleben. Ausserdem ist Ruanda das am dichtesten bevölkerte Land Afrikas.

Epiphanie Mukashyaka hat ihren Mann nach dem Genozid nie wieder gesehen, und eins ihrer sieben Kinder blieb verschollen. Aber wie selbstverständlich nahm sie zwei Waisenkinder bei sich auf. Und dank eines neuen Gesetzes, das es Frauen erlaubte, Kredite aufzunehmen, kam sie an Geld. Sie bezog Kaffee von den Bauern aus den Bergen und verkaufte ihn weiter. 2003 gründete Mukashyaka dann das Unternehmen Bufcoffee, das heute jährlich 200 Tonnen Gourmetkaffee exportiert und 300 Arbeiterinnen beschäftigt. Beim Rückweg von der Plantage sagt Mukashyaka: «Früher traute ich mich nicht, alleine über die Strasse zu gehen. Ich hielt mich an der Hose meines Mannes fest.» Sie muss über sich selbst lachen, als sie das sagt.

Die Mehrheit im Parlament

Mukashyaka ist kein Einzelfall. Fast die Hälfte der ruandischen Unternehmen ist in weiblicher Hand. So wie man ohnehin an allen wichtigen Stellen auf Frauen trifft: Sie leiten 9 von 24 Ministerien und bilden im Parlament mit 45 zu 35 Abgeordneten die Mehrheit. Ruanda hat eine oberste Richterin, und die Hauptstadt Kigali wird von einer Bürgermeisterin regiert. Frauen führen ein Drittel der Haushalte und machen 55 Prozent der Arbeitskräfte aus: Sie bauen Häuser, sitzen in Banken, managen Hotels, lehren an Universitäten, fahren Taxi und sprechen Recht. Epiphanie Mukashyaka etwa entscheidet in einem Gachacha mit – einem Dorfgericht, das die Beteiligten am Völkermord aburteilt.

Dabei ist es nichts Besonderes, dass Frauen mehr Lasten tragen als Männer – das ist in allen Entwicklungsländern so. Das Neue ist, dass sie in Ruanda mitentscheiden. Mit positiven Effekten. So nimmt die Korruption rapide ab, was ein Uno-Bericht direkt auf den Einfluss der Frauen zurückführt. Dieselbe Studie stellt fest, dass Ruanda ohne seine Frauen niemals den Horror der Vergangenheit überwunden hätte.

Das heisst nicht, dass Frauen am Genozid unschuldig waren. Ministerinnen organisierten das Töten, Lehrerinnen agitierten gegen «Tutsi-Kakerlaken», Nonnen verrieten Flüchtlinge, Bäuerinnen erschlugen Bäuerinnen. Aber sie konnten auch vergeben. Am Nachmittag trifft Mukashyaka ihren Verkaufsleiter. Er ist Hutu. «Aber das spielt keine Rolle mehr», wiederholt sie das Mantra der ruandischen Regierung, die die Bezeichnungen verboten hat.

Aber kann man Versöhnung vorschreiben?

Es brodelt untergründig

Hope Azeda sitzt aufrecht im Zuschauerraum eines kleinen Theaters in Kigali. Auf der Bühne stimmen sieben Schauspieler ein Lied über die tausend Hügel Ruandas an. Sie werden von Azeda kritisch beäugt – die 31-Jährige ist Ruandas berühmteste Dramatikerin. Zum zehnten Jahrestag des Genozids inszenierte sie ihr Stück «Africa’s Hope» im Fussballstadion von Kigali. Bald tourt sie mit ihrer Theatertruppe um die Welt: London, Moskau, New York, Tokio.

Für «völlig normal» hält Azeda, dass die Ruanderinnen heute so selbstbewusst sind. «Was soll ihnen denn noch Angst machen?» Viele von Azedas Stücken handeln vom Genozid, der zum negativen Gründungsmythos Ruandas geworden ist. «Und dennoch», meint sie, «gibt es keine Sprache der Trauer, weil die Ruander keine Gefühle zeigen können.» Wenn etwa eine kongolesische Frau betrogen werde, dann vermöble sie ihren Mann. «Eine Ruanderin geht. Ohne eine Träne.»

Ausserdem, sagt Azeda, verhindere die Regierung einen Dialog. Tatsächlich hält Präsident Paul Kagame den Deckel auf eine Gesellschaft, in der es untergründig brodelt. Fast alle waren Opfer oder TäterInnen, auf dem Land grassiert der Alkoholismus. Und in einer der Diskotheken Kigalis bekommt man eine Ahnung von den Traumata dieses Landes, wenn junge Menschen auf der Tanzfläche plötzlich in Tränen ausbrechen. Gleichzeitig schwelt im Verborgenen der Hutu-Revisionismus. Unter Verweis auf diese Bedrohung lässt Kagame die Medien kontrollieren.

Ihre Stücke sieht Azeda deshalb als Versuche einer offeneren Verständigung. Die Rolle der Mediatorin fällt ihr leichter als anderen, weil sie zu den 750 000 ExilruanderInnen gehört, die erst nach dem Genozid zurückkehrten und heute die Elite bilden. Azeda profitiert also von den neuen Verhältnissen. Dennoch sagt sie: «Ich schreibe erst eine Komödie, wenn es Meinungsfreiheit gibt.»

Kaffee, Tee, Berggorillas

Für Elizabeth Nyirakaragire ist dieses Thema fern. Zügig geht sie durch den lichtdurchfluteten Bambuswald im äussersten Westen Ruandas. Sie zeigt auf Spuren in der feuchten Erde: «Elephants», sagt sie, «bad for gorillas». Plötzlich steht sie vor einem dicht bewachsenen Hang, ihr Höhenmesser zeigt 3000 Meter an. Nyirakaragire schickt ihren Begleiter mit der Machete vor. Nach fünfzehn Minuten Aufstieg macht sie Grunzgeräusche, die von einem Schmatzen aus dem Unterholz beantwortet werden. Nur wenige Meter entfernt sitzt eine Gorillafamilie und frisst. Nyirakaragire zückt ein Notizheft und beobachtet die elf Tiere. Sie schaut auf ihre Uhr und schreibt. Dann nickt sie: «Die Weibchen husten weniger.»

Man kann Elizabeth Nyirakaragire wohl als wichtigste Tierärztin Ruandas bezeichnen. Sie ist verantwortlich für 250 Berggorillas in den Virunga-Bergen an der Grenze zum Kongo. Die Tiere, von denen es weltweit rund 700 gibt, sind nach Kaffee und Tee die drittwichtigste Einnahmequelle Ruandas. Für eine Stunde mit den Primaten zahlen TouristInnen 500 Dollar. Der Kontakt mit den Menschen ist allerdings auch das grösste Risiko für die Tiere. «Ein Schnupfen kann lebensgefährlich sein», sagt Nyirakaragire.

Nach einer halben Stunde hat die 46-jährige Hutu genug gesehen und schlittert in ihren Gummistiefeln über das feuchte Gestrüpp hinab. Im Bambuswald wird sie von Soldaten mit Kalaschnikows abgeholt. Der Nationalpark grenzt an den Kongo, wohin die marodierenden Hutu-Milizen 1994 flohen. 1998 kehrten sie zurück und überfielen Ruhengeri, wo Nyirakaragire lebt. Die Kämpfer wollten ihren Mann rekrutieren, aber der Hutu weigerte sich und wurde erschossen. Die Tierärztin mag darüber nicht sprechen. «Es war eine schlimme Zeit», sagt sie. Seit dem Überfall zieht Nyirakaragire ihre drei Kinder alleine auf, leistet sich aber einen Koch. «Es gibt ein Sprichwort», sagt sie: «Der Mann geht, das Wissen bleibt.»

Eine erstaunliche Coolness

Wie man auf sich gestellt in einem armen Land überlebt, wissen auch viele der 120 Frauen, die sich auf einem Maniokfeld in der Nähe des Dorfes Murama in Zentralruanda niedergelassen haben. Vor ihnen steht Imaculée Mukaremera, die ruft, dass dreissig Frauen noch nicht für den Bau des Ziegenstalls bezahlt haben. Sie droht eine Geldbusse an. «Nächster Punkt: Welcher Mann soll unsere Ziegen hüten?» Nach einer viertelstündigen Diskussion unter praller Sonne einigt man sich darauf, dass eine Abordnung mit den Kandidaten ein Gehalt aushandeln soll. Die Frauen klatschen. Sie binden sich ihre Kinder auf den Rücken, greifen nach ihren Hacken und graben das fussballfeldgrosse Feld binnen zehn Minuten um.

Die Bäuerinnen gehören einer Frauenkooperative an. Zwei Tage in der Woche bestellen die Tutsi und Hutu gemeinsam mehrere Maniok- und Erdnussfelder. Die Kooperative prosperiert, und von ihren Einnahmen haben die Frauen, unter ihnen viele Witwen, Land und Ziegen gekauft. Zu ihrer Präsidentin haben sie Imaculeé Mukaremera gemacht, wahrscheinlich, weil die 26-Jährige nicht nur geradeheraus spricht, sondern auch eine erstaunliche Coolness ausstrahlt.

Am Abend stampft sie hinter ihrem Lehmhaus Erdnüsse, die ihr Mann für sie schält. Zwei Kleinkinder sitzen auf der Erde und lutschen an Kartoffelknollen. Doch die Idylle trügt. Die Toilette der Familie besteht aus einem Loch in der Erde, das Haus hat keine Fenster, es gibt weder Strom noch Wasser. «Die Armut ist unser grösstes Problem», sagt Mukaremera. Zudem wüteten die Hutu-Milizen in der Gegend besonders grausam und hinterliessen bei den Überlebenden tiefe seelische Narben. «Ich dacht, dass es unmöglich ist, wieder mit den Hutu zusammenzuleben», sagt die Präsidentin. «Aber heute geben wir uns wieder gegenseitig Salz. Und heiraten untereinander.»

Mit Anfang zwanzig lernte Mukaremera im Kirchenchor Efrain kennen. Sie verliebte sich in ihn, obwohl er der Sohn eines Hutu ist, der viele Tutsis auf dem Gewissen hat und der im Gefängnis starb. Nun zahlt das junge Paar die Entschädigung ab, zu der Efrains Vater verurteilt wurde. «Vergeben ist schwierig», sagt Mukaremera, «aber welche andere Wahl haben wir?»