Nr. 45/2020 vom 05.11.2020

Hände hoch!

Annette Hug stösst im Pflegeheim auf ein gutes Argument

Von Annette Hug

Neulich auf der Demenzstation: Eine entfernte Verwandte trägt seit einem Monat eine Karikatur mit sich herum. Wenn sich jemand mit ihr auf dem Flur des Pflegeheims unterhält, nimmt sie diese Zeichnung aus der Handtasche und beurteilt die Leute danach, ob sie lachen oder nicht. Rotkäppchen, ganz légère, zielt mit einer Knarre auf den Wolf. Der steht flapsig auf seinen Hinterbeinen und streckt die Vorderbeine in die Luft. Gelacht habe ich bereits, bevor die alte Dame die Bildunterschrift vorlas: «Ich bin Vegetarier!», sagt der Wolf.

«Ich bin Vegetarier», sagt die Verwandte nun immer wieder und lacht vor sich hin. Das ist eine Freude, denn oft hat sie Angst vor Kleiderdieben und vor den Räumen, die täglich wieder anders sind. Eine Demenzstation kann unheimlich an einen Jugendtreff erinnern. Einige Frauen beschweren sich über Männer, die ihnen Angst machen, weil sie manchmal plötzlich jemanden schubsen, sich bedrohlich auftürmen und den Weg versperren. Das Personal sucht nach schützenden Strategien. Rotkäppchen jedoch bewaffnet sich und bringt die alten Damen zum Lachen.

Vielen Dank an den Zeichner Felix Schaad für diese Karikatur. Sie hilft mir auch, das Abonnement des «Tages-Anzeigers» zu rechtfertigen. Das könnte nötig werden, denn für die Finanzen der entfernten Verwandten ist meine Ko-Beiständin vom Sozialamt zuständig, sie hat schon einmal nachgefragt, ob eine Person mit Demenz wirklich noch Zeitung lesen könne, ob sich die Kosten rechtfertigen liessen. Wann wird Kultur überflüssig? Die Tageszeitung ist relevant für den Überlebenswillen der Dame, kann ich jetzt nicht nur sagen, sondern beweisen. Man muss dem Wolf ins Gesicht lachen. Das schafft sie nicht allein, dafür braucht sie Kunst. Und findet sie in der Zeitung. Solange es Tageszeitungen noch gibt.

Auch im Fernsehen schnappt sie ab und zu etwas auf – solange ein lineares Programm zu sehen ist. Während die grossen Printmedien schrumpfen, baut das Schweizer Radio und Fernsehen Stellen und Sendungen ab, zum Beispiel Literatursendungen. Mit gekürztem Budget will SRF bessere und vielfältigere Angebote produzieren. Das Motto lautet «digital first». Das Ei des Kolumbus verspricht Direktorin Nathalie Wappler, während auf den sozialen Medien erschütternde Videos aus der Welt der Konzerte und Theater kursieren.

Vom Trompeter und Komponisten Till Brönner zum Beispiel. Wie ein Schiffbrüchiger, der eine Flaschenpost aussendet, appelliert er an die deutsche Regierung, den Musik- und Schauspielbetrieb nicht sterben zu lassen. Solche Auftritte sind zweifellos ein Scheissjob. Am liebsten würde man ihn ganz den besoldeten VerbandsfunktionärInnen überlassen. Sie sollen Umsatzzahlen und gesellschaftlichen Nutzen rühmen, und ich könnte beim stillen Optimismus bleiben, dass der Wille, zu lesen, Musik zu hören, nachzudenken und sich zu vergessen, stärker ist als diese Krise. Eigentlich müssten jetzt alle den Kopf frei haben, um zu verstehen, was mit der Welt passiert. Stattdessen scheint es notwendig, im Konzert der Anspruchsgruppen mitzujammern. Weil sonst kein Unterstützungsgeld fliesst und Strukturen wegbrechen. Viel schöner wäre es, mit einem guten Witz zu punkten. Und wenn Ueli Maurer noch einmal sagt, es gebe jetzt also kein Geld mehr, dann kommt das Rotkäppchen.

Annette Hug ist Autorin in Zürich und als Vorstandsmitglied des A*dS (Verband der Autorinnen und Autoren der Schweiz) gehalten, einen konstruktiven Dialog mit SRF zu führen.

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