Altersheime in der Pandemie : Zwischen Schutzkonzept und Schwyzerörgeli

Nr.  45 –

Alters- und Pflegeheime gelten in der Pandemie als besonders gefährdete Orte. Im «Schärme» im bernischen Melchnau geht das Leben trotzdem relativ vergnügt weiter.

  • Zu Ländler von Radio Musikwelle gibts in der Cafeteria eine Jasspartie: Geselligkeit wird im «Schärme» auch dieser Tage grossgeschrieben.
  • Ida Schulthess, an ihrem 92. Geburtstag: Ihre beiden Töchter wohnen in der Nähe und kommen regelmässig zu Besuch.
  • Anna Kühni (links) auf dem Weg zum nächsten Programmpunkt! Besonders beliebt: Wäschefalten am Dienstagnachmittag.
  • Arbeitet auch in diesen Zeiten gerne im «Schärme», weil es den Leuten hier gut gehe: Catherine Müller, Pflegefachfrau.
  • Gleich läuft «Le Renard» auf France 3: Monika Jörg weiss sich zu unterhalten. Rechts: Marianne Wasem, Leiterin der «Aktivierung».

In sportlichem Tempo schiebt Monika Jörg ihren Rollator durch die Cafeteria des Altersheims «Schärme». «Ich habe ein bisschen plagiert!» Sie habe zeigen wollen, wie schnell sie gehen könne, jetzt tue ihr das Bein weh. Frau Jörg lässt sich vorsichtig an einem Tisch in der Mitte des hellen Raums nieder. Die Fensterfront gibt den Blick frei auf eine Wiese mit weidenden Kühen, im Hintergrund der dazugehörige Bauernhof. Das schmale Strässchen zwischen Altersheim und Wiese führt auf eine Anhöhe; nach dem «Chalet», das auch zum Altersheimkomplex gehört, folgen nur noch Felder und weiter hinten der Wald.

Monika Jörg gefällt es hier. Nach einer allergischen Reaktion auf ein Medikament war sie längere Zeit im Spital und wurde zur «Halbinvaliden», wie sie sagt. Seither lebt sie im «Schärme» in Melchnau im bernischen Oberaargau, mit ihren 72 Jahren ist sie eine der Jüngeren hier. Unten im Dorf leben 1500 Menschen, es gibt eine Kirche, eine Landi, einen Volg und den Gasthof Löwen. Frau Jörg ist wie die meisten der 67 BewohnerInnen in einer Gemeinde in der Nähe aufgewachsen. Dann habe sie einen «Welschen» geheiratet und zwanzig Jahre im waadtländischen Bex gelebt. Jörg meint, sie spreche noch besser Französisch als Deutsch – punkto Fernsehprogramm ein grosser Vorteil. So hat sie sowohl deutsch- wie auch französischsprachige Kanäle zur Auswahl und findet fast immer eine Sendung, die sie interessiert. Am liebsten mag sie Krimis und Sportübertragungen. «Vor allem Fussball», sagt sie und erzählt vom letzten Spiel des FC Bayern München und wie Thomas Müller ungerechtfertigterweise eine Gelbe Karte erhielt. Weniger Gefallen findet sie an den Hygieneschutzmasken: «Wissen Sie, wie froh ich bin, dass ich so was nicht tragen muss?» Eine generelle Maskenpflicht wurde im «Schärme» erst am 22. Oktober eingeführt. Sie gilt für alle BesucherInnen und Mitarbeitenden, nicht aber für die BewohnerInnen.

Botschaften aus der Lovebox

«11 Personen in Arther Altersheim verstorben». «Corona-Tragödie in Schweizer Altersheimen». «Was lief falsch in den Altersheimen?» Während die erste Welle der Pandemie bereits am Abflachen war, berichteten die Zeitungen noch lange über die hohe Zahl der Ansteckungen und Todesfälle in Altersheimen. Rund die Hälfte aller Coronaopfer starben in Alters- und Pflegeheimen. Dass ältere Menschen stärker gefährdet sind, weiss man schon lange: Das Bundesamt für Gesundheit (BAG) zählte die über 65-Jährigen bis vor kurzem pauschal zur Risikogruppe; auch ein geschwächtes Immunsystem und Vorerkrankungen können den Krankheitsverlauf negativ beeinflussen. AltersheimbewohnerInnen, im Schnitt über achtzig Jahre alt und selten kerngesund, gelten daher in mehrfacher Hinsicht als vulnerabel. Um HeimbewohnerInnen zu schützen, empfahl das BAG in einem Schreiben vom 14. März, Besuche von Familien, FreundInnen und Bekannten möglichst zu unterbinden. Eine Weisung, die von den Kantonen in Form eines mehr oder weniger strikten Besuchsverbots umgesetzt und vielerorts erst nach zwei Monaten schrittweise wieder aufgehoben wurde. Nicht nur Corona, auch das Besuchsverbot hatte negative Auswirkungen auf die Betagten.

Im «Schärme» waren es vier Wochen, in denen Angehörige ihre Liebsten nicht besuchen konnten. Doch das Heim fand rasch eine kreative Notlösung: «Am 7. April haben wir mit unserem Schreiner die sogenannte Lovebox geplant, am 9. April war sie einsatzbereit», sagt Beat Nydegger, der Heimleiter. Das kleine Holzhäuschen mit dem etwas ungeschickt gewählten Namen befindet sich neben dem Haupteingang und wurde von aussen an ein bestehendes Fenster gebaut. In der vielleicht fünf Quadratmeter grossen Box steht ein Tisch, darauf liegt ein Telefon. Auf der andern Seite des Fensters im Gebäudeinnern dasselbe Arrangement. «Wie im Gefängnis», konstatiert Nydegger das Offensichtliche. Auf die Idee gekommen seien sie dank eines Radiobeitrags.

Heute ist die Box leer, die Tür steht offen und gibt den Blick frei auf ein Plakat an der Holzwand, auf dem Angehörige von BewohnerInnen vorwiegend Gruss- und Dankesbotschaften hinterlassen haben. Jemand hat «Blöder Name» auf das Plakat geschrieben. Dass die Holzhütte nicht in Gebrauch ist, liegt daran, dass Besuche im Heim aktuell gestattet sind. Doch das kann sich jederzeit ändern. «Wenn wir einen Fall haben, müssen wir schliessen», sagt Nydegger, «zumindest vorübergehend.»

Das Holzhäuschen scheint von den BewohnerInnen und ihren Familien gut aufgenommen worden zu sein, ist aber nicht für alle gleich praktikabel. Ida Schulthess feiert an diesem Tag Geburtstag und wird in ihrem Sechzehn-Quadratmeter-Zimmer gerade von ihren beiden Töchtern besucht. «Grosi, darf er ein Foto von dir machen?» – «Äuä», winkt Frau Schulthess zunächst ab. Sie sei zu alt, um fotografiert zu werden. Die frischgebackene 92-Jährige sitzt in einem Sessel am Fenster, der sich per Knopfdruck so steuern lässt, dass sie die Füsse hochlegen oder den Sitz verstellen kann, damit das Aufstehen leichter geht. Schliesslich lässt sie sich doch noch überzeugen, für ein Gruppenbild zu posieren.

Die beiden Töchter wohnen in der Nähe und kommen regelmässig vorbei. Momentan müssen sie sich wie alle BesucherInnen voranmelden und sollten nicht länger als eine Stunde bleiben. Der Besuch ist auf das Zimmer der Bewohnerin beschränkt. Während die zwei Frauen erzählen, wirft Ida Schulthess vom Sessel aus ab und zu ein paar vergnügte Bemerkungen ein und erzählt etwas «von früher». Während des Lockdowns hätten sie oft telefoniert, sagt die eine Tochter. Die Lovebox sei nichts für ihre Mutter gewesen, da sie nicht mehr gut höre und sehe. «Sie meinte, sie könne ja stattdessen auch im Bett liegen und mit uns telefonieren.» Doch waren die Telefonate kein Ersatz für den Kontakt von Angesicht zu Angesicht. «Nach neun Wochen haben uns Mitarbeitende des Heims mitgeteilt, dass es unserer Mutter psychisch schlecht gehe.» Die beiden Töchter vereinbarten mit dem Heim, ihre Mutter regelmässig abzuholen, zu sich nach Hause zu nehmen und Ausflüge mit ihr zu machen: «Von da an ging es sofort bergauf mit ihr.»

Der Appell von MedizinethikerInnen

Auf die Artikel über die zahlreichen Todesfälle folgten im Sommer Berichte über negative Folgen der Isolation für AltersheimbewohnerInnen. Bei der Unabhängigen Beschwerdestelle für das Alter (UBA) gingen zwischen März und Juni 127 Eingaben mit Coronabezug ein. Davon hätten 116 Fälle Heime und andere Institutionen betroffen, sagt Geschäftsleiterin Ruth Mettler. Die UBA hat Angehörige darüber informiert, wie sie trotz Besuchsverbot weiterhin in Kontakt mit HeimbewohnerInnen bleiben könnten, und leitete bestimmte Fälle zur Klärung an regionale Fachkommissionen weiter. Anfang Juli schaltete sich auch eine Gruppe von über hundert MedizinethikerInnen in die Diskussion ein. In der «Ärztezeitung» veröffentlichten sie einen Appell, in dem sie schilderten, wie die Einschränkung der Persönlichkeitsrechte in Form eines Besuchsverbots bei vielen Betroffenen zum Verlust von Lebensqualität oder gar zu Depressionen geführt habe. Die Unterzeichnenden forderten, dass verfassungsmässig garantierte Freiheits- und Persönlichkeitsrechte auch für Risikogruppen vollumfänglich gewährleistet bleiben müssten.

Tanja Krones ist Mitunterzeichnerin des Appells. Auf die Frage, was er bewirkt habe, sagt die Medizinethikerin und Leiterin klinische Ethik an der Universität und am Universitätsspital Zürich: «Der Dialog mit dem Branchenverband Curaviva und den kantonalen Behörden hat sich intensiviert.» Doch trotz aller Bemühungen bestehe noch immer die Gefahr, dass im einen oder anderen Heim reflexartig zu strikten Massnahmen gegriffen werde: «Das liegt aber nicht am fehlenden Willen der Verantwortlichen, sondern ist ein strukturelles Problem, das mit dem Mangel an qualifiziertem Personal zusammenhängt.» Generelle Besuchsverbote, hält Krones fest, seien aber auch in schwierigen Situationen inakzeptabel.

Nun, da die Ansteckungszahlen stark angestiegen und zunehmend auch wieder Altersheime betroffen sind, scheinen sich die Ereignisse zu wiederholen: So haben nicht nur einzelne Institutionen, sondern auch die Kantone Luzern und Wallis erneut ein generelles Besuchsverbot für Alters- und Pflegeheime verhängt. In Luzern wurde das Verbot nach Protesten von HeimleiterInnen bereits wieder gelockert. Für Markus Leser, Leiter des Fachbereichs Menschen im Alter von Curaviva Schweiz, sind die generellen Verbote Ausdruck von undifferenziertem Handeln. «Anstelle eines flächendeckenden Verbots braucht es differenzierte Besuchsregelungen», so der ausgebildete Gerontologe. Auffallend sei, dass in Kantonen, in denen auf pauschale Verbote zurückgegriffen werde, häufig keine Ethikerinnen und Gerontologen in den Krisenstäben vertreten seien. Und er kritisiert den gesellschaftlichen Fokus auf den Schutz des Körpers bei gleichzeitiger Vernachlässigung der Psyche: «Totaler Schutz bei totaler Selbstbestimmung – das geht nicht auf.»

Beat Nydegger, der Leiter des «Schärme», hofft, dass er das Altersheim für Besuche weiterhin geöffnet lassen kann. Auch bei einem Coronafall: «Meine Haltung ist, dass man die Lovebox vermutlich nutzen könnte und sollte. Soziale Kontakte, wenn auch auf ein Minimum reduziert und durch Plexiglas erschwert, sollten möglich bleiben.» Im Fall einer Ansteckung würden sowieso der Kantonsarzt und die strategische Krisengruppe des Altersheims miteinbezogen. Dem Heimleiter ist es wichtig, dass die BewohnerInnen über ihr Schicksal mitbestimmen können. Am 10. September fand eine BewohnerInnenratssitzung statt, an der neben der Leitung auch ein Drittel aller BewohnerInnen teilnahm. Die Leute seien zufrieden damit, wie der «Schärme» die Krise handhabe, steht im Sitzungsprotokoll. An der Sitzung wurde zudem betont, dass die Heimleitung für persönliche Gespräche zur Verfügung steht. «Das Angebot wurde bisher nicht angenommen», sagt Nydegger.

«Es hilft, auf dem Land zu sein»

Die neunzigjährige ehemalige Köchin Anna Kühni und ihre Kollegin, die ihren Namen lieber nicht in der Zeitung lesen möchte, weil sowieso zu viel geredet werde, sind sehr zufrieden mit dem «Schärme». Sie sitzen an einem Tisch in der Cafeteria, die sich ab 14 Uhr langsam füllt und in der ununterbrochen Radio Musikwelle läuft. Die beiden scheinen weder von der Pandemie noch von den Schutzmassnahmen gross beeindruckt.

«Man muss sich einfach an die Vorschriften halten. Und fertig.»

«Wir können es nicht ändern, es ist jetzt einfach so», sagt Anna Kühni.

«Die Leute sind selber schuld. Und dann diese Veranstaltungen und Demonstrationen: Wofür?»

Als sich Corona im Frühjahr rasant ausbreitete, wurden nicht nur die Besuche, sondern auch einige der regulären Aktivitäten innerhalb des Heims eingeschränkt. Da begannen die beiden Frauen, regelmässig zu jassen. Seither spielen sie fast jeden Tag – manchmal zu dritt, manchmal zu viert. «Schieber oder Bieter», sagt Frau Kühni. Beide Frauen gehen zudem jeden Dienstagmorgen ins Turnen – einer der wöchentlichen Programmpunkte. Sehr beliebt sei auch das Wäschefalten am Dienstagnachmittag. «Die Leute mögen am liebsten Dinge, die früher ein Teil ihres Alltags waren», sagt Marianne Wasem, die Leiterin der «Aktivierung». Auch sehr beliebt seien Lotto oder kleine Konzerte wie das des Ländlertrios Burgdorfer Giele mit Schwyzerörgeli und Kontrabass. Das Fazit von Frau Kühni und ihrer Kollegin: «Man muss einfach aufpassen.»

Wichtigster Grundpfeiler des Schutzkonzepts im «Schärme» ist die Einhaltung der Distanz von mindestens anderthalb Metern. Gerade während Besuchen, die nur noch in den Zimmern erlaubt sind, klappe das nicht immer: «Man muss es den Leuten immer wieder sagen», meint Catherine Müller, die als Fachfrau Gesundheit im Heim arbeitet. Auch sonst sei die grösste Veränderung, dass man noch besser aufpassen und noch genauer arbeiten müsse. Der zunehmende Druck wirke sich auch im Privatleben aus: «Es ist ein psychischer Stress. Man überlegt sich immer zweimal, ob ein Kontakt nötig ist.» In Melchnau arbeitet sie auch in diesen Zeiten gerne, weil es den BewohnerInnen hier gut gehe, wie sie findet. «Das ist für mich das Wichtigste.»

Das Schutzkonzept, das von der Heimleitung laufend den aktuellen Entwicklungen angepasst wird, basiert auf den Empfehlungen von Bund, Kanton und dem Branchenverband Curaviva. Ein spezifisches Notszenario hat das Heim aber nicht: «Man kann schon versuchen, alles zu planen, aber schliesslich muss man jede Situation einzeln anschauen.» Im «Schärme» gab es bisher keinen einzigen Coronafall – weder im Frühjahr noch jetzt. Nydegger glaubt, das liege auch am Standort: «Es hilft nicht gegen alles, aber es hilft, auf dem Land zu sein.» Viel weniger Betrieb als in der Stadt, weniger Häuser, weniger Menschen. Hinzu kommt, dass in ganz Melchnau bisher nur vereinzelte Infektionen auftauchten. Ist das der Grund dafür, dass der Heimleiter aus Basel so entspannt wirkt? «Wenn es kommt, dann kommt es. Man kann das Risiko nur minimieren.»

«Entschuldigung, wie lange dauert das noch?»

«Was denn?»

«Das Gespräch hier, wie lange dauert das etwa noch?»

Gleich läuft «Le Renard» auf France 3, und Monika Jörg möchte vorher noch eine Zigarette rauchen. Eine schmale Schachtel Vogue liegt im Körbchen ihres Rollators. Ob ihr Corona keine Angst mache? «Ich finde es sehr schlimm, aber persönlich bin ich nicht betroffen. Ich darf nach draussen, und ich werde besucht.» Die Tochter aus dem Nachbardorf kommt zweimal pro Woche vorbei, mit der anderen Tochter telefoniert sie täglich. Auch Jörg wurde, sobald dies vom Altersheim aus möglich war, regelmässig von ihrer Familie abgeholt, um Ausflüge zu unternehmen. Mit der Tochter aus der Romandie hat sie sich einmal in der Lovebox getroffen. Wie das gewesen sei? Jörg zuckt mit den Schultern. Das sei jetzt schon lange her. Und ob das eine schwierige Zeit war, diese Wochen im Frühjahr, in denen gar kein Besuch mehr kam? Monika Jörg überlegt kurz und lächelt dann etwas verlegen: «Ich habe es vergessen.» Ein paar Minuten später steht sie auf und geht, auf ihren Rollator gestützt, durch die Cafeteria Richtung Terrassentür.