Nr. 37/2020 vom 10.09.2020

Hannibal Lecter lässt grüssen

Von Franziska MeisterMail an Autor:in

Manche ForscherInnen verfolgen, nun ja, eher ausgefallene Interessen. Im vorliegenden Fall könnte man sich sogar dazu versteigen, sie abwegig zu nennen: Da tauchen ein arrivierter Neurobiologieprofessor der Humboldt-Universität in Berlin und eine junge Nachwuchswissenschaftlerin in die verborgensten Winkel des Internets – auf der Suche nach KannibalInnen. Genau 121 haben sie aufgestöbert, denen seit 1900 mindestens 631 Personen zum Opfer gefallen sind. Minutiös erfassen die beiden «ProfilerInnen» die Menschenfleischfresser darauf in einer Datenbank.

Nebst Alter und Geschlecht interessieren sie sich vor allem für die spezifische Tötungsmethode, die Beziehung zum Opfer und den Geisteszustand. Letzteren quantifizierten sie von eins (war schon mal in psychischer Behandlung) bis vier (für unzurechnungsfähig erklärt). Die Statistik gibt her: KannibalInnen sind zu über neunzig Prozent männlich und deutlich angejahrt, sie bevorzugen junge Opfer beiderlei Geschlechts und töten sie am liebsten von Hand, indem sie sie erstechen, erwürgen oder erschlagen. Drei von vier gelten übrigens als psychisch nur leicht angeschlagen, ihre Taten als sexuell motiviert – weil sie Brüste und Genitalien der Opfer verstümmelten.

Essen taten sie dann aber nicht diese, sondern das Fleisch. «Das hat uns irgendwie überrascht», schreiben die beiden, begründen es aber damit, dass Geschlechtsteile offenbar schwieriger zuzubereiten seien. «Überraschend» finden sie auch weitere Resultate ihrer Untersuchung – wie etwa, dass manche das Fleisch zwar kauen, aber nicht schlucken oder es wieder erbrechen. Dass dies vor allem beim Genuss von Blutsverwandten passiert, die sich grundsätzlich nur selten unter den Opfern finden, verleitet sie zur Schlussfolgerung, die auch den Titel der Studie ziert: «Kannibalen verschonen ihre Verwandten». Ausser natürlich, sie sind totale Psychopathen (Stufe vier). Wie überraschend.

Ziemlich morbid: die von den beiden KannibalismusexpertInnen errichtete Website cannibalismresearch.org.

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