Nr. 38/2020 vom 17.09.2020

Maske in der Menge

Ruedi Widmer über Wahlkampf und eine zweite Haut

Von Ruedi Widmer

Wenn man sieht, wie die twitterige Politkaste den immens wichtigen Kontakt zur besonnenen, rational denkenden, aber leider zu wenig lauten Volksmehrheit verliert, zum Beispiel durch Ablehnung der Maskenpflicht (Jacqueline Badran, Jacqueline Fehr, Erich Hess oder US-Präsident Dagobert Duck), dann trauert man den Zeiten nach, in denen Volkspolitiker, diskret von Leibgarden umgeben, die wahren Nöte der Volksmehrheit statt im irren Internet noch im sogenannten Bad in der Menge erspürten. Die Badesaison im Wasser mag vorbeigehen in diesen Tagen, aber das Menschenbad war im Herbst für viele Polithechte, die für höhere Ämter und Sphären bestimmt waren (Kennedy, Obama, Blocher, Brandt, Schmitt, Schröder, Söder, Schulz, Steinmeier, Steinbrück, Scharping, Schüssel, Strauss, Strauss-Kahn [okay, übergriffig], V. Schisgardestäng, O. Skarlafontaine und wie sie alle hiessen und heissen) die Hälfte des Wahlkampfs. Doch weder Händedruck noch Schulterklopfen sind noch gefragt. Und die Definition der Menge an sich ist selber zum Politikum geworden. Für die einen sind fünf Leute gleich viel wie eine Milliarde, für die anderen zählt die Volksrasenabdeckung mehr als das Volk selber. In der alternativen Realität ist ein Nachtessen mit seiner Frau für den belarusischen Präsidenten Lukaschenko gut und gerne ein Bad in der Menge.

Es gibt aber Hoffnung, zumindest für den russischen Gaskanzler Gerhard Schröder oder seinen Chef Wladimir Putin, der nur noch mit Gift den Kontakt zum Volk sucht. In Ostpreussen im Kreis Insterburg bei Tilsit (heute Sowetsk) im heutigen russisch Kaliningrad fliesst ein kleines Flüsschen namens Menge. Wahrscheinlich heisst das heute russisch, ich habe es auf einer alten deutschen Landkarte gefunden. Darin können Politiker ihre immense politische Popularität geniessen, ohne von jemandem mit Corona angesteckt zu werden (dafür vielleicht mit anderen Krankheiten).

Die Maskenpflicht ist für die grosse Minderheit der Lauten und Geschwätzigen im Land die grösste Herausforderung des 21. Jahrhunderts. Sie schlägt die Pandemie, wegen der sie eingeführt wurde, um Längen, ebenso die Frage der bilateralen Verträge mit der EU oder die Flüchtlingskrise von Moria.

Leidend versuchen Herr und Frau Schweizer im Alltag, die Absichten ihres Gegenübers an den Augenbewegungen zu erkennen. Auch wenn ich das Maskentragen befürworte, kann ich einen Teil der Bedenken der MaskengegnerInnen verstehen. Es ist möglich, dass die Gesichtsmaske die menschliche Existenz umkrempelt. Die mundtot gemachten demokratischen Mitsprachemünder dahinter sind ja schon heute verstummt. Die Nasen sind teilweise bereits erstickt, und immer mehr Menschen versuchen in Panik, mit den Ohren zu atmen, mit denen sie ohnehin schon wackeln, um ihre himmelschreiende Hilflosigkeit auszudrücken. Der Mund droht mittelfristig zur Terra incognita zu werden. Mit seinem Speichel und den gelben Zähnen hat er das Potenzial, zu etwas Ekligem zu werden, das wirklich hinter eine Windel gehört und eigentlich nur noch medizinisch akzeptiert wird, weil es das logische Gegenteil des Anus ist. Kieferorthopäden spüren schon heute, ähnlich wie die Lippenschminkindustrie, eine sinkende Nachfrage nach ihren Diensten. Die Münder verwahrlosen hinter den Masken. Wie die Zinnen der Burgen des Mittelalters zerfallen ihre stolzen weissen Zähne zu Ruinen einer vergangenen Zeit. Kinder, die nach 2020 geboren sind, werden vielleicht nie mehr erfahren, was ein Mund ist.

Die Evolution wird aber schnell reagieren. So bildet sich noch vor der Einführung der Impfstrafe ab 2022 bei den ersten Menschen eine zweite Haut zwischen den Ohren, die über das Gesicht gestreift werden kann, in der Art dem dehnbaren Sack des Pelikanschnabels nicht unähnlich, sodass Maskentragen ganz natürlich wird.

Ruedi Widmer ist Cartoonist und nahm diesen Sommer auch mal ein Bad im Rhein.

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