Nr. 02/2021 vom 14.01.2021

Aufs Glatteis mit dem Diktator

Während das belarusische Regime Proteste niederknüppelt, kuschelt der Schweizer René Fasel mit Machthaber Lukaschenko. Für die Verlegung der WM in ein anderes Land sieht der Präsident des Internationalen Eishockeyverbands keinen Grund.

Von Simone Brunner und Sarah Schmalz

Auf seinen Schweizer Duzfreund ist selbst dieser Tage Verlass: Der belarusische Präsident Alexander Lukaschenko mit René Fasel, Präsident des Eishockeyweltverbands. Foto: Nikolai Petrov, Reuters

Für den Diktator packt er sogar sein Russisch aus. «Gospodin President!», ruft René Fasel aus, als Alexander Lukaschenko herantritt, die Hände ausbreitet und sich die Männer um den Hals fallen. Der goldene Stuck im prächtigen Minsker Unabhängigkeitspalast glänzt im Scheinwerferlicht, die Kameras des Staatsfernsehens halten drauf. Eine innige Umarmung, ein Schulterklopfen, ein fester Händedruck, wie unter alten Freunden.

Hochrangige Gäste sind bei Lukaschenko rar geworden. Doch auf seinen Schweizer Duzfreund ist selbst dieser Tage Verlass. Fasel, der Präsident des Internationalen Eishockeyverbands (IIHF), besuchte Lukaschenko am Montag. Die Aufnahmen des Treffens liefern bizarre Bilder, wie aus einer anderen Zeit, als gäbe es keine Pandemie und auch keine Proteste im Land. Gemeinsam mit Lettland soll Belarus vom 21. Mai bis 6. Juni die Eishockey-WM ausrichten. Doch zuletzt ist der Druck auf den Weltverband gewachsen, Belarus das Turnier zu entziehen. Im Land wird seit Monaten der Widerstand niedergeknüppelt; Lukaschenko macht seinem Ruf als «letzter Diktator Europas» alle Ehre.

Die Proteste hatten sich an der gefälschten Präsidentschaftswahl am 9. August entzündet. Die bisherige Bilanz: 33 000 Festnahmen, Zehntausende sind aus dem Land geflohen, es gab Hunderte Verletzte und sogar Tote. Unter den Inhaftierten ist auch Natallia Hersche, eine St. Gallerin mit schweizerisch-belarusischer Doppelstaatsbürgerschaft. Sie wurde im Dezember zu zweieinhalb Jahren Haft verurteilt, weil sie an einer Demonstration in der Not einen Omon-Sonderpolizisten im Gesicht gekratzt hatte. «Von welchem Sportfest kann die Rede sein, wenn Tausende Menschen im Gefängnis sitzen?», fragte zuletzt die Oppositionsführerin Swetlana Tichanowskaja aus dem litauischen Exil.

«Wie ist das möglich?»

Lukaschenko hat Eishockey zum Nationalsport auserkoren, schon 2014 holte er die WM ins Land. Zu Beginn der Coronapandemie frohlockte er, die kühle Eisfläche sei «das beste Antivirusmittel». Wenige Wochen später erkrankte Lukaschenko selbst an Covid-19. Inzwischen hat sogar die ExpertInnenkommission des IIHF Zweifel am Austragungsort angemeldet – argumentierte aber offiziell mit der Coronasituation im Land. Abgeordnete des EU-Parlaments haben Fasel zuletzt aufgefordert, die Spiele in ein anderes Land zu verlegen, der Direktor des dänischen Eishockeyverbands drohte mit Boykott.

Wer für Belarus einspringen könnte, soll bei der Ratssitzung des IIHF am 25./26. Januar entschieden werden. Doch Fasel hielt beim Treffen mit Lukaschenko an der Austragung in Belarus fest: «Wir sollten Sport und Politik nicht vermischen», liess er den Diktator in Minsk wissen, «Sport sollte die Menschen vereinen, nicht trennen.»

In einem offenen Brief in der FAZ wandte sich der belarusische Schriftsteller Sascha Filipenko direkt an Fasel. Wie, fragt er darin, soll eine WM in Belarus stattfinden, wenn dort zugleich geprügelt, gefoltert und gemordet werde? «Verstehe ich es richtig, dass Sie die WM in einem Land spielen lassen wollen, in dem Menschen für die Verwendung der Nationalflagge verprügelt und erschossen werden? Haben Sie Lukaschenko schon das Versprechen abgenommen, dass seine Kettenhunde für andere Flaggen nicht töten werden?»

Der Schriftsteller spielt auf den Tod eines jungen Mannes an, der kürzlich die belarusische Opposition erschüttert hat: Er wurde in einem Minsker Innenhof festgenommen und so stark verprügelt, dass er später im Spital starb. Es heisst, der Mann habe nur die weiss-rot-weiss geknüpften Bänder bewachen wollen, die als Protestsymbol an einen Zaun geknüpft waren und immer wieder von Spezialkräften entfernt wurden.

Pikant ist, dass ausgerechnet der Präsident des belarusischen Eishockeyverbands, Dmitri Baskow, in diesen Mord verwickelt sein soll: Wie Videoaufnahmen zeigen, befand er sich am Abend der Festnahme in besagtem Hinterhof. Während Ko-Ausrichter Lettland bereits ein Einreiseverbot gegen Baskow verhängt hat, besuchte Fasel am Abend seines Minsk-Aufenthalts mit diesem einen Eishockeymatch, die Männer posierten später für ein Foto, lächelnd, im freundschaftlichen Schulterschluss. Unter BelarusInnen sorgten diese Bilder für Entsetzen. «Wie ist das nur möglich?», fragt Schriftsteller Filipenko im Gespräch mit der WOZ.

Kritik kommt aber auch aus der Sportwelt. Die Belarusian Sport Solidarity Foundation (BSSF) wurde im August gegründet, um die unter Druck geratenen SportlerInnen zu unterstützen. Viele von ihnen, wie die Basketballspielerin Jelena Leutschanka, haben sich früh auf die Seite der Opposition geschlagen und wurden später inhaftiert.

Die BSSF hat sich dieser Tage an die Hauptsponsoren der Eishockey-WM – darunter Volkswagen, Nike und Pirelli – gewandt. Man wolle auf die Zustände in Belarus aufmerksam machen, «wo die Bürger exzessiver Gewalt, Folter und Diskriminierung vonseiten der Staatsgewalt ausgesetzt und noch immer 169 politische Gefangene hinter Gittern sind», heisst es in einem Brief, der der WOZ vorliegt. «Die WM führt nur dazu, Lukaschenkos Macht zu legitimieren», sagt der BSSF-Direktor Alexander Opejkin. «Und die Sponsoren haben einen Ruf zu verlieren.» Dass das Turnier planmässig in Belarus stattfindet, hält Opejkin inzwischen für «undenkbar».

Keine Boykottdrohung

Auch in der Schweiz wächst die Empörung über das Verhalten von IIHF-Chef Fasel. Linke PolitikerInnen, aber auch SportjournalistInnen und Eishockeyfans bezeichnen dessen Schmusekurs auf Twitter als «beschämend» oder «untragbar». Doch ist nicht erst seit Montag bekannt, dass er keinerlei Berührungsängste gegenüber autoritären Machthabern hat. So nennt er etwa den russischen Präsidenten Wladimir Putin «einen guten Freund».

In einem Interview mit dem TV-Sender Mysports schildert er den Moment, als er den russischen Machthaber 1999, ein Jahr vor der WM in St. Petersburg, in Moskau kennenlernte: Putin habe damals dreissig Millionen US-Dollar in ein neues Eishockeystadion investiert. «Ich sagte ihm: Für diesen Preis kannst du bei der WM-Eröffnungsrede sagen, was du willst.» Sportsmänner unter sich. Später sagte Fasel über Putin Dinge wie: «Ich bin ein grosser Bewunderer von ihm. Putin ist ein anderer Mensch, als er im Westen dargestellt wird. Er ist ein Mann, der die Leute sehr respektiert. Wir lachen auch oft gemeinsam.»

Geschadet hat Fasel, der den IIHF mittlerweile seit fast 27 Jahren präsidiert, die Nähe zu Autokraten nie: Der Fribourger, der eine erstaunliche Karriere vom Zahnarzt und Drittligaschiedsrichter zum Weltverbandsvorsitzenden und Vorstandsmitglied des Internationalen Olympischen Komitees (IOC) hingelegt hat, wurde von der Schweizer Öffentlichkeit stets hofiert. Als weltmännisch und jovial wurde er beschrieben, als erfolgreicher Vermittler für den Sport.

Auch ein Korruptionsfall – Fasel gestand 2010, einem Zuger Freund ein lukratives Mandat beim IOC verschafft zu haben – vermochte Fasels Image nicht zu ramponieren. Dem IIHF stand bisher keiner länger vor als er. Abtreten wollte der Siebzigjährige eigentlich schon 2020, die Heim-WM sollte zum Höhepunkt werden. Corona machte Fasel einen Strich durch die Rechnung, er verlängerte um ein Jahr. Zuletzt dachte er öffentlich über ein künftiges Engagement beim russischen Eishockeyverband nach.

Fasel und der IIHF wollten gegenüber der WOZ keine Stellung nehmen, «um die laufenden Gespräche und Diskussionen nicht zu gefährden». Nachdem am Montag die Bilder des Treffens in Minsk öffentlich geworden waren und der Druck zunahm, sah sich Fasel zu einer Erklärung genötigt. Gegenüber SRF sagte er: Die Umarmung sei ihm peinlich. Doch er wollte «diese spezielle Beziehung zu Lukaschenko nutzen, um etwas Gutes zu tun». Er habe Lukaschenko überzeugen wollen, dass dieser mit der WM ein Signal an die Protestierenden senden könne. «Nämlich dass er mit der Opposition den Dialog sucht.»

Derweil geht der Schweizer Eishockeyverband auf Halbdistanz zum Weltverband: Man verurteile jegliche Gewalt und Verstösse gegen Menschenrechte «aufs Schärfste», liess er am Montag verlauten. Mit einem Boykott droht der Verband aber nicht. Weil das WM-Turnier eine wichtige Einnahmequelle ist? Auch dem IIHF dürfte es zum Teil um Geld gehen: Entzieht er Belarus aus politischen Gründen die WM, drohen ihm teure juristische Auseinandersetzungen um eine Vertragsstrafe.

Derweil kursiert im Netz eine Karikatur, auf der sich Lukaschenko und Fasel freudig die Hände reichen und zugleich im Blut versinken. Titel: «No politics, only sports».

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