Nr. 39/2020 vom 24.09.2020

Recherche im Spiegelkabinett

Von Florian Wüstholz

Es hätte die Geschichte des Jahres werden können: die Enthüllungen der «Rundschau»-Reporterinnen Fiona Endres, Nicole Vögele und Anielle Peterhans über die Crypto AG. Gemeinsam mit JournalistInnen des ZDF und der «Washington Post» deckten sie auf, dass die Zuger Firma Hunderte Staaten mit Verschlüsselungsgeräten beliefert hatte, bei denen die Geheimdienste CIA und BND mitlesen konnten. Der Mythos der Schweizer Neutralität war damit einmal mehr entlarvt.

Doch wer wusste was? Und was waren die Ziele der von langer Hand eingefädelten Operation? Im Spiegelkabinett der Geheimdienste sind solche journalistischen Recherchen nie ganz einfach. Mit etwas Glück und der nötigen Unnachgiebigkeit gelingen dennoch Einblicke. Das beweist nun auch der einstige WOZ-Mitgründer und spätere «Tages-Anzeiger»-Chefredaktor Res Strehle mit seinem neuen Buch «Operation Crypto».

Darin vereint er Gespräche mit einem ehemaligen Crypto-Geschäftsführer sowie einem Chef der Bundespolizei mit Zitaten aus dem «Minerva»-Bericht der CIA, der die Geschichte der Crypto AG aus Sicht des US-Geheimdienstes nachzeichnet. So entsteht ein Bild der Mitwisserschaft – und der Funktionsweise geheimdienstlicher Tätigkeiten. Sowohl FDP-Bundesrat Kaspar Villiger als auch sein CVP-Kollege Arnold Koller waren, neben mindestens sieben weiteren Männern aus Armee und Geheimdienst, wohl in die ausländischen Besitzverhältnisse eingeweiht. Angereichert ist die Erzählung mit Episoden aus dem Leben von Hans Bühler, der als Crypto-Angestellter 1992 für fast zehn Monate im Iran in Haft war – und nach seiner Freilassung prompt entlassen wurde. Bühlers Geschichte hatte Strehle bereits 1994 im Buch «Verschlüsselt» behandelt.

«Operation Crypto» liefert einen wichtigen Beitrag zur Aufarbeitung der Crypto-Affäre und lässt die LeserInnen doch etwas ratlos zurück. Es fehlt der rote Faden durch eine verworrene Geschichte, der jenen helfen würde, die sich mit Verschlüsselung, Geheimdiensten und dem Verlauf der Affäre noch nicht so gut auskennen.

Wenn Ihnen der unabhängige und kritische Journalismus der WOZ etwas wert ist, können Sie uns gerne spontan finanziell unterstützen:

Überweisung

PC-Konto 87-39737-0
BIC POFICHBEXXX
IBAN CH04 0900 0000 8703 9737 0
Verwendungszweck Spende woz.ch