Nr. 40/2020 vom 01.10.2020

Bio, Bärte, Autotune

Bettina Dyttrich über Klassenaspekte in Musik und Food

Von Bettina Dyttrich

Generationen sind wacklige Konstrukte. Aber bei Autotune stimmt es wohl: Während die digitale Tonhöhenkorrektur von Stimmen für unter 25-Jährige selbstverständlich ist, weil kaum ein neuer Popsong ohne sie auskommt, rümpfen über 40-Jährige meistens die Nase.

Obwohl das alles überhaupt nicht mehr neu ist, provoziert es immer noch: Nichts gilt als so authentisch wie die Stimme, direkter Ausdruck der Seele. Autotune triggert die Angst vor dem Roboter: Vielleicht ist das gar kein Mensch, der da singt? Aber viele hören gar nicht genau hin und merken nicht, wie Autotune das Klangspektrum bereichern kann, wenn es virtuos eingesetzt wird. Mich berühren die Töne, die da entstehen. Warum sollen Gitarrensoli authentischer und emotionaler sein als Synthesizer und geloopte oder verfremdete Stimmen?

Die Ablehnung von Autotune sei ein «Klassenreflex», meint der kluge britische Popessayist Simon Reynolds. Sie hänge eng mit den Vorlieben für «Vintage-Ästhetik, verwitterte und abgewetzte Texturen, das Handgemachte und das Antike, biologisches und lokales Essen und das ganze Gefilde von Kulturerbe und Geschichte» zusammen.

Der Verweis aufs Essen trifft mich – weil er stimmt. Der Hype um Bio und Regionales ist ein Klassenmerkmal, nicht nur wegen der höheren Preise. All die neuen LebensmittelproduzentInnen, die ihren sortenreinen Apfelsaft oder ihr luftgetrocknetes Biofleisch in kleinen Verpackungen zu hohen Preisen anbieten, sprechen eine ganz bestimmte Schicht an. Ich mache ihnen keinen Vorwurf: Die Produkte sind oft hervorragend und zu einigermassen menschen-, tier- und umweltgerechten Bedingungen hergestellt. Ausserdem ist Essen sowieso viel zu billig, es ist also legitim, viel zu verlangen. Trotzdem – das Umfeld, in dem das Ganze vermarktet wird, finde ich oft nicht zum Aushalten. Die Hipsterboutiquen mit ihren handgeletterten Schiefertafeln, dem ganzen Wohlfühlkitsch, der sich nahtlos in die endgültige «Aufwertung» der Innenstädte einfügt. Reynolds hat recht: Das passt perfekt zu Vintagemöbeln, Bärten und Folk, aber sicher nicht zu Autotune.

Das Problem ist nicht persönlich, sondern strukturell. Aber wie ProduzentInnen darüber nachdenken und welche Schlüsse sie daraus ziehen, macht durchaus einen Unterschied. Die einen richten sich in der Hochpreisnische ein. Andere stecken zwar notgedrungen auch in einer Nische, weil die industrielle, ausbeuterische Produktion so billig ist. Aber sie wollen nicht in der Nische bleiben – sie haben den Anspruch, das Ernährungssystem als Ganzes zu verändern. Hier stösst der Vergleich zwischen Bio und Autotune an Grenzen. Denn während sich über musikalische Ästhetik ewig streiten lässt, gibt es beim Essen, seinen Produktionsbedingungen und seiner Qualität ein paar objektive Kriterien. Alle sollten ein Recht auf gutes, fair produziertes Essen haben – egal wie viel sie verdienen. Oder welche Musik sie hören.

Bettina Dyttrich ist WOZ-Redaktorin.

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