Nr. 40/2020 vom 01.10.2020

Eigentlich waren es zehn

Schon die Anklage war Unsinn: Aaron Sorkin hat einen der berüchtigtsten Prozesse der US-Justizgeschichte verfilmt, bei dem 1969 acht Anführer der Protestbewegung vor Gericht standen. Prädikat: ungenügend.

Von Franziska MeisterMail an AutorIn

Der Black Panther geht im Film fast vergessen: Bobby Seale (Yahya Abdul-Mateen II, vorne) mit Mark Rylance als Verteidiger. Still: Niko Tavernise, Netflix

«The whole world is watching!» skandierten die Protestierenden im August 1968 vor dem Hauptquartier des Parteitags der DemokratInnen in Chicago. Die Bilder von knüppelnden Polizisten und blutüberströmten jungen Menschen, die zwischen Tränengasschwaden wankten, gingen in der Tat um die Welt. An die 10 000 AktivistInnen der Neuen Linken waren gekommen, um gegen den Vietnamkrieg zu demonstrieren – und trafen auf eine Armada von über 25 000 Polizisten, Nationalgardisten und Soldaten. Was von US-Justizminister Ramsey Clark noch als «police riots» verurteilt worden war, mündete ein Jahr später unter seinem konservativen Nachfolger in eine Anklage wegen «Verschwörung zum Aufstand» gegen acht Exponenten der Bewegung.

Aaron Sorkin («The Social Network») hat das jetzt als Gerichtsdrama verfilmt. Vor dem Start bei Netflix kommt «The Trial of the Chicago 7» ins Kino, das Branchenmagazin «Variety» schürt bereits Hoffnung auf diverse Oscar-Nominierungen – wegen der ähnlich aufgeladenen aktuellen Stimmung im Land. Und natürlich aufgrund des grossen Staraufgebots mit Michael Keaton (als Ramsey Clark) und Eddie Redmayne (als Studentenführer Tom Hayden), vor allem aber mit einem Sacha Baron Cohen, der als anarchischer Abbie Hoffman zu Hochform aufläuft.

Ein waschechtes Spektakel …

Kommt hinzu: Der Prozess gehört tatsächlich zu den unrühmlichsten Kapiteln der US-Justizgeschichte. Schon die Anklage war blanker Unsinn. Die Protagonisten kannten sich vor Prozessbeginn teilweise nicht einmal. Hinter der Anklage stand ein politisches Motiv: Acht Anführer der landesweit grössten Protestgruppierungen sollten aus dem Verkehr gezogen werden. Geführt wurde der Prozess von einem Richter, der mit seiner unverhohlen rassistischen Behandlung des einzigen schwarzen Angeklagten, Bobby Seale von den Black Panthers, weltweit für Schlagzeilen sorgte. Später kam ausserdem heraus: Das FBI hatte mit dem Segen des Richters das Büro des Verteidigerteams verwanzt und im Namen der Black Panthers Drohbriefe an die Familien einzelner Geschworener geschickt.

Nur wenig davon ist im Film übrig geblieben. Das FBI und seine Machenschaften sind kein Thema. Die zeitgenössischen Hintergründe und Ereignisse in Chicago, die zum Prozess führten, handelt Sorkin in einem fulminanten Auftakt von kaum drei Minuten mit einem schwindelerregend rasch geschnittenen Potpourri aus dokumentarischen Bildern ab. Danach entfaltet sich das Drama im Gerichtssaal. Diesen Schauplatz verlässt die Erzählung nur noch für kurze Episoden – immer wieder aus dem Büro der Verteidigung, das als mitunter verkiffte und nicht eben konfliktfreie WG von Anwälten und Angeklagten gezeigt wird.

Wobei hier einer so unauffällig fehlt, dass es einem erst bewusst wird, als er doch einmal kurz ausserhalb des Gerichtssaals gezeigt wird: Bobby Seale (Yahya Abdul-Mateen II) sitzt als einziger Angeklagter während der ganzen Verhandlung im Gefängnis. Und der historisch skandalöseste Moment des Prozesses, als Seale zum wiederholten Mal auf sein Recht pocht, sich selber zu verteidigen (sein Anwalt fehlt krankheitshalber), und der Richter ihn deswegen knebeln und an den Stuhl fesseln lässt? Ist im Film nichts weiter als eine dramatische Episode unter vielen.

Auch wenn er sich auf die Gerichtsakten als Basis beruft: Aaron Sorkin folgt in seinem zweiten Film als Autor und Regisseur lieber seiner eigenen Dramaturgie. Und diese weiss dank der pointierten Dialoge und der schauspielerischen Leistungen (grossartig: Frank Langella als Richter Julius Hoffman) durchaus zu fesseln. Bloss nimmt es Sorkin dabei mit den historischen Fakten oft nicht so genau. Die einzige Frau im Film, die in Chicago mit einem der Angeklagten anbandelt und später vor Gericht gegen ihn aussagt: erfunden. Der dramaturgische Höhe- und Wendepunkt des Films, als Exjustizminister Ramsey Clark vor Gericht als Zeuge auftritt: erfunden. Das pathosgetränkte Ende des Films im Gericht? Hat so nie stattgefunden. Was Sorkin dafür weggelassen hat: die ganze Armada an ZeugInnen, die von Dezember 1969 bis Januar 1970 vor Gericht aussagten, ein Who’s who der Protestbewegung.

… oder eine wahrhaftige Farce?

Historisch viel fundierter und mit aufklärerischer Geste, aber auch emotional aufwühlender – so hat Brett Morgen diesen Prozess bereits 2007 in «Chicago 10» verfilmt. Morgen hat dazu an die 220 Stunden 16-mm-Film- und Videomaterial, 14 000 Fotos und über 200 Stunden Audiomaterial rund um die Ereignisse in Chicago im Sommer 1968 ausgewertet. Sie bilden die dokumentarische Basis des Films, mit der er die Hintergründe und Zusammenhänge aufzeigt. Damit verwoben zeichnet er den Prozess um die acht Angeklagten in animierter Form als Farce – rekonstruiert aus rund 23 000 Protokollseiten der Gerichtsverhandlung.

Und schon der Titel von Morgens Film entlarvt Sorkin indirekt als Ignoranten. «Chicago 10» geht zurück auf einen Satz von Jerry Rubin, einem der acht Angeklagten: «Wer uns ‹Chicago 7› nennt, ist ein Rassist. Weil er Bobby Seale diskreditiert», sagte Rubin. «Man kann uns als ‹Chicago 8› bezeichnen, aber eigentlich sind wir die ‹Chicago 10›, weil unsere beiden Anwälte mit uns zusammen gelitten haben.»

Jetzt im Kino, ab 16. Oktober 2020 auf Netflix.

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