Nr. 39/2006 vom 28.09.2006

Wetterleuchten im Untergrund

Von Daniel Ryser

In einer subtil gewalttätigen Gesellschaft geben sich die Verantwortlichen der Gewalt freundlich und gesittet. Hat Widerstand überhaupt eine Chance? Die US-amerikanischen Weathermen wehrten sich zu Zeiten des Vietnamkrieges mit Bomben gegen die Doppelmoral im Land. Letzter Ausweg oder letzter Schritt Richtung Abgrund?

You don’t need a weather man
to know which way the wind blows
(Bob Dylan)

Die Zeit schien reif: Die USA hatten in Vietnam die Tet-Offensive erlitten. Janis Joplin sang in Woodstock auf LSD: «Freedom is just another word for nothing left to lose». Timothy Leary versprach denen, die ihm folgten, ein selig machendes Licht am Ende des Tunnels, die Erleuchtung durch Drogen. 1968 kam es in Chicago zu schweren Ausschreitungen während des Parteitags der Demokraten. StudentInnen in aller Welt gingen auf die Barrikaden. Richard Nixon wurde Präsident der USA und führte den Krieg in Vietnam weiter und den Krieg im Inneren, einen Geheimkrieg mithilfe des FBI gegen die Black Panthers, die Antikriegsbewegung und Martin Luther King. Es war die Zeit der Outlaws, der Hells Angels, der geheimen LSD-Versuche der CIA, die Zeit von Ken Kesey und Allen Ginsberg. Das «Life Magazine» machte das Massaker von My Lai weltweit publik: Die US-Armee hatte 500 Zivilisten ermordet. Bei den Protestierenden herrschte das Gefühl, auf der richtigen Seite zu stehen, der Glaube, dass sich die eigenen Energien durchsetzen würden, dass der Sieg gegen das Böse unausweichlich war. Dass die Revolution kommt, und zwar sehr bald. Es war das Gegenteil der Stimmung von heute, Ende September 2006.

«Wir werden den Mutterfickern den Krieg nach Hause bringen!», rief ein Weathermen-Sprecher auf einer Demonstration. Sind das bloss Freaks, fragte sich das FBI? Ein paar verwirrte Studenten, herausgegangen aus dem SDS (Students for a Democratic Society), die sich zuerst Weathermen, dann - feministischer - The Weather People und zuletzt The Weather Underground nannten?

Spätestens im März 1970, als in New York City ein Haus in die Luft flog und drei Mitglieder der Weathermen beim Bombenbauen starben, erkannte die Gruppe, «dass man es sich besser ganz genau überlegt, was es eigentlich heisst, den Krieg heimzubringen», wie eine Aktivistin später sagen sollte. Man wollte keine Menschen töten. Und tatsächlich kamen danach nie mehr Menschen zu Schaden. Die Spirale der Gewalt hatte die Radikalisierung jedoch gefördert: Martin Luther King wurde ermordet, der charismatische Black-Panthers-Führer Fred Hampton im Schlaf von der Polizei erschossen. Die Black Panthers forderten: «Entweder hören die rassistischen Gestapo-Schweine auf, uns zu terrorisieren, oder wir schlagen zurück!» Man wollte nicht mehr länger zuschauen, man wollte sich entscheiden, sich Helme überziehen und es den «Schweinen» heimzahlen, die Krieg führten im Ausland und im Inland. Im Oktober 1969 riefen die Weathermen in Chicago «Tage des Zorns» aus.

Man erwartete Tausende wütender DemonstrantInnen wie ein Jahr zuvor, als sich in Chicago so viele Hippies Strassenschlachten mit der Polizei geliefert hatten. Es kamen 150. Weathermen-Mitglied Bill Ayers gestand später, dass er in jenem Moment gehofft hatte, «dass irgendjemand kommt, der uns rettet vor dem, was wir vorhaben». Die Rettung kam nicht. Mit Helmen und Baseballschlägern bewaffnet machte man sich auf. «Ho-Ho-Ho-Chi-Minh!» «By any means necessary!» «Bring the war home!» «Den Krieg im eigenen Land sichtbar machen.»

Die erste Bank, an der man vorbeikam, legte man in Schutt und Asche. Dann stand man einer Polizeisperre gegenüber. Und weil, wie es Weathermen-Mitglied Brian Flanagan sagte, «uns der Vietnamkrieg völlig irre machte», drehte man nicht um, sondern rannte auf die Sperre los und schlug auf die Polizisten ein, schlug ein auf alles, was sich bewegte, und die Polizisten schossen scharf zurück. Flanagan: «Wenn du das Gefühl hast, auf der richtigen Seite zu stehen und dass alles, was du tust, moralisch vertretbar ist, dann bist du an einem Punkt, wo du bereit bist, verdammt weit zu gehen und auch grässliche Dinge zu tun.» Aus PazifistInnen waren gewaltbereite RebellInnen geworden, die sich von ihren Familien verabschiedeten, um ein Leben im Untergrund zu führen. Die Strategie war immer dieselbe: Bombe platzieren, fünfzehn bis dreissig Minuten vor der Detonation einen Anruf durchgeben an die Presse. - Die Polizei evakuierte, die Bomben explodierten. Wie durch ein Wunder wurde nie jemand verletzt.

Zwischen 1969 und 1974 verübten die Weather Underground knapp zwanzig Bombenanschläge: Auf mehrere Gerichtsgebäude, auf das Capitol, das Pentagon. Die Bomben explodierten als Antwort auf den brutal niedergeschlagenen Gefangenenaufstand im New Yorker Gefängnis Attica, bei dem rund dreissig Menschen ums Leben kamen, auf die Bombardierung Hanois, auf die Ermordung von Aktivisten, auf den Krieg in Angola, auf Repression, Nixon und die ganze rassistische Scheisse, in der die USA damals versank. Die populärste Aktion passte nicht ins Schema: Eine Sympathisantengruppe Learys zahlte den Weathermen 20 000 Dollar für die Befreiung des Drogengurus Timothy Leary, der wegen seiner Drogenverherrlichung und sanften gesellschaftskritischen Äusserungen von der US-Regierung zum Staatsfeind Nummer eins stilisiert worden war und der deshalb wegen des Besitzes zweier Joints eine zehnjährige Haftstrafe absass. Die Weather Underground befreiten Leary. Er floh zu Black-Panthers-AktivistInnen ins Exil nach Algerien und später in die Schweiz.

Die USA waren in der Krise: Präsident Nixon stolperte über seine kriminellen Machenschaften. Die Watergate-Affäre zwang ihn zum Rücktritt. Der Krieg in Vietnam ging zu Ende. Das Land schlitterte in eine Rezession. Der Geist von 1968 war verblasst, der Glaube an eine Revolution verflogen. Was nun, Weather Underground? Mark Rudd, Studentenführer und Weathermen-Mitglied: «Es gab keinen Grund mehr, im Untergrund zu leben. Der Krieg, dieser Antrieb, er war vorbei. Wir begannen zu zweifeln.» Darauf, gegen Ende der siebziger Jahre, stellten sich die meisten Mitglieder des Weather Underground der Polizei. Weil während des Prozesses öffentlich wurde, dass das FBI auf der Jagd nach den Weathermen unzählige Gesetze gebrochen hatte, kamen die meisten mit geringen Haftstrafen davon. Zum Beispiel Bernardine Dohrn: Die Studentenführerin war zeitweise auf der Liste der zehn meistgesuchten Personen des FBI. Sie sass, nachdem sie sich Ende der siebziger Jahre der Polizei gestellt hatte, lediglich zwei Jahre in Haft. Sie ist heute Professorin für Recht. Damals, 1969, sagte sie: «Es gibt keinen Grund, nicht gewalttätig zu sein inmitten der gewalttätigsten Gesellschaft der Welt.» Mark Rudd, der sich im September 1977 als Erster der Justiz stellte, ist heute Mathematiklehrer in Albuquerque. Flanagan hat heute eine Bar in New York City und gewann vor ein paar Jahren 23000 Dollar in der Quizshow «Jeopardy». Weathermen-Mitglied David Gilbert und Judith Clark stellten sich nicht und schlossen sich stattdessen der Black Liberation Front an. Sie waren 1981 an einem bewaffneten Raubüberfall beteiligt. Zwei Polizisten starben. Gilbert und Clark sitzen in Attica eine lebenslängliche Haftstrafe ab.

Die Nixon-Regierung hatte die Aktionen der Weathermen als Propaganda genutzt, um die aufgrund des Vietnamkrieges gespaltene Nation zumindest ein bisschen zu einen. Das FBI intensivierte seinen zu einem grossen Teil illegalen Kampf gegen die Antikriegs- und Bürgerrechtsbewegung. US-Präsident Richard Nixon sagte Anfang der siebziger Jahre in einer Ansprache: «Die Gewalt, die wir heute in den USA erleben, wird nicht verursacht durch den Krieg oder durch Repression. Da steckt kein Ideal dahinter, diese Leute sind keine romantischen Revolutionäre, sie sind dieselben Verbrecher und Irren, die uns brave Bürger schon immer terrorisiert haben.»

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