Nr. 41/2020 vom 08.10.2020

Doch nicht predigen

Annette Hug rettet sich in einen türkischen Schwank

Von Annette Hug

Ich hätte früher auf Süleyman hören sollen. Der Barkeeper im «Meyer’s» hat mir vor einiger Zeit vorgeschlagen, in dieser Kolumne über Nasreddin Hodscha zu schreiben. In der Türkei lerne jedes Kind die Scherze des wunderlichen Weisen, der vielleicht im 14. Jahrhundert gelebt hat. Auch im ganzen arabischen Raum, in Süditalien, bei den BerberInnen und in Persien sollen Geschichten überliefert sein, die von ihm handeln. Eine mittelalterliche Witzstrasse brachte die Schwänke des Nasreddin Hodscha bis nach China. Dort sei er unter dem Namen A-fan-ti (阿凡提) bekannt, steht bei Wikipedia. Das sei eine Anverwandlung des Titels Efendi. «Klar», sagt Süleyman, «Hodscha oder Efendi, das ist dasselbe.»

Verschiedene deutsche Ausgaben der weit gereisten Schnurren beginnen mit der Geschichte einer Predigt. Nasreddin Hodscha fragt die Zuhörer, ob sie schon wissen, wovon er sprechen werde. Sie sagen: «Nein.» «Wie soll ich zu euch sprechen, wenn ihr so unwissend seid!», sagt er und verschwindet. Beim nächsten Mal fragt er wieder: «Wisst ihr, was ich euch sagen werde?» «Ja», antworten die Gläubigen. «Wenn ihr es schon wisst, muss ich nicht mehr zu euch sprechen», sagt der Hodscha und verschwindet. Da verabreden die Leute, dass sie unterschiedliche Antworten geben, wenn der Hodscha wiederkommt. Tatsächlich stellt er ihnen bald zum dritten Mal dieselbe Frage. Die Hälfte der Gemeinde antwortet mit «Ja», die andere Hälfte mit «Nein». «Gut», sagt der Hodscha, «dann können die, die es schon wissen, den andern erzählen, was ich gesagt hätte.» Und verschwindet einmal mehr.

Hätte ich diese Geschichte etwas früher gelesen, wäre die Konfirmation meiner Nichte vielleicht anregender geworden. Der Gottesdienst fand mit einem halben Jahr Verspätung in einer reformierten Betonkirche am Rand von Zürich statt. Wie maskierte Banden verteilten sich die Familien auf den grossen Raum. Die KonfirmandInnen stellten ihr Thema vor: «Black Lives Matter!». Sie lasen kurze Texte gegen Rassismus vor. Dann trat der Pfarrer nach vorn und sagte: «Entschuldigung, dass es jetzt anspruchsvoll wird.»

Eine halbe Stunde lang zitierte er Kampfartikel aus der NZZ, schlug den KonfirmandInnen Kant über den Kopf, wetterte gegen Gendersprache und Hass, der angeblich von der Anti-Rassismus-Bewegung ausgehe. Irgendetwas vom Individuum, vom «Menschen an sich», sprach er in sein Headset, streifte auch den islamischen Fundamentalismus. Die Anrufung der europäischen Werte und Traditionen erstreckte sich aber nicht auf den Stil. Wie ein US-amerikanischer Fernsehprediger versuchte er, hin- und hergehend Stimmung zu erzeugen. Das gelang ihm in der ungeheizten Kirche nicht.

Weil er immer noch einen drauflegte, war es unmöglich, seine Worte auszublenden. Mit Mühe konnte ich den Mann an meiner Seite davon abhalten, etwas nach vorne zu werfen (zum Beispiel die Pralinés, die als Ersatz für den Apéro auf den Stühlen lagen). Hätte ich etwas früher nach den Schwänken des Nasreddin Hodscha gesucht, wäre mir die stille Versenkung vielleicht leichter gefallen. In meiner Vorstellung hätte ich mich in einem einfachen, aber nicht uninteressanten Loop gedreht. Immer wieder wäre der Pfarrer nach vorn getreten, hätte kurz gelächelt und dann gefragt: «Wisst ihr, was ich euch sagen werde?»

Annette Hug ist Autorin und lebt in der Nähe der Meyer’s Bar in Zürich. Eine schöne Ausgabe von Schwänken über den Hodscha hat Albert Wesselski 1911 in der Reihe «Narren, Gaukler und Volkslieblinge» des Alexander Duncker Verlags herausgegeben.

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