Nr. 42/2020 vom 15.10.2020

Der Geist von Herrliberg

Von David Hunziker

Die SVP schwächelt, und auch ihr Patriarch und Milliardenmäzen tritt nicht mehr so schlagkräftig und raumfüllend auf wie einst. Doch nur weil Christoph Blocher persönlich weniger Raum einnimmt, ist sein Spuk nicht vorbei. Zu tief sitzt er dem politischen Diskurs des Landes noch immer in den Knochen, das zeigten kürzlich wieder einmal die überraschenden bis verstörenden Gratulationen zu seinem 80. Geburtstag.

Was hat etwa den Kapitalismuskritiker Jean Ziegler geritten, als er Blocher im «Tages-Anzeiger» gratulierte? Klar, politisch ist man sich nicht einig, Blocher sei Teil der «Oligarchie des globalisierten Finanzkapitals», seine Ideologie «intellektuell bescheiden». Doch Ziegler sieht auch einen wahrhaften Menschen hinter der reaktionären Charaktermaske, einen Mann, der «zu seinen Überzeugungen steht»: «Er ist mir halt sympathisch, leider.» Da steht einer zu seiner Zuneigung, oder kann er sich nur nicht dagegen wehren? Beim Schriftsteller Adolf Muschg schlägt die Zuneigung ein paar allegorische Haken, bevor er sie auf den Punkt bringt: «Zwischen uns hat sich etwas beinahe Heimeliges eingeschlichen.»

Ziegler und Muschg, beide 86-jährig, sind eben alte Männer, die in Blocher einen Leidensgenossen sehen, weil auch ihre Bedeutung und Wirkkraft langsam verblasst. Könnte man meinen. Doch auch SP-Rabaukin Jacqueline Badran gratulierte einfühlsam. In diversen CH-Media-Titeln wiederum erschien ein geradezu groteskes Stück einer noch ein paar Jahre jüngeren Journalistin. In ihrem «kleinen Geburtstagsbrief» ehrte sie den rechtspopulistischen Politiker als «Fels, der da stand, in einem Meer, immer klar, immer gleich», an dem sich auch Linke «leidenschaftlich aufrieben»: «Sie waren mir eine Leitplanke. Eine Figur. Eine Haltung» – und zitierte sogar noch das antisemitisch konnotierte Dolchstossmotiv.

Wird hier bereits der Tonfall der Nachrufe geübt? Klar, der Mann hatte Geburtstag, man ist höflich. Aber öffentliche Gratulationen an eine Figur wie ihn sind politisch relevant. Sie zeigen leider vor allem, dass Blocher grösser ist als seine leibhaftige Gestalt.

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