Nr. 42/2020 vom 15.10.2020

Die geheime Loge

Michelle Steinbeck in der Verschwörungssuppe

Von Michelle Steinbeck

Die Zeiten sind härter als gedacht. Sie haben nicht nur aus singenden, kochenden und schenkelklopfenden Promis Verschwörungstheoretiker gemacht. Auch ich wate gerade knietief in einer trüben Verschwörungssuppe. Und das kam so.

Während der Recherche für ein literarisches Erzeugnis bin ich auf eine berühmte Geheimloge gestossen. Sie operierte im Italien der Nachkriegszeit bis in die achtziger Jahre. Die Mitglieder waren alle von Rang und Namen aus Wirtschaft, Politik, Militär. Sie planten einen faschistischen Umsturz für den Fall, dass sich die politischen Kräfte für ihren Geschmack zu stark nach links bewegen würden.

Zum Plan gehörten nicht nur die Übernahme von grossen Medienhäusern (Fun Fact: Silvio Berlusconi war Mitglied dieser Loge) und die Infiltrierung des parteipolitischen, juristischen und militärischen Apparats, sondern auch eine sogenannte «Strategie der Spannung». Letztere äusserte sich in einer tödlichen Serie von terroristischen Akten. Selbst das grösste Attentat jener Zeit, der Bombenanschlag im Hauptbahnhof in Bologna von 1980, wurde nach langen ermittlerischen Wirren auf die Geheimloge zurückgeführt. Ihr Leiter, der «ehrwürdige Meister» und Oberverschwörer, wurde daraufhin in einer Schweizer Bank verhaftet, wo er gerade mit aufgeklebtem Schnauz versuchte, ein paar Hundert Millionen einer Vatikanbank, die er mit zerstört hatte, abzuheben. Straight outta Telenovela, right?

Wem ich daraufhin diese Geschichte erzählte, reagierte stets gleich: Ja, die siebziger Jahre, die Anschläge – waren das nicht die Roten Brigaden? Obwohl Rechtsradikale und Neofaschisten damals reihenweise blutige Anschläge verübten, scheint das kollektive Gedächtnis an die sogenannt bleiernen Jahre auf den Terror von linken Gruppierungen wie den kommunistischen Roten Brigaden und den Anarchisten beschränkt.

Von rechts also alles verrückte Einzeltäter? Jahrelange, beschwerliche, meist nicht erfolgreich abgeschlossene Ermittlungen, während derer einige Protagonisten spurlos verschwanden, aus dem Fenster sprangen, vergiftet oder erschossen wurden, deuten auf etwas anderes hin. In- und ausländische Geheimdienste sollen im paranoiden Kampf gegen den Kommunismus ihren Teil geleistet haben: Sie verwischten Spuren, fälschten Indizien, schoben die Schuld in alle möglichen Richtungen – besonders gern auch nach links.

Der damalige Logenmeister starb vor ein paar Jahren in seiner toskanischen Villa, in deren Garten schon ein paar Goldbarren exhumiert wurden und sicher noch weitere friedlich ruhen. Vor seinem Tod blickte er zufrieden auf sein Leben zurück und gab zu Protokoll, dass sein Plan quasi vollständig ausgeführt worden sei.

Wenn wir uns heute umschauen, müssen wir ihm leider recht geben. Die «rote Gefahr» ist nicht mehr als ein fadenscheiniges Gespenst, doch bleibt das bürgerliche Mantra die Hufeisentheorie. Während in den USA schwerbewaffnete Bürgerwehren aufmarschieren, die deutsche Polizei ein rechtsradikales Terrornetzwerk ausbrütet und unzählige «verrückte Einzeltäter» in mehr oder weniger geheimen Foren den Tag X planen, räumen Tausende Polizisten in Berlin ein besetztes Haus, und eine junge Frau wird in Basel für acht Monate verurteilt, weil sie an einer antifaschistischen Demonstration teilgenommen hat.

Michelle Steinbeck ist Autorin.

Wenn Ihnen der unabhängige und kritische Journalismus der WOZ etwas wert ist, können Sie uns gerne spontan finanziell unterstützen:

Überweisung

PC-Konto 87-39737-0
BIC POFICHBEXXX
IBAN CH04 0900 0000 8703 9737 0
Verwendungszweck Spende woz.ch