Nr. 42/2020 vom 15.10.2020

Nach dem Virus kommt der Hunger

Volkswirtschaften im Globalen Süden brechen ein – mit dramatischen Konsequenzen für die Bevölkerung. Dabei liesse sich der Absturz mit relativ wenig Geld aufhalten.

Von Thomas Schwendener

Die globale Wirtschaft befindet sich in einer Krise, wie sie seit den 1930ern nicht mehr über die Welt hereingebrochen ist. Der Internationale Währungsfonds (IWF) sagt für 2020 einen Einbruch der globalen Wirtschaft von 4,4 Prozent voraus. Das ist deutlich dramatischer als die Rezession nach dem Finanzcrash von 2008.

Jene letzte grosse Krise brachte viel Elend über ArbeiterInnen weltweit. Welche Verheerungen der aktuelle Einbruch bereits anrichtet, verdeutlichen einige Zahlen. Die International Labour Organization (ILO) hält in ihrem jüngsten Covid-19-Monitor fest, dass seit Jahresbeginn weltweit jeder zehnte US-Dollar an Lohn vernichtet worden sei. Bis Ende September sind laut der Uno-Sonderorganisation Arbeitseinkünfte in der Höhe von 3,5 Billionen Dollar weggefallen.

Die Summe, die etwa 5,5 Prozent der globalen Wirtschaftsleistung entspricht, wurde aus den verlorenen Arbeitsstunden errechnet. Staatliche Kompensationszahlungen bei Kurzarbeit oder Arbeitslosigkeit wurden nicht berücksichtigt. Doch die Zahlen zeigen, welche Auswirkungen die Pandemie und die Massnahmen zu deren Eindämmung bereits auf den Arbeitsmarkt und die Lohnabhängigen haben.

Die Armut breitet sich aus

Allerdings ist das Leiden ungleich verteilt. Übermässig stark würden ArbeiterInnen in ärmeren Ländern leiden, die keine soziale Absicherung kennen, mahnt Guy Ryder, Generaldirektor der ILO. Am härtesten trifft es Länder in der zweittiefsten Einkommensklasse, in denen über fünfzehn Prozent der Lohnsumme weggebrochen sind. Dazu zählen etwa Bangladesch, Indien, Nigeria, Pakistan und die Philippinen, wo zusammen über zwei Milliarden Menschen leben. Weltbankpräsident David Malpass sagte Anfang Oktober, dass allein im Jahr 2020 bis zu 115 Millionen Menschen durch die Pandemie zusätzlich in extreme Armut gestossen würden. Sie müssen mit weniger als 1,90 Dollar pro Tag leben.

Die Einschätzungen der wirtschaftlichen Lage verschlechtern sich von Monat zu Monat. So hatte die ILO in einem Bericht von April zu Indien noch festgehalten, dass dort 400 Millionen ArbeiterInnen Gefahr laufen würden, noch tiefer in die Armut abzurutschen. Seither musste die Institution ihre Zahlen zu den globalen Auswirkungen der Krise dreimal deutlich nach oben korrigieren. Der IWF prognostiziert für die indische Wirtschaft mittlerweile einen Einbruch von 10,3 Prozent, während er im April noch von einem Wachstum von 1,9 Prozent ausgegangen war.

Folgt bald die nächste Pandemie?

Diese Zahlen zeigen: Die Diskussion über staatliche Instrumente muss auch mit Blick auf die globale Wirtschaftsentwicklung geführt werden. «Es ist entscheidend, dass wir vernünftige Massnahmen zur Eindämmung des Virus damit in Einklang bringen, dass die Grenzen offen und Lieferketten und Handelsströme in Gang bleiben», mahnt David Beasley, Chef des Welternährungsprogramms der Vereinten Nationen (WFP).

Die humanitäre Institution der Uno hatte bereits im April prognostiziert, dass bis Ende 2020 weltweit 270 Millionen Menschen vor dem Hungertod stehen werden. Das sind über achtzig Prozent mehr als vor der Coronakrise. Beasley sprach damals vor dem Sicherheitsrat der Vereinten Nationen von einer «Hungerpandemie», die sich, befeuert durch die Coronapandemie, ausbreite. Besonders besorgniserregend sei die Entwicklung in Ländern in Afrika und im Mittleren Osten.

Offenbar stiess der Appell vorerst auf offene Ohren: Die Schuldenstundung für die ärmsten Länder seitens des IWF und der G20-Staaten sowie die Finanzierung des Welternährungsprogramms hätten das Schlimmste verhindert, bilanzierte Beasley kürzlich. Es habe die Rettung von bis zu 138 Millionen Menschen bis Ende Jahr ermöglicht.

Er warnte aber, dass die Katastrophe noch längst nicht ausgestanden sei. Ohne weitere Mittel «droht immer noch eine Welle von Hunger über den Globus zu schwappen». Dies würde ohnehin fragile Länder weiter destabilisieren. Die 270 Millionen Menschen bräuchten die Hilfe nun mehr denn je. «Offen gestanden wird 2021 ein Jahr, in dem es um alles oder nichts geht», warnte der Exekutivdirektor des WFP.

Lateinamerika stark betroffen

Wie sich die Wirtschaft im kommenden Jahr entwickelt, lässt sich nur schwer vorhersagen. Überhaupt gibt es viele offene Fragen zum Verlauf der Krise. Noch lassen sich viele Faktoren wie der weitere Verlauf der Pandemie, aber auch die längerfristigen Auswirkungen auf die komplexen Lieferketten oder den Arbeitsmarkt nicht genau bestimmen. Darum hielt der IWF bei der letzten Prognose fest, dass die Vorhersage einer Rezession von 4,4 Prozent von grosser Ungewissheit überschattet werde.

Wie viele Arbeitsplätze verloren sind, lässt sich ebenfalls noch nicht abschätzen. Allein im zweiten Quartal 2020 fielen Arbeitsstunden von fast einer halben Milliarde Vollzeitarbeitsplätzen weg. Dazu zählen neben den Arbeitslosen auch die Stunden jener, die an ihrem Arbeitsplatz weniger arbeiteten, etwa unter einem Kurzarbeitsregime.

Einen Indikator für die Dramatik in ärmeren Ländern könnten Zahlen zur hart getroffenen Region Lateinamerika und Karibik liefern, deren Wirtschaft dieses Jahr laut IWF um über neun Prozent schrumpft. In Argentinien, Brasilien, Chile, Costa Rica, Kolumbien, Mexiko, Paraguay, Peru und Uruguay haben laut ILO in der ersten Jahreshälfte 34 Millionen Menschen ihre Arbeit verloren. Die Anzahl jener, die in schwerer Ernährungsunsicherheit leben, ist in dieser Region laut dem WFP in den vergangenen sechs Monaten von 4,5 Millionen auf über 17 Millionen angestiegen.

Und die Prognosen bleiben düster: Die ILO erwartet, dass bis Ende Jahr weltweit nochmals Arbeitsstunden von 245 Millionen Vollzeitarbeitsplätzen verloren gehen werden. Angesichts der vielen Unsicherheiten entwirft die Institution auch ein deutlich pessimistischeres Szenario mit doppelt so hohen Verlusten.

Eine Billion für arme Länder

Ohne die gigantischen Konjunkturpakete und das viele Geld der Zentralbanken wäre der Einbruch nochmals dramatischer ausgefallen. ILO-Chef Ryder fordert, dass für die ärmeren Länder nun Gelder gesprochen werden. Viel braucht es dafür nicht, wenn man die Summe mit den gigantischen Fiskalmassnahmen der finanzstarken Länder vergleicht. Laut Ryder benötigen die Entwicklungsländer bloss noch ein Prozent jener Pakete. Das wären laut seiner Berechnung aber immer noch über 980 Milliarden US-Dollar.

WFP-Exekutivdirektor Beasley wünscht sich deutlich weniger: «Wir brauchen 4,9 Milliarden Dollar, um ein Jahr lang alle dreissig Millionen Menschen zu ernähren, die ohne die Unterstützung des WFP sterben würden.» Ob die Organisation aber nur schon ihr bisheriges Budget wird halten können, ist fraglich. Derzeit schrumpfen die Volkswirtschaften, und schon Gelder für heimische Konjunkturpakete werden teils hitzig debattiert. Das war Beasley wohl bewusst, als er kürzlich den Uno-Sicherheitsrat beschwor: «Kehren Sie den hungrigsten Menschen der Welt nicht den Rücken.»

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