Nr. 08/2021 vom 25.02.2021

Die Hilfe ist zu schäbig, die Gräben werden tiefer

Die Krise trifft die ärmere Bevölkerung besonders hart: Arbeitsplatzverlust, Verschuldung und psychische Probleme haben stark zugenommen, wie Michael Siegenthaler von der ETH-Konjunkturforschungsstelle sagt. Für viele werde die Misere noch lange andauern.

Von Thomas Schwendener

Nach einem desaströsen Pandemieverlauf ab dem Spätherbst konnte man in der Schweiz in den letzten Wochen etwas aufatmen. Doch die wirtschaftliche Bilanz der zweiten Welle sieht düster aus: Trotz des Systems der Kurzarbeitsentschädigung ist die Arbeitslosenquote im Januar auf 3,7 Prozent geklettert. Fast 170 000 Menschen sind bei den Regionalen Arbeitsvermittlungsämtern (RAV) angemeldet – über 40 Prozent mehr als ein Jahr zuvor.

Diese Quote, die auf der Anzahl der registrierten Arbeitslosen beruht, sei aber kein geeignetes Mass, um die Auswirkungen der Pandemie zu messen. Das sagt Michael Siegenthaler, Leiter des Arbeitsmarktbereichs an der Konjunkturforschungsstelle der ETH (KOF). Auf den RAV würden sich bloss rund 40 Prozent der Personen anmelden, die gemäss internationaler Definition arbeitslos sind. Die international vergleichbaren Zahlen sind deutlich höher: Die Erwerbslosenquote liegt in der Schweiz saisonbereinigt bei 5,2 Prozent. Das ist der höchste Wert, den das Bundesamt für Statistik je ermittelt hat, seit es 1991 die Statistik einführte.

Doch auch diese Zahl bildet die Dimension der Krise nur ungenügend ab. «Viele Menschen erleben derzeit Arbeitsausfälle, die sich nicht in den Arbeitslosenzahlen niederschlagen. Manche verlieren ihre Stelle und ziehen sich dann aus dem Arbeitsmarkt zurück. Das haben wir vor allem in der ersten Welle beobachtet», erklärt Ökonom Siegenthaler im Gespräch. Diese Menschen tauchen in den Statistiken zur Arbeitslosigkeit nicht auf, sodass man auf andere Signale achten muss.

Die Ungleichheit nimmt zu

Die International Labour Organization (ILO) schätzt, dass 2020 weltweit knapp 9 Prozent aller Arbeitsstunden verloren gegangen sind. Das entspricht 255 Millionen Vollzeitstellen. In ärmeren Ländern bedeutet dies fast vollkommene Einkommensausfälle. In der Schweiz, wo die ILO mit dem Verlust von fast 4 Prozent der Arbeitsstunden rechnet, wird ein grosser Teil durch Kurzarbeitsentschädigungen aufgefangen. «Es dürften gegenwärtig etwa eine halbe Million Beschäftigte auf Kurzarbeit sein. Im Höhepunkt der Finanzkrise im Jahr 2009 waren es rund 100 000. Die Situation ist also deutlich schlechter als damals», sagt Siegenthaler.

Unter der Krise leiden aber nicht alle gleich. Besonders betroffen von den staatlichen Massnahmen und der Angst vor dem Virus sind Gastro- und Tourismusbranche. Über 10 Prozent der Beschäftigten aus diesem Bereich sind bei einem RAV als arbeitslos registriert. Viele Betriebe wollen Stellen abbauen, rund die Hälfte hat Angst vor einem Konkurs.

Doch auch über die Einkommensklassen verteilen sich die Verheerungen der Krise höchst ungleich: Das liegt nicht nur daran, dass etwa bei Tech- und Pharma-MilliardärInnen in der Pandemie die Kassen klingeln. Auch zwischen den Lohnabhängigen vertiefen sich die Gräben. Die Schere ist nun auch zwischen den unteren und mittleren Einkommen aufgegangen, das sei in den letzten Jahren nicht der Fall gewesen, sagt Siegenthaler.

Arme triffts besonders hart

Der Forscher der KOF hat mit einem Team am Dienstag eine Studie veröffentlicht, die die Auswirkungen der Pandemie auf die verschiedenen Einkommensklassen untersucht. Der Befund der WissenschaftlerInnen ist eindeutig: In fast allen Aspekten wurden die ärmsten Haushalte, jene die unter 4000 Franken im Monat verdienen, am härtesten getroffen. Sie mussten im Schnitt mit 20 Prozent weniger Einkommen auskommen, jeder fünfte Franken im Portemonnaie fehlte. In diesen Haushalten leben Menschen, die häufig ihr gesamtes Einkommen aufbrauchen, um über die Runden zu kommen.

Die Milliardenhilfen des Bundes sind also nicht im nötigen Mass zu jenen gelangt, die sie am meisten brauchen würden. Dies liegt unter anderem daran, dass die Kurzarbeitsentschädigung auch für tiefste Löhne bis Dezember 2020 nicht über 80 Prozent lag. Inzwischen wurde das vom Parlament zwar angepasst, doch profitieren davon nur wenige. Denn 100 Prozent Entschädigung werden nur bei Löhnen bis zu 3470 Franken ausbezahlt – wobei ein 13. Monatslohn anteilsmässig auch noch eingerechnet wird.

Rund ein Drittel der Menschen aus Haushalten mit tiefen Einkommen verloren entweder ihren Arbeitsplatz oder wurden in die Kurzarbeit geschickt. Ihnen droht, dass sie auch nach der Coronapandemie mit weniger Lohn rechnen müssen. «Bislang haben die Löhne noch nicht stark auf die Krise reagiert. Die Tieflohnbranchen haben aber bereits besonders zu leiden und werden vermutlich noch länger mit Margenproblemen zu kämpfen haben», erklärt Siegenthaler. Und weiter: «Während die ärmeren Haushalte bislang vor allem den Verlust von Arbeitsstunden oder des Arbeitsplatzes zu beklagen hatten, ist auch zu befürchten, dass ihre Löhne in den nächsten Jahren besonders erodieren.» Was das bedeutet, zeigt die KOF-Studie: Fast 40 Prozent der ärmsten Haushalte griffen in der Krise bereits auf Erspartes zurück. Bei vielen reichte das offenbar nicht mehr: Jede neunte Person musste sich verschulden. Die Ungleichheit verschärft sich nicht nur bei den Einkommen, sondern auch bei den Ersparnissen.

Langfristige Folgen

Das schlägt auch auf die Psyche. Im Dezember hatte die Universität Basel in einer Umfrage festgestellt, dass sich die Zahl der Personen mit schweren depressiven Symptomen seit April verdoppelt hatte: 18 Prozent der 11 000 StudienteilnehmerInnen klagten in der zweiten Welle darüber. Neben jungen Menschen litten jene am häufigsten, die finanzielle Einbussen hinnehmen mussten.

Die KOF-Studie zeigt nun: Die Gemütsverfassung hat sich bei Personen mit tiefen Einkommen in der Pandemie sukzessive verschlechtert, während die anderen Haushalte in den Sommermonaten Erholungsphasen erlebten. Im Januar beurteilte mehr als jedeR siebte Befragte aus einem armen Haushalt das eigene Wohlbefinden als «schlecht» oder «sehr schlecht». Vor der Krise war der Befund über alle Einkommen ähnlich verteilt: Mehr als 95 Prozent empfanden ihre Gemütsverfassung mindestens als «nicht schlecht».

Vor diesem Hintergrund klingen die wirtschaftlichen Aussichten besonders bedrohlich. Die Zahl der Langzeitarbeitslosen stieg im Januar bereits auf 30 700, das ist eine Zunahme von fast 119 Prozent seit Januar 2020. «Die Langzeitarbeitslosigkeit wird 2021 ansteigen, und wir laufen auch Gefahr, dass eine höhere Sockelarbeitslosigkeit entsteht», sagt Siegenthaler. «Das wird uns noch auf Jahre hinaus beschäftigen.»

Eigentlich müssten in der Krise nun Gelder für ein nachhaltiges Beschäftigungsprogramm gesprochen werden, vorhanden wären sie. Doch die Zeichen deuten auf das Gegenteil hin. Das gesellschaftliche Klima wird voraussichtlich weiter abkühlen: Die Bürgerlichen haben sich bereits in Stellung gebracht, um die Sozialausgaben zu senken und Armutsbetroffene noch mehr unter Druck zu setzen.

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