Nr. 42/2020 vom 15.10.2020

«Die Arroganz der Jugend hat erst einmal recht»

Ted Gaier ist Musiker bei den Goldenen Zitronen und künstlerischer Aktivist. Im Band «Argumentepanzer» versammelt er vor allem journalistische Texte. Die meisten sind älter, wirken aber kein bisschen angestaubt.

Interview: Tobi Müller

«Ich merke, dass ich Coolnesscodes nicht mehr unbedingt lesen kann»: Ted Gaier. FOTO: FRANK EGEL

WOZ: Ted Gaier, was halten Sie von Eddie Van Halen?
Ted Gaier: Er war der Feind in meinem alten Koordinatensystem. Trumpist, vermute ich? Redet noch jemand über Van Halen?

Gerade jetzt erscheinen die ersten Nachrufe …
Oh, er lebt nicht mehr? Ich höre Deutschlandfunk, da wurde das bisher verschwiegen. Juliette Gréco, auch unlängst gestorben, ist für mich im Zweifelsfall die wichtigere Referenz als Eddie Van Halen.

Die Texte in Ihrem Band «Argumentepanzer» sprechen auch vom Snobismus in der Linken. Gegen Rockmusik zu sein, ist eines der unverrückbaren Dinge, oder?
Für mich schon. Aber die jungen Leute kennen das eh nicht mehr. Mein Sohn hört Cloud-Rapper aus Atlanta, von denen wir noch nie gehört haben. Im Moment haben wir mit Kendrick Lamar eine Schnittmenge. Jüngeren Leuten muss man nicht erklären, was an Rock scheisse ist. Denn Rock hat sich ja selbst abgeschafft.

In Ihrem Buch heisst es: «Reflexhaft hatte man in Kategorien von ‹Die› und ‹Wir› gedacht, und ich wundere mich heute wirklich, woher ich damals die Sicherheit nahm, all diese Dies von den Wirs unterscheiden zu können.» Beschreibt das den Weg von der Überzeugung zum Zweifel?
Ohne die Feindbilder oder Konfrontationslinien komme ich dennoch nicht aus. Das Bewusstsein für die Feinheiten hat sich verstärkt. Aber in generellen Einschätzungen habe ich mich gar nicht so bewegt. In puncto Rassismus zum Beispiel: Die Texte der Goldenen Zitronen von Anfang der Neunziger sind immer noch aktuell. Allerdings wurden wir damals von der Mehrheitsgesellschaft als Nestbeschmutzer angesehen, weil wir Rassismus benannt haben. Die wollten sich ihre sogenannte Wiedervereinigung nicht madig machen lassen. Dass es keiner bekennenden Rassisten bedarf, um rassistische Muster zu praktizieren, mussten wir dagegen alle erst mal lernen.

Struktureller Rassismus war unbekannt?
Das vielleicht nicht, aber unser Antifaschismus kam ohne jene Leute aus, die nur schon wegen ihres Aussehens zur Zielscheibe wurden. Es war ein sehr weisser Diskurs. Die sogenannten Subalternen kamen bis vor kurzem praktisch nicht vor. Wenn nun die Leute für sich sprechen, kratzt das auch an linken Selbstgewissheiten.

Heute ist die Polarität zurück: wer zu welchem Thema sprechen darf, wer zur Mehrheitsgesellschaft gehört und wer als marginalisierte Stimme gilt. Dabei ist nicht klar, über welche Generation wir sprechen. Die Endzwanziger wollen deinen Job, die Achtzehnjährigen wollen, dass du nicht mehr fliegst.
Wenn ich die Diversität der vielen unter Zwanzigjährigen bei den letzten Black-Lives-Matter-Demos in Berlin und Hamburg sehe, bin ich zuversichtlich. Die monoidentitären Selbstbilder werden schwächer. Bei den Dreissig- oder Vierzigjährigen im Kulturbetrieb geht es hingegen auch um Karrieren, klar. Da wird es ungemütlicher, wenn zu sehr identitätsmässig argumentiert wird. Aber okay, ich habe viel mit schwarzen Leuten zu tun, etwa in der Zusammenarbeit mit den Theaterschaffenden Gintersdorfer/Klassen oder beim Schwabinggrad Ballett. Und da merke ich: Identität als Kategorie abzulehnen, ist ein Luxus, den man sich leisten können muss. Der steht nur Leuten zur Verfügung, die Zugang zu Netzwerken und einen gesicherten Status haben.

Im Buch steht eine Medienkritik, wie sich mehrere Zeitungen blamierten, als sie über Anta Helena Reckes Theaterarbeit «Schwarzkopie» in München schrieben, eine Umbesetzung einer bestehenden Inszenierung ausschliesslich mit People of Color. Ihr Text ist erst drei Jahre alt, wirkt aber älter als andere, weil die Geschwindigkeit der Veränderung hoch ist. Ohne PoC kann man in einer kulturellen Institution aktuell kein Team mehr berufen.
Das finde ich sehr ermutigend. Aber ich merke beim Rumtingeln mit meinem Buch, dass solche Diskussionen beim rein weissen, etwas älteren Publikum in der Provinz nicht so präsent sind wie in den Städten oder bei jungen Leuten.

Bei den Goldenen Zitronen fällt schon lange das junge Publikum auf, das stets nachkommt.
Ich wüsste nicht, ob ich den Scheiss noch machen würde, wenn meine Musik für die Nostalgie von Leuten in meinem Alter herhalten müsste. Vor ein paar Jahren war ich bei einem Reunion-Konzert von Blumfeld. Das war ein homogenes, bürgerliches Publikum von Leuten, die zu der Zeit zwischen 38 und 53 Jahren waren. Da ging es um ein nostalgisches Erinnern an Songs, die mal eine Bedeutung hatten, und nicht darum, dass diese Songs heute eine Bedeutung haben könnten.

Hat Nostalgie nicht auch kritisches Potenzial, weil sie an Dinge erinnert, die einmal besser waren?
Das Problem an der Nostalgie ist, dass man aufgegeben hat. Ich trage viele nostalgische Züge in mir. Ich lebe noch immer in WGs, wo wir unsern Sohn grossgezogen haben, ich glaube an Kollektive, ich hatte nie Ambitionen, in eine Institution reinzugehen. Aber reine Nostalgie ist für den Arsch, sorry.

Stil oder Style ist ein wiederkehrendes Thema im Buch. Über eine Hamburger Band urteilen Sie etwa, sie habe keinen Style. Was ist Style?
Ich glaube, es hat mit Geheimwissen zu tun. Bei Punk gelang es anfangs, instinktsicher einen Style in die Öffentlichkeit zu setzen, der weder für Spiesser noch für Linksliberale decodierbar war.

In Hamburg hat man schon in den Achtzigern Anzüge getragen, da wurde Vintage erfunden von Labels wie Herr von Eden. In Berlin, der Arbeiterstadt, lief kaum jemand so herum.
Es gab auch in Berlin Bands in Anzügen, schlecht sitzenden meistens. Die Haut etwa oder später die Einstürzenden Neubauten. Ein Paradox: Stylemässig oder auch künstlerisch will ich mich abgrenzen und nur die Coolen ansprechen, als Aktivist will ich das Gegenteil, nämlich populär und unelitär sein. Ich kann nicht in einem Plenum sitzen und rufen: «Wie seht ihr denn alle aus!» Ich habe gelernt, mit dem Widerspruch zu leben, dass die loyalsten Genossinnen und Genossen nicht immer die geschmackvollsten Styletypen sind und umgekehrt.

Was halten Sie davon, dass gerade woke jüngere Leute Secondhand aus den Neunzigern tragen?
Seit einigen Jahren merke ich, dass ich Coolnesscodes nicht mehr unbedingt lesen kann. Mein Sohn lief das letzte halbe Jahr mit einer etwas grösseren runden John-Lennon-Brille mit Fensterglas und rot gefärbten Haaren mit Mittelscheitel rum. Styles, die ich für extrem uncool halte, machen ihn zum unbestrittenen Styler. Irre.

Mir gefallen die Texte am besten, in denen Sie mehr Zugang zu den Protagonisten haben als üblich im Journalismus. Zu den Protesten in Athen etwa, ganz besonders aber ein Text von 2007 über die Jägermeister-Rockliga. Was sich Sponsoring erhofft, habe ich noch nie so klar benannt gelesen.
Näher an den Journalismus bin ich wohl nie gekommen als mit diesem Artikel, das war für die «Zeit», wofür ich wirklich Zeit hatte, weil man ja auch ganz gut Geld kriegte: Da konnte ich drei Monate recherchieren! Angefangen habe ich in meinem Umfeld in Hamburg, bei der Band Die Sterne, die für Jägermeister gespielt hat, und bei Deichkind. Ich fand selbst erstaunlich, was mir der Verantwortliche bei Jägermeister erzählt hat, etwa über die Gagen, die Jan Delay gefordert hatte, was der Band Mando Diao bezahlt wurde! Bei den Texten zu den Protesten in Athen liegt es am grossen Freundeskreis, dass der Einblick vielleicht tiefer ist als üblich.

Heute fragen aktivistische, künstlerische Gruppen oft direkt, ob man ihr Alliierter sei oder nicht. Wo ist da die Grenze zur Promo?
Wenn ich über Proteste in Athen oder auch bei den Anti-G8-Demos in Prag schreibe, bin ich teilnehmender Beobachter – mit einer Grundsolidarität für das Anliegen. Dennoch komme ich nicht drum herum, die Widersprüche zu beschreiben, sonst wäre so ein Text langweilig. Ein Beispiel ist einer der Songtexte, die im hinteren Teil des Buches abgedruckt sind: «Die alte Kaufmannsstadt» von den Goldenen Zitronen, ein Lied über die G20-Proteste in Hamburg 2017. Diese Art von Dialektik, auch die Rolle von «erlebnisorientierten Hipstern» und anderen zu reflektieren, hat uns viel Naserümpfen eingebracht. Weil der Text der heroischen Selbstwahrnehmung einiger Leute in die Quere kommt.

In den überfälligen antirassistischen Diskussionen, die die Kulturinstitutionen erreicht haben, gibt es diese Lust an der Dialektik nicht immer: Kritik gilt reflexhaft als Ausdruck von «white fragility», als Angst oder Unfähigkeit, den eigenen Rassismus zu erkennen. Das beendet jede Diskussion.
Das kann ich bestätigen. Ich versuche, die Dinge nicht persönlich zu nehmen. In der Rigorosität, wie solche Debatten wieder geführt werden, erkenne ich eigene Muster. Die Arroganz der Jugend oder die Wut von Marginalisierten hat erst einmal recht. Aber es wäre gelogen, wenn ich sagen würde, dass ich das immer locker wegstecke. Egal wie intim man befreundet ist, in bestimmten Momenten kann der Vorhang runtergehen, und ich bin plötzlich nur noch der Weisse oder auch der alte Mann. Das ist schmerzhaft, klar. Das werde ich erst zu einem späteren Zeitpunkt reflektieren können. Vielleicht in einem nächsten Buch!

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