Nr. 49/2017 vom 07.12.2017

Die Schwarzkopie im Weissenghetto

Schwarze einmal nicht als Randgruppe, sondern als normale Mitglieder des Ensembles? An den Münchner Kammerspielen wurde geprobt, was im Theaterbetrieb selbstverständlich sein sollte. Die Reaktionen im Feuilleton waren entlarvend.

Von Ted Gaier

Was passiert, wenn die sehr bayerische Inszenierung eines sehr bayerischen Stücks mit einem afrodeutschen Ensemble sehr genau nachgespielt wird? Foto: Judith Buss

Um trotzige Abwehrreflexe der mitteleuropäischen Dominanzkultur gegen das vermeintlich Fremde zu beobachten, bedarf es keiner Stammtischbesuche in Thüringen oder im Thurgau. Manchmal reicht es schon, eine Theaterkritik der NZZ, der FAZ oder der «Süddeutschen Zeitung» genau zu lesen.

Aber dafür braucht es einen Anlass, denn normalerweise fällt dem homogen bürgerlichen Stadttheaterpublikum sein Weisssein ja gar nicht auf, sitzt es doch meist unter sich und schaut Inszenierungen mit seinesgleichen an. Allen ernst gemeinten Bemühungen, die grossen Häuser zu öffnen, allen Refugee- oder Stadtteil-Einbeziehungs-Projekten zum Trotz bleiben die Diskurse, die in den etablierten Theatern geführt werden, fast ausschliesslich innerhalb des Meinungs- und Erfahrungsspektrums der sogenannten Mehrheitsgesellschaft. Und ein Spiegel dessen ist die Theaterkritik.

Die Regisseurin Anta Helena Recke lieferte nun so einen Anlass an den Münchner Kammerspielen. Ihr Vorhaben ist verblüffend einfach. Als in München geborene schwarze Deutsche mit der Erfahrung aufgewachsen, ständig als Fremde wahrgenommen zu werden, entwickelte sie folgende Versuchsanordnung: Was passiert mit der Wahrnehmung aller Beteiligten eines Theaterabends, wenn ein schwarzes, fast durchweg afrodeutsches Ensemble die gefeierte, sehr bayerische Inszenierung «Mittelreich» so detailgetreu wie möglich nachspielt, also kopiert?

Weissbier in der Kantine

«Mittelreich» beruht auf dem gleichnamigen Roman von Josef Bierbichler, die Inszenierung der Regisseurin Anna-Sophie Mahler hatte vor etwas über einem Jahr an gleicher Stelle Premiere. Natürlich mit einer weissen Besetzung. Das Stück handelt von der Geschichte einer bayerischen Familie, die ein Wirtshaus am Starnberger See betreibt, also unter anderem von zwei Weltkriegen und autoritären Dorfstrukturen, von Missbrauch, von Verdrängtem aller Art – und von ostpreussischen Geflüchteten. Konzeptionell unterfüttert war Reckes Kopie durch die aus der bildenden Kunst bekannte Praxis der Appropriation Art – also der detailgetreuen Wiederholung eines bestehenden künstlerischen Werks und der Beobachtung, welche neuen Kontexte sich dadurch ergeben.

Für mich funktionierte dieser Versuch schon, bevor es überhaupt losging, nämlich beim Weissbiertrinken in der mir gut bekannten Kantine der Kammerspiele, wo ich zum ersten Mal eine grössere Zahl schwarzer Leute ganz selbstverständlich rumhängen sah. Im Zuschauerraum dann das gleiche Bild: eine ungewohnte Heterogenität im Publikum, die zu lustigen, weil irgendwie unklaren Situationen führte. Anta Recke nannte als Beispiel «eine super extreme Höflichkeit» seitens des Stammpublikums, als etwa eine Gang junger Schwarzer versuchte, sich noch auf den letzten Drücker durch die Sitzreihen zu schlängeln.

Die Bandbreite der Wahrnehmungen war, wie sich bei den Publikumsgesprächen zeigte, sehr gross. Anders als in der Originalinszenierung, wo das Blackfacing in einer Faschingsszene anscheinend gar nicht weiter aufgefallen war, wurde hier die Figur des sogenannten N-Königs ausführlich diskutiert. Junge Leute, geschult in Critical Whiteness, erkannten an sich eigene rassistische Wahrnehmungsmuster in bestimmten Szenen. Mehrere afrodeutsche ZuschauerInnen betonten die Wichtigkeit der Repräsentanz schwarzer Figuren auf der Bühne, die nicht den gängigen Stereotypen entsprächen. Und natürlich wurde auch vor allem seitens einiger AbonnentInnen einiges an unreflektiertem Blödsinn geredet, aber das offene Aussprechen eigener Wahrnehmungen war ja gewünscht.

Jedenfalls, der Applaus bei beiden Vorstellungen war frenetisch, nur die Kritiken der erwähnten Qualitätsjournaille waren merkwürdigerweise naserümpfend bis feindselig.

Die Kritik verschanzt sich

Und da wären wir bei den Abwehrreflexen. Die KritikerInnen von «SZ», FAZ und NZZ verweigerten sich dem Versuch, die eigene Wahrnehmung, zum Beispiel das Normative ihres Weissseins, zu hinterfragen. Stattdessen verschanzten sie sich hinter formalen Kriterien der Theaterkritik, die ja eben Ausdruck erwähnter Dominanzkultur sind.

Einig waren sich alle darin, diesem Abend die Sinnhaftigkeit abzusprechen und ihn rundum für gescheitert zu erklären. Sie leugneten oder relativierten die Grundthese, es gebe so etwas wie einen strukturell bedingten Ausschluss nichtweisser Menschen im deutschsprachigen Theaterbetrieb. Den Knaller in dieser Hinsicht lieferte die Rezensentin der «SZ», die meinte, «fast 60 Jahre nach der stolzen Propagierung schwarzen Selbstbewusstseins mit dem Slogan ‹Black is beautiful›» sei Reckes Vorhaben «doch ziemlich» irritierend. Ansonsten bedauert sie, dass entgegen ihrer (wohl exotistischen) Erwartung, die «farbigen» Körper dem Stoff nicht die «belebende Blutzufuhr» gegeben hätten, und spricht den meisten SchauspielerInnen gleich die nötige Professionalität ab. Sie schreibt: «Vor allem aber krankt [!] diese Aufführung an den Akteuren, weshalb sich eigentlich jede weitere Diskussion erübrigt.»

Die Dame der FAZ empfindet die Frage, wem denn da eigentlich zugeklatscht wird – der Originalinszenierung oder der Theatermacherin Anta Recke «für ihr legales ‹Appropriation›-Plagiat» – als zu kompliziert, um dann festzustellen: «So selbstreflexiv kann ein Publikum gar nicht sein.»

Deine Fresse ist dein Pass

Der Rezensent der NZZ wiederum hält die Schauspielkunst der schwarzen DarstellerInnen zwar für «hervorragend», in der Kopie aber für «ärgerlich verschenkt», und kann auch keinen Sinn darin erkennen, «dass der alte Bauer nicht mehr die voralpenfrische rosige Hautfarbe hat; und dass der Chor der Flüchtlinge jetzt wie eine Gruppe Migranten aus unseren Tagen aussieht, trägt auch nicht unbedingt zum tieferen Verständnis dieser eigentlich rein deutschen Geschichte bei». Dass einige der SchauspielerInnen auch aus deutschen Familien kommen, die durch ebendiese Fluchterfahrungen nach dem Zweiten Weltkrieg geprägt sind, wird sie in den Augen dieses Herren wahrscheinlich auch nicht als geeigneter erscheinen lassen. Es ist wie bei der Personenkontrolle in der Fussgängerzone: Deine Fresse ist dein Pass.

Alles nicht so schlimm, könnte man meinen. Ein paar gestrige KritikerInnen, die um ihre Deutungshoheit kämpfen.

Die angesichts schwarzer Deutscher nicht anders können, als an Fremde, also «Flüchtlinge» zu denken. Die partout darauf beharren, dass es nur darum gehe, darauf zu achten, was sich in Abgleich mit tradierten Normen im Guckkasten abspielt und nicht im Publikum. Die weder darüber nachdenken wollen, welches System welche Formen des Ausschlusses produziert, noch in der Lage sind, anhand der an diesem Abend starken Anwesenheit von People of Color zu erkennen, wie beschämend abwesend diese an «normalen» Theaterabenden sind. Gerade die Reaktionen derer, die leugnen, dass das Theater, beispielhaft für so etwas wie «die Gesellschaft», Fragen der Repräsentanz stellen müsse, bestätigen ja in ihrer Ignoranz die Notwendigkeit und den Erfolg dieses Experiments.

Das eigentliche Problem ist aber: Diejenigen, die hier so argumentieren, halten sich – wahrscheinlich nicht einmal zu Unrecht – für SprecherInnen einer schweigenden Mehrheit.

Was mir während des Stücks vor allem auffiel, war eine sorgfältig gemachte Stadttheaterinszenierung, die durch die Setzung eines schwarzen Ensembles einen Wahrnehmungsraum schuf, der es ermöglichte, in den einzelnen SchauspielerInnen Individuen und keine VertreterInnen einer imaginierten Minderheit zu sehen. Aber ich fragte mich auch: Wollt ihr da wirklich hin? Wobei sich dieses «ihr» natürlich verbietet und mich und meine eigene Projektion entlarvt, in den weniger Privilegierten immer die Vorhut eines viel grundsätzlicheren Kampfs sehen zu wollen.

Trotzdem: Was würde passieren mit der krassen Hierarchie, dem Sexismus, dem bürgerlichen Dünkel, ohne die ein Stadttheaterbetrieb gegenwärtig eigentlich gar nicht denkbar ist, wenn die Ensembles die Diversität ihrer Städte wirklich widerspiegelten und ein Käthchen von Heilbronn ganz selbstverständlich von einer schwarzen Person gespielt würde? Und wann wäre der Moment gekommen, wo das europäische Erbe als alles bestimmende Referenz mal beiseitegelegt werden kann und niemand mehr dieses Käthchen braucht?

Die Zukunft vordenken

Vorerst behelligen die deutschsprachigen Stadttheater ihre Kundschaft jedenfalls nicht mit solchen Fragen. Denn ihr Kerngeschäft sind nach wie vor die Verwaltung und der Erhalt dieses Erbes, und da scheint man eine klare Vorstellung davon zu haben, wie die schweigende und zahlende Mehrheit ihre Theaterstoffe präsentiert bekommen will. Repräsentanzdiskurse scheinen im Kulturbetrieb woandershin ausgelagert zu sein. In die sogenannte freie Szene oder in den akademischen Kunstbetrieb, wo man, wie neulich in Basel, auf Symposien mit Titeln wie «Decolonizing Institutions» die Zukunft in ihrer kommenden Hybridität schon mal vordenkt, statt sich hinter überkommenen Normvorstellungen zu verschanzen.

Es spricht jedenfalls Bände, dass der Chefdramaturg der Kammerspiele, Christoph Gurk, die Publikumsdiskussion mit dem Verweis beendete, dass weitere Aufführungen zwar gewünscht, aber leider schwierig zu finanzieren seien, da es sich bei den Mitwirkenden ja um «Gäste» handle. Und mit dem frommen Wunsch, dass Anta Reckes Schwarzkopie der Anfang einer Entwicklung sein möge, an deren Ende in «ferner Zukunft» die Hautfarbe kein Kriterium mehr für eine Aufnahme in ein Theaterensemble sei.

Der Musiker und Regisseur Ted Gaier ist Gründungsmitglied der Hamburger Band Die Goldenen Zitronen. Daneben ist er mit dem Agitprop-Kollektiv Schwabinggrad-Ballett unterwegs, das immer wieder als mobiles Einsatzkommando auf Demos wie jüngst bei den G20-Protesten auftritt.

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