Nr. 44/2020 vom 29.10.2020

Kleine Figuren im geopolitischen Schach

In den neunziger Jahren kämpften Tausende Afghanen im Krieg zwischen Armenien und Aserbaidschan. Wie blicken sie auf jene Zeit zurück? Und was halten sie vom neu eskalierten Konflikt? Zwei Söldner erzählen.

Von Emran Feroz und Sayed Jalal Shajjan

Während der Konflikt um Bergkarabach zwischen Aserbaidschan und Armenien weiterhin tobt und regelmässig Tote fordert, stehen neben den bewaffneten Drohnen, die beide Länder einsetzen, vor allem auch jene Freischärler im Fokus, die von der Türkei geschickt werden: hauptsächlich syrische Rebellen, die Ankara in deren Kampf gegen die Assad-Diktatur unterstützt hat. Einige von ihnen sollen zuvor auch in Libyen gekämpft haben. Die genaue Anzahl der in Bergkarabach kämpfenden Syrer ist unbekannt. Berichten zufolge sollen es zwischen 1000 und 4000 Mann sein, denen ein monatlicher Sold von je 1500 US-Dollar versprochen wurde.

Neu ist dieses Szenario in der Region allerdings nicht. Während des Bergkarabachkonflikts in den neunziger Jahren, der zwischen 25 000 und 50 000 Menschen das Leben kostete, nahmen die heutige Rolle der syrischen Kämpfer aber hauptsächlich Afghanen ein. Manche von ihnen haben Aserbaidschan seither nicht wieder verlassen.

Zum Kämpfen eingeflogen

«Die damalige afghanische Regierung schickte mich hierher. Damals hätte ich nicht gedacht, dass ich bleiben würde», erzählt Nasrat Abdul Rahim*. Kurz bevor er nach Bergkarabach aufbrach, war die letzte kommunistische Regierung Afghanistans gefallen und Kabul von den Mudschaheddin erobert worden. Federführend bei der Transferierung der afghanischen Kämpfer – laut Abdul Rahim ungefähr 5000 Mann – war ein berüchtigter Warlord und Anführer der Mudschaheddin-Partei Hisb-e Islami namens Gulbuddin Hekmatyar. Zum damaligen Zeitpunkt war er auch Premierminister der Mudschaheddin-Regierung. Entsprechend seien die meisten Krieger auch Parteisoldaten Hekmatyars gewesen, so Abdul Rahim.

Er selbst war damals 27 Jahre alt und eine Zeit lang als Lehrer tätig. Zuvor hatte er als Geflüchteter in Pakistan gelebt, wo sich viele Afghanen radikalisierten und den Mudschaheddin anschlossen, um die sowjetische Besatzung zu bekämpfen – so auch Abdul Rahim und seine Brüder.

«Wir wollten den Kampf gegen die Russen fortsetzen. Es hiess, dass Armenien von Russland unterstützt werde. Aserbaidschan bat deshalb um afghanische Hilfe», erinnert sich Abdul Rahim. Während er ins Telefon spricht, bricht immer wieder die Verbindung ab. Seit Beginn des Konflikts hat die Kommunikationsüberwachung der aserbaidschanischen Sicherheitsbehörden zugenommen, manchmal fällt das Netz komplett aus. Abdul Rahim war sich anfangs nicht sicher, ob er überhaupt mit Journalisten sprechen sollte. «Die Lage ist extrem angespannt. Das ist mittlerweile meine Heimat geworden, ich will keine Probleme bekommen», sagt er.

Jenen Krieg, an dem Abdul Rahim vor beinahe dreissig Jahren teilnahm, betrachtete er als Muslim und Mudschahed als Glaubenskrieg. Vielen seiner Kampfgefährten ging es ähnlich. Heute ist er nüchterner geworden: «Es geht um Interessen und Machteinflüsse», meint er. Die AserbaidschanerInnen selbst seien säkular, im Vergleich zu vielen AfghanInnen also kaum gläubig.

Von der Regierung in Baku wurden die afghanischen Kämpfer damals nicht bloss betreut und ausgestattet, sondern teils auch eigens aus Afghanistan eingeflogen. «Unsere Maschine startete in Dschalalabad», erzählt Abdul Rahim. Nach der Landung kämpfte er rund anderthalb Jahre unter aserbaidschanischer Flagge.

Derweil tobte in Afghanistan ein Bürgerkrieg, den unter anderem Hekmatyar selbst und andere Mudschaheddin-Warlords angezettelt hatten. Nachdem die Kommunisten gestürzt waren, hatten sie begonnen, einander zu bekämpfen, weite Teile Kabuls wurden dabei in Schutt und Asche gelegt. Zahlreiche der damaligen Warlords, darunter auch Hekmatyar, sind heute wieder an die Macht zurückgekehrt.

Im Mai 1994 kam es in Bergkarabach zum Waffenstillstand; die meisten afghanischen Kämpfer kehrten daraufhin zurück. Abdul Rahim hingegen ist in Baku geblieben, wo er bis heute lebt, und hat eine Familie gegründet. Ein Schritt, der damals auch von der aserbaidschanischen Regierung begrüsst wurde. «Anders als in anderen Ländern haben Afghanen in dieser Gesellschaft ein hohes Ansehen. Ich genoss damals viele Vorteile», sagt Abdul Rahim stolz. Er durfte eine Ausbildung machen und arbeiten. Derartiges Glück hatte allerdings nicht jeder.

Ein lukrativer Nebenverdienst

Die Erfahrungen der afghanischen Kämpfer, die damals am Krieg teilnahmen, sind oftmals sehr unterschiedlich, wie die Geschichte von Naim Schah* deutlich macht. Heute lebt und arbeitet der Sechzigjährige in Dschalalabad im Osten Afghanistans als Kanalarbeiter. Am Karabachkonflikt nahm er Ende 1993 teil. Sechs Monate später, nachdem der Waffenstillstand zwischen Armenien und Aserbaidschan unterzeichnet worden war, kehrte er in seine Heimat zurück, wo ihn ein anderer Krieg erwartete.

Dort angekommen, erinnerte er sich an die Worte eines aserbaidschanischen Soldaten, als dieser mitbekam, dass Schah eine Schule im Visier hatte: «Wir greifen hier keine Schulen an, immerhin sind wir hier nicht in Afghanistan. Ihr habt euer Land zerstört, aber wir machen das nicht, du Dummkopf», schrie dieser ihn an. «Der Typ hatte irgendwie recht. In Afghanistan zerstörten wir hemmungslos alles. Moscheen, Schulen, Krankenhäuser», sagt Schah heute.

Anders als für Abdul Rahim war der Krieg für Schah alles andere als ein Glaubenskonflikt. Auch in Afghanistan kämpfte er an verschiedenen Fronten. Paradox war etwa, dass er die Russen, die ihn einst ausgebildet hatten, in Karabach nun bekämpfte.

«Ich war Teil der afghanisch-kommunistischen Armee, die von der Sowjetunion aufgebaut wurde. Was in Karabach los war, interessierte mich nicht wirklich. Hekmatyars Regierung rekrutierte mich, weil ich militärische Erfahrung hatte. Das war bei vielen anderen Männern ebenso der Fall», erzählt Schah, der damals in einem Flieger gemeinsam mit anderen Kämpfern aus dem iranisch-pakistanischen Grenzgebiet nach Baku gebracht wurde. Gechartert wurde die Maschine von der iranischen Regierung, die ebenfalls im Konflikt mitmischte.

Laut Schah erhielten die meisten Kämpfer seiner Einheit im Monat zwischen 180 und 300 US-Dollar von Teheran. Der damalige Freischärler verschaffte sich allerdings einen lukrativen Nebenverdienst, indem er geschmuggeltes Marihuana aus Afghanistan in Aserbaidschan vertickte. Vor dem Beginn seiner Reise liess er sich das Gras in seine Kleidung einnähen. «Ich hatte viele Kunden. Aber mir blieb meistens nichts, auch nicht vom Sold. Wir gaben alles für Prostituierte, Drogen und Alkohol aus», erzählt Schah, der heute in extrem ärmlichen Verhältnissen lebt. «Es gab keinen Dschihad. Es ging nur ums Geld», so sein Resümee.

Abdul Rahim schätzt, dass aktuell rund 2500 AfghanInnen in Aserbaidschan leben. Viele von ihnen sind, ähnlich wie er, ehemalige Kämpfer. Den aktuellen Konflikt betrachtet er mit Sorge – unter anderem auch deshalb, weil Medien und Politik beider Parteien ihren Fokus nun wieder auf die einstigen afghanischen Kämpfer gelegt haben. «Wir leben hier nun alle in Frieden. Aserbaidschan ist unsere Heimat geworden, doch mit dem aktuellen Krieg wollen wir nichts mehr zu tun haben. Allein die Tatsache, dass so viele Akteure involviert sind, macht deutlich, dass Kämpfer, wie wir es waren, lediglich kleine Schachfiguren sind», sagt er.

* Namen geändert.

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