Nr. 44/2020 vom 29.10.2020

Ein Jahr November

Von Alice Galizia

Der Titel ist eine Lüge: «Fünf Jahreszeiten» heisst der neue Roman von Meral Kureyshi und fühlt sich an wie immer Herbst, November, wenn es kalt ist, aber die Stadt noch nicht nach Weihnachten leuchtet und nach Glühwein stinkt. Kureyshi spannt ganz langsam die Geschichte ihrer Icherzählerin auf, einer jungen Frau mit abgebrochenem Masterstudium, einem Aufsichtsjob im Kunstmuseum Bern und einem grossen Herzen, doch mit Mühe, es in eine Richtung zu lenken. Eine traurige Frau. Sie kommt aus dem Nachdenken nicht heraus und aus ihrer Beziehung ebenso nicht, obwohl sich Kureyshi viel Mühe gibt, diesen Manuel als anstrengenden Langweiler zu zeichnen und die Liaison damit als kaum nachvollziehbar. Und obwohl die Protagonistin verliebt ist in einen anderen, in Adam – so verliebt wie in den ersten vier Wochen, fünf Jahreszeiten lang. Vielleicht kann das eben gar nicht wahr sein, und so beschreibt dieses Buch einen ewigen Schwebezustand, in dem auch der letzte Absturz zum Schluss eigentlich gar keiner ist.

Keine Entscheidung, keine Bewegung: Dieses Buch nervt. Es nervt, dass die Erzählerin nicht vorwärtskommt, dass sie nicht Ja sagen kann und nicht Nein, dass sie lieber in der Stadt herumstolpert und verträumt Bäume und Ampeln beschreibt. Und die verliebten Männer um sie herum, die nerven auch in ihrem ständigen Drängen, sodass man die Erzählerin wiederum verstehen kann in ihrem Rückzug. Darum könnte man sagen: Ja, dieses Buch nervt, aber es umschreibt so auch den entscheidungslosen Zustand, der wie kein anderer die ziehende Sehnsucht provozieren kann, die die Protagonistin ständig begleitet.

Die Form als stärkster Ausdruck des Innenlebens – das gelingt auch mit den undefinierten Zeitebenen, zwischen denen Kureyshi ständig springt und damit im Vagen lässt, wo wir gerade sind: im Jetzt, im Erinnern, im Fabulieren? Ein schönes Bild für die Verlorenheit dieser Figur, die sich auch in Manuels Vorwürfen und Bitten so verstrickt hat, dass sie kaum mehr heraussieht. Da wünschte man ihr schon, dass sie sich endlich aufraffen würde, endlich sagen könnte: Geh jetzt.

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