Nr. 45/2020 vom 05.11.2020

Willkommen im Haifischbecken

Tamedia hat gesprochen: Die «Berner Zeitung» und der «Bund» sollen künftig nicht mehr Konkurrenten sein, sondern ihre Lokal- und Kulturredaktionen zusammenlegen. Was bedeutet das für die JournalistInnen?

Von Silvia SüessMail an AutorIn (Text) und Florian Bachmann (Foto)

«Wenn dieses Projekt umgesetzt wird, gibt es zuerst einmal ein riesiges Gemetzel»: Sitz von «Bund» wie «BZ» am Dammweg in der Berner Lorraine.

Zuckerbrot und Peitsche – auf dieser Erziehungsmethode basiert die Kommunikation der Führungsetage von Tamedia, der Bezahlzeitungssparte des TX-Konzerns. Auf knallharte Informationen über Sparmassnahmen oder Kündigungen folgt in der Regel am nächsten Tag das Zuckerbrot in Form eines Mails. Darin bedanken sich die Führungsmitglieder für «den guten Austausch» oder «das Gespräch» und beschwören den Zusammenhalt: «Nur, wenn wir die Kräfte bündeln, werden wir die Herausforderungen meistern können.»

So lief es auch vergangene Woche: Wie die «Republik» am Donnerstag berichtete, informierten tags zuvor die Tamedia-Geschäftsführer Marco Boselli und Andreas Schaffner per Videokonferenz über die Zukunft der beiden Zeitungen «Bund» und «Berner Zeitung» («BZ»): Deren Redaktionen – die momentan in Kurzarbeit und im Homeoffice sind – sollen ab April 2021 aus Spargründen vollständig zusammengelegt werden. Zuvor will Tamedia dem Vernehmen nach eine ähnliche Übung mit ihren Zeitungen im Kanton Zürich durchziehen. Siebzig Millionen Franken sollen eingespart werden, davon ein siebenstelliger Betrag in Bern. Die beiden Zeitungen gehören seit 2007 zu Tamedia und erscheinen seit 2018 mit gemeinsamem Mantel. Noch haben beide eine eigene Kulturredaktion, der «Bund» verfügt über eine eigene Bernredaktion und die «BZ» über eigenständige Stadt-, Regions- und Kantonsredaktionen. In Zukunft sollen die JournalistInnen aus einer gemeinsamen Redaktion zwei Zeitungen bespielen. Der Wettbewerb finde zukünftig nicht mehr unter den Zeitungen statt, so Boselli, sondern unter den Geschichten. Will heissen: Jede kämpft gegen jeden – willkommen im Haifischbecken.

Vor allem ein interner Kostenfaktor

Die WOZ hat mit einem halben Dutzend JournalistInnen von beiden Zeitungen aus den betroffenen Ressorts gesprochen. Sie alle möchten anonym bleiben. Ihre Aussagen geben einen erschütternden Einblick in einen Konzern, der zwar zwei Milliarden Franken Eigenkapital hat, den AktionärInnen Dividenden auszahlt und beim Staat die hohle Hand macht, doch gleichzeitig seit Jahren bei den Redaktionen dermassen spart, dass mittlerweile alle am Limit arbeiten – stets begleitet von der Angst, der nächsten Sparrunde zum Opfer zu fallen.

Sie würden intern vor allem als Kostenfaktor wahrgenommen, sagt eine Redaktorin, und dies in einer Zeit, in der die Arbeit der Medien extrem wichtig sei. Ein anderer sagt: «Der psychische Druck und die Unsicherheit werden immer grösser. Wenn dieses Projekt umgesetzt wird, gibt es zuerst einmal ein riesiges Gemetzel in Sachen Stellen. Dann machen die, die bleiben, gemeinsam zwei Zeitungen.»

Wie die zwei Zeitungen genau aussehen werden, ist noch unklar, laut einer Medienmitteilung von Tamedia ist es «unsere Ambition, beide Titel zu erhalten und sie auch weiterhin unterschiedlich zu positionieren (Bund städtisch, BZ ländlich)». Während der «Bund» seit jeher für ein urbanes Publikum schreibt, bedient die «BZ» eine ländliche Leserschaft. Dass man diese LeserInnen bei bestimmten Themen nicht mit denselben Texten beliefern kann – man denke zum Beispiel an eine Besprechung der neuen Gölä-Platte –, weiss auch Tamedia. Gerne hätte die WOZ von Marco Boselli Genaueres über die Zusammenlegung erfahren, doch eine Gesprächsanfrage lehnt er mit Verweis auf die Medienmitteilung ab.

Klicks, Klicks, Klicks!

Überrascht von der verkündeten Zusammenlegung war niemand wirklich. Erschrocken waren jedoch alle über das Fehlen publizistischer Argumente in Bosellis Ausführungen. Eine Journalistin sagt: «Schockiert war ich ob der Ignoranz gegenüber dem Berner Modell. Boselli tat so, als sei es all die Jahre nur ein ökonomischer Irrtum gewesen, dass ‹Bund› und ‹Berner Zeitung› jeweils eigene JournalistInnen zu einer Theateraufführung oder einer Stadtratssitzung geschickt haben.» Ein anderer Journalist: «Er hatte keine argumentative Grundlage. Er fand einfach alles, was wir bis jetzt in Bern gemacht haben, einen Witz.» Und ein dritter: «Bosellis einziges Argument für alles sind Klicks.» Klicks seien ja nicht per se schlecht, aber halt nicht das einzige Kriterium.

Gerade im Lokal- und Kulturjournalismus gehe es ja unter anderem darum, das Geschehen in der Region abzubilden – so etwas geht aber selten viral. Dass Boselli ausgerechnet die Blausee-Skandal-Geschichte als Beispiel für guten Lokaljournalismus anführte, finden alle lächerlich. Journalisten deckten auf, dass im Kandertal Tausende von Forellen gestorben waren – wohl als Folge von Sanierungsarbeiten beim Lötschberg-Scheiteltunnel. «So eine Geschichte hast du als Lokaljournalist einmal im Jahr.» Boselli unterschätze, dass man als Lokaljournalist ein Netzwerk und Vertrauen aufbauen müsse. «Das kann man nur, wenn man regelmässig vor Ort ist. Und nicht, wenn man schnell anreist, weil es dort gerade einen Sexskandal gibt.» Wenn der künftige Journalismus in Bern nur noch auf Skandalen und Klicks basiere, stehe der Ruf der Zeitungen auf dem Spiel.

Doch ganz kampflos soll das Berner Modell nun nicht zu Grabe getragen werden: Die Redaktion des «Bunds» ist mit einem offenen Brief an Verleger Pietro Supino herangetreten – und auch auf politischer Ebene geschieht etwas: Sechs Berner NationalrätInnen haben in einem Brief an den Berner Regierungsrat ihre Sorge über den Kahlschlag auf dem Medienplatz Bern mitgeteilt und ihn zum Handeln aufgefordert. Ob sich hier tatsächlich etwas tut, wird sich zeigen. Wahrscheinlicher ist, dass bald der nächste Peitschenhieb folgen wird – und anschliessend ein bisschen Zuckerbrot.

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