Nr. 11/2021 vom 18.03.2021

Mehr Vielfalt für Bern?

Einmal fürs Netz, einmal auf Papier: In der Hauptstadt sind gleich zwei neue Medienprojekte in Planung.

Von Silvia SüessMail an AutorIn

Die Ankündigung kam überraschend: Ein Schaffhauser Verleger plane eine neue Printzeitung in Bern, meldete die «Handelszeitung» Ende Januar. Der bekennende Heimwehberner Norbert Bernhard wolle im Herbst 2021 eine Gratiszeitung lancieren. Die «Medienwoche» brachte darauf ein grosses Porträt über den ambitionierten Verleger, der sechzig Millionen Franken auftreiben will, um die «Neue Berner Zeitung» zu gründen. Mit Geld kennt sich Bernhard aus: «Private – das Geld-Magazin» heisst das Gratisblatt, das er seit zwanzig Jahren herausgibt, ausserdem verleiht er den mit 10 000 Franken dotierten «Private-Medienpreis» für Finanzjournalismus.

Bernhard ist zuversichtlich, dass er bis im Herbst das nötige Geld für eine Redaktion beisammen hat: Das Interesse an einem «Konkurrenzprodukt» zu den bestehenden Berner Zeitungen sei vorhanden, auch auf «Geldgeberseite», teilt er auf Nachfrage mit. Für die Finanzierung habe er verschiedene Banken angefragt. Private SponsorInnen seien nicht geeignet, wegen der latenten Gefahr, dass diese sich früher oder später in redaktionelle Angelegenheiten einmischten: «Und so etwas wäre für eine unabhängige Tageszeitung unhaltbar.» Der promovierte Ethnologe und vegane Tierschützer betont seine Unabhängigkeit und politische Neutralität. Zwar hatte er in den neunziger Jahren als Nationalrat für die Schweizer Demokraten kandidiert, doch laut «Medienwoche» war das «ein kurzer Abstecher».

Redaktion nur mit Frauen?

Gegenüber der WOZ gibt sich Bernhard feministisch: Er suche hauptsächlich oder wenn möglich sogar ausschliesslich Redaktorinnen und habe schon viele Anfragen von solchen erhalten. Eine Chefredaktorin habe er auch schon im Auge – mehr lässt er sich nicht entlocken, solange die Finanzierung noch nicht steht. Nur noch seine Motivation: Bern sei die Hauptstadt der Schweiz und die schönste Stadt der Welt. «Die Verarmung der Presselandschaft und der Verlust der Pressevielfalt in Bern ist für mich als Heimwehberner und Verleger untragbar», so Bernhard. Er wolle, dass Bern wieder eine eigene Zeitung bekomme: «aus Bern, von Bernerinnen und für Bern.»

«Seit zwanzig Jahren wird auf dem Berner Medienplatz gespart», sagt die langjährige Journalistin Marina Bolzli. «Anstatt das weiter zu ertragen oder zu jammern, machen wir nun einen unternehmerischen Effort und gründen selber etwas.» Die ehemalige Redaktorin der «Berner Zeitung» («BZ») ist eine von rund fünfzehn JournalistInnen, die Ideen für ein neues Onlinemedienprojekt ausarbeiten. Mit dabei ist der «BZ»-Journalist Jürg Steiner, der am Berner Medientag am 22. März über das Projekt reden wird. Die Gruppe startete, kurz nachdem die Tamedia-Geschäftsleitung über die Zusammenlegung der Redaktionen von «Bund» und «BZ» informiert hatte (siehe WOZ Nr. 45/2020). Auch sie treibt die Sorge um die schwindende Medienvielfalt an sowie die unbefriedigende Tatsache, dass die Berner Tageszeitungen von Zürich aus verwaltet werden – und schliesslich auch der Fakt, dass Arbeitsbedingungen und Redaktionsklima durch Sparmassnahmen und Fusionen immer rauer werden.

«Republik» als Vorbild

Das Projekt unter dem Titel «Neuer Berner Journalismus» soll nicht gewinnorientiert sein, kommerziell wie politisch unabhängig und kritisch gegenüber Links und Rechts. Diversity wird angestrebt, auf der Redaktion wie in der Berichterstattung. Die Grösse der Redaktion hängt davon ab, wie gut die Finanzierung laufen wird. Nach dem Vorbild der «Republik» soll sich auch das Berner Onlinemedium grösstenteils über Mitgliedschaften und Abos finanzieren, mit Geld von GönnerInnen und Stiftungen sowie über die Medienförderung des Bundes.

Die kleinen, lokalen Onlinemedien wie «Bajour», «Tsüri.ch» oder «Zentralplus», die in den letzten Jahren entstanden sind und ihren Platz in der Medienlandschaft gefunden haben, stimmen Bolzli und ihre KollegInnen zuversichtlich. Dass vor bald zehn Jahren mit «Journal B» schon einmal ein Onlinemedium aus ähnlicher Motivation gegründet wurde, das sich jedoch nicht etablieren konnte, davon lassen sie sich nicht beirren: «‹Journal B› war eine wegweisende Idee, doch vermutlich war es zu früh», so Bolzli.

Ob die BernerInnen jetzt bereit sind für ein neues Onlinemedium oder ob sie doch lieber eine gedruckte Gratiszeitung haben möchten, wird sich zeigen. Für beide zusammen könnte es eng werden.

Wenn Ihnen der unabhängige und kritische Journalismus der WOZ etwas wert ist, können Sie uns gerne spontan finanziell unterstützen:

Überweisung

PC-Konto 87-39737-0
BIC POFICHBEXXX
IBAN CH04 0900 0000 8703 9737 0
Verwendungszweck Spende woz.ch