Nr. 48/2020 vom 26.11.2020

Leidensangst schlägt Lebenswillen

Die Triage, bei welchen Coronakranken alle medizinischen Mittel ausgeschöpft werden und bei welchen nicht, findet längst statt. Nicht in den Spitälern, sondern in den Alters- und Pflegeheimen.

Von Renato BeckMail an AutorIn, Cigdem AkyolMail an AutorIn und Sarah Schmalz

In einzelnen Kantonen haben sich die Heime zu eigentlichen Todeszonen entwickelt – den Behörden gelingt es nicht, die sogenannt vulnerablen Gruppen zu schützen. Foto: Ursula Häne

Nachdem das Virus ins Generationenhaus Neubad eingedrungen war, verbreitete es sich rasend schnell. Anfang November wurde im Stadtbasler Pflegeheim der erste positive Coronatest vermerkt, danach erfolgte der Ausbruch. 47 Ansteckungen kamen zusammen, zwei BewohnerInnen starben am Virus. Mittlerweile ist die Lage unter Kontrolle, weitere Tote werden nicht befürchtet.

Was im Basler Pflegeheim geschah, passiert wieder in der ganzen Schweiz. Virginie Masserey, Leiterin Infektionskontrolle beim Bundesamt für Gesundheit, warnte am Dienstag vor «besorgniserregenden Szenen» in den Schweizer Alters- und Pflegeheimen. Allen Absichtserklärungen zum Trotz gelingt es den Behörden wie schon während der ersten Welle im Frühjahr nicht, die sogenannt vulnerablen Gruppen zu schützen. Während die Sterbezahlen gesamthaft betrachtet auf hohem Niveau leicht rückläufig sind, steigen sie in den Heimen an. In einzelnen Kantonen haben sich die Heime zu eigentlichen Todeszonen entwickelt. Im Wallis lebten vor der Pandemie rund 1000 Personen in Alters- und Pflegeheimen. Seit dem Frühjahr starben in diesen Heimen 219 SeniorInnen an Covid-19, allein in den ersten drei Novemberwochen waren es 88. Im Aargau fielen vierzig Prozent der Toten, in Baselland ein Drittel in Alters- und Pflegeheimen an. Hunderte Schwerkranke, die nie ins Spital überwiesen wurden, sondern ohne Intensivpflege im Heim starben.

Lieber in vertrauter Umgebung

Auch die beiden Verstorbenen im Basler Generationenhaus verliessen nach ihrer Infektion das Heim nicht mehr. Sie wollten nicht ins Spital überführt werden. Ihren Willen hatten sie in einer Patientenverfügung festgehalten. Laut Dominik Lehmann, Geschäftsleiter des Generationenhauses, haben über 80 seiner 87 BewohnerInnen eine solche verfasst. Mit allen BewohnerInnen habe man die therapeutischen Optionen erörtert, die bei einem schweren Verlauf möglich seien, sagt Lehmann. Dazu zählen die Intensivbehandlung im Spital mit Intubation und künstlicher Beatmung oder die Betreuung im Heim. Der mögliche Leidensweg kann in beiden Fällen lang sein, die Belastung immens, der Ausgang ist immer ungewiss. Im Heim befinden sich die BewohnerInnen immerhin in einer vertrauten Umgebung, sie kennen das Personal, zudem können die ÄrztInnen bei schwersten Verläufen das Sterben mit Medikamenten erleichtern. Lehmann beteuert, seine BewohnerInnen nicht in eine Richtung gedrängt zu haben. Gleichwohl hätten sich praktisch alle gegen die Spitaleinweisung entschieden. «Das lag nicht am schwindenden Lebenswillen, der ist bei fast allen unseren BewohnerInnen sehr ausgeprägt.»

Nicht nur im Basler Generationenhaus, in vielen Alters- und Pflegeheimen der Schweiz findet über diese Prozesse eine vorgelagerte Triage statt. Einzelne Spitäler, sagt Lehmann, würden derzeit keine Betagten aufnehmen, die keine Patientenverfügung hätten, in der genau geregelt ist, welche Behandlung man wünscht oder ablehnt. Im Kanton Aargau etwa sind derartige Abklärungen Pflicht für schwer kranke hochaltrige Covid-19-PatientInnen. Das Schreckensszenario, dass ÄrztInnen aufgrund mangelnder Spitalkapazitäten über Leben und Tod von Coronakranken entscheiden müssen, ist bislang nur deshalb nicht eingetreten, weil viele SeniorInnen diese Entscheidung bereits für sich selber treffen mussten. Die Schweiz hat gemessen an der Bevölkerungszahl aktuell eine der höchsten Sterberaten Europas – Chaos in den Spitälern gab es wegen der vielen Toten in den Heimen aber nicht.

Keine Überlebensgarantie

Das Interesse an Patientenverfügungen sei seit der Pandemie stark gestiegen, sagt Peter Burri von der Altersorganisation Pro Senectute, vor allem im Tessin und der Westschweiz. Vor der Coronakrise habe bloss jedeR fünfte SeniorIn eine solche unterschrieben. Nun, vermutet Burri, spürten viele ältere BürgerInnen die Dringlichkeit, ihren Willen auszuformulieren. Eigentlich eine positive Entwicklung, findet Gabriela Bieri, Chefärztin des Geriatrischen Dienstes und ärztliche Direktorin der Pflegezentren der Stadt Zürich – gerade wenn in den Patientenverfügungen auf eine intensivmedizinische Behandlung verzichtet wird. «Man darf nicht fälschlicherweise davon ausgehen, dass, wer auf die Intensivstation kommt, auch automatisch überlebt», sagt Bieri. Bei hochbetagten, vorerkrankten, gebrechlichen Menschen sei die Prognose bei Covid schlecht. Eine Beatmung ergebe oft keinen Sinn. In der zweiten Welle sei man mit der Beatmung generell zurückhaltender geworden, da Covid nicht nur eine Lungenerkrankung sei und die Beatmung nur bedingt helfe.

Vor allem aber wünscht sich Bieri, dass diese schwierigen Entscheide gar nicht erst getroffen werden müssten, dass also mehr zur Eindämmung des Virus getan würde: «Man kann jetzt natürlich sagen, es trifft sowieso diejenigen, die bald sterben werden. Aber viele dieser Menschen, die hätten noch leben wollen.»

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