Musikproduzentinnen : Wie man die Beats ein- und die nervigen Zweifel ausblendet

Nr.  35 –

Keine Angst vor der Technik: Die Berliner Musikproduzentin und Toningenieurin Maya Consuelo Sternel gibt in Bern einen Workshop für Frauen, die ihre Sounds selber produzieren möchten.

Maya Consuelo Sternel kennt die Situation nur allzu gut: Sie baut ein Musikaufnahmeset auf, da kommt ein Toningenieur, schaut ihr kritisch über die Schultern, kontrolliert, ob sie die Kabel am richtigen Ort eingesteckt hat, und will ihr die Ein- und Ausgänge der Aufnahmegeräte erklären. Die Berlinerin schüttelt den Kopf, während sie die Anekdote erzählt, denn als DJ, Musikproduzentin und ausgebildete Toningenieurin ist sie seit Jahrzehnten im Musikbusiness tätig und ein Vollprofi. Und doch: «Wenn du eine Frau bist, wird deine Kompetenz in dieser Branche stets angezweifelt», sagt Sternel. «Ich muss immer beweisen, dass ich es wirklich kann – das ist total nervig.»

Software für den Hausgebrauch

Sternel ist für eine Woche in Bern, um den Female-Homestudio-Workshop zu leiten. Organisiert haben ihn die Berner Musikerin Pamela Méndez und der Verein Helvetiarockt (vgl. «Mehr Musikerinnen» im Anschluss an diesen Text). Ziel ist es, den Musikerinnen die Grundlagen der Software Ableton Live sowie verschiedene Produktionstechniken für den Heimgebrauch näherzubringen – und ihnen den Respekt vor der Technik zu nehmen. Denn bis auf ein paar Ausnahmen ist die Ton- und Produktionstechnik noch immer fest in Männerhänden.

Viele Musikerinnen trauten es sich nicht zu, sich mit der Technik auseinanderzusetzen, sagt Regula Frei, Geschäftsleiterin von Helvetiarockt und selber Musikerin. Dabei sei das heute zwingend: «Heutzutage basteln alle in ihrer Stube oder in ihrem Keller ihre Songs, zum Teil ganz alleine – das ist Teil der Rockmusik.» Die Technikkenntnis braucht man zunächst, um selber Songs zu entwickeln; dank Computerprogrammen kann man alle Instrumente selber einspielen. Und dann braucht man sie, um autonom Demotapes aufzunehmen. «Und wer sich selber etwas auskennt, lässt sich auch nicht so schnell vom Tontechniker oder Produzenten im Studio oder auf der Bühne verunsichern», so Frei.

In der Genderfalle

Jetzt sitzen zehn Frauen zwischen zwanzig und vierzig Jahren in einem ehemaligen Schulzimmer im Kulturzentrum Progr in Bern, jede mit einem Laptop vor sich. Nathalie hat als DJ gearbeitet und möchte gerne selber produzieren. Chiara studiert Kunst, hat auch schon Musikaufnahmen gemacht, kennt aber die Ableton-Software noch nicht. Damaris arbeitet als Tontechnikerin hauptsächlich im Livebereich und möchte sich im Studiobereich weiterbilden. Pascale ist DJ, spielt Gitarre und hat eine Sendung bei einem Alternativradio. Sie habe schon einmal einen Einführungskurs in die Musikproduktion gemacht, allerdings bei einem Mann mit nur männlichen Kursteilnehmern. Und sie sei zu ihrem Ärger sofort in die «Genderfalle gefallen»: «Ich dachte, die Typen können das, nur ich nicht.» Sie hoffe, dass sie durch den Kurs mehr Mut bekomme.

Maya Sternel nickt, ihre knallroten Haare leuchten. Sie trägt ein Shirt mit der Aufschrift «Underground Sounds», darunter prangt das Bild einer Kassette, die im Stil eines U-Bahn-Plans mit unterschiedlichen Farblinien gezeichnet ist – doch diese bezeichnen keine U-Bahn-Linien, sondern Stilrichtungen im musikalischen Untergrund. Vor ihrem Pult steht der Laptop, hinter ihr auf der Leinwand wird das Ableton-Programm projiziert, mit dem sie die Frauen nun vertraut macht. «Manchmal rede ich im Fachterminus. Bitte einfach sofort fragen!», sagt sie noch, bevor es zackig losgeht: Angefangen wird mit den Beats. Zuerst gibt es eine ganz kurze Einleitung in die Eigenheiten des Schlagzeugs, dann Fragen wie: «Was ist das Besondere an der Snare?» – «Auf welche Takte verteilen sich Kick Drum und Snare?»

Dann zeigt Sternel im Programm, wo die Beats zu finden sind, wie man diese in die Tonspur zieht, anklickt, übereinanderlegt, leiser oder lauter macht und wieder löscht. Es ist eine vergnügliche Spielerei. Sternel hantiert geschickt mit dem Programm, klickt hier ein Snare und dort ein Hi-Hat an, legt die Beats übereinander und hat schon bald einen Club-Beat zusammengestellt. Später folgt die Einführung in die Sounds und Instrumente am Computer, dann das Einspielen der eigenen Instrumente ins Programm sowie das Kennenlernen verschiedener Arrangiertechniken. Und am Ende des fünftägigen Workshops sollte jede Teilnehmerin mit einem eigens produzierten Song auftreten.

Bereits in den neunziger Jahren fand die heute 42-jährige Sternel Gefallen am Musikmachen mit dem Computer. Sie war damals Drummerin und Keyboarderin in einer Band. Als die Band eine Woche gemeinsam verreisen wollte, hiess es, ihr Schlagzeug habe leider keinen Platz im Auto, sie müsse halt einen Drumcomputer mitnehmen. «Die Jungs von der Band sagten einfach: ‹Mach mal, Maya› – und das habe ich dann auch getan», sagt Sternel. Wieder zu Hause, schaffte sie sich ein Vierspurgerät an und begann, alleine an Hip-Hop-Songs rumzubasteln. «Eines Tages wurde ich in ein renommiertes Studio eingeladen, um Aufnahmen zu machen, und ich war so schockiert, wie schlecht diese Aufnahmen klangen. Die brachten einfach den Sound nicht hin, schrecklich!» Da habe sie sich gesagt: «Das passiert mir nie mehr!» Sie studierte Tontechnik in Hamburg und reiste nach der Ausbildung mit einem Koffer und einer Liste mit den Adressen der grössten Tonstudios nach New York. Dort klopfte sie an die Türen, beim dritten Anlauf klappte es: «Da sass ich in einem Studio direkt beim Times Square und habe extrem viel gelernt.»

Immer diese Männerwitze

Das ist jetzt zwanzig Jahre her. Sternel war damals eine von vier Frauen unter rund fünfzig Mitarbeitenden – das Verhältnis hat sich bis heute nicht gross verändert. Doch in den USA sei man in der Branche viel respektvoller mit ihr umgegangen als in Deutschland. Es sei manchmal schon ermüdend, sich als Frau immer diese Männergespräche und Männerwitze anzuhören und sich tagtäglich in dieser Welt zu behaupten und seine Kompetenz zu beweisen. Trotzdem: «Es gibt eine Handvoll Frauen, die sich durchbeissen und nicht frustriert werden», so Sternel. Sie ist eine davon.

Am Freitag, dem 28. August 2015, um 21 Uhr treten die Musikerinnen mit ihren Songs im Café Kairo in Bern auf. www.cafe-kairo.ch