Nr. 47/2020 vom 19.11.2020

Wettbewerbsfähige Giftauslagerung

Von Franziska MeisterMail an AutorIn

Die Wissenschaft habe sich aus der Politik herauszuhalten, heisst es in gewissen Kreisen. Dabei ist Wissenschaft grundsätzlich politisch: Niemand forscht ausserhalb und unbeeinflusst von der Gesellschaft. Und wer aus dem vermeintlichen Elfenbeinturm heraus die Politik kommentiert, lässt sich deshalb noch lange nicht vor ihren Karren spannen – im Gegenteil. Wenn also jemand wie Ursula von der Leyen, die Präsidentin der Europäischen Kommission, verkündet, die EU wolle dem Rest der Welt mit ihrem «Green Deal» zeigen, wie man den Kampf gegen die Klimaerhitzung nachhaltig und wettbewerbsfähig gestalten könne, dann darf sie sich nicht wundern, wenn ihr von fachkompetenter Seite her eine steife Bise entgegenweht. Konkret: ein Kommentar in der jüngsten Ausgabe der Fachzeitschrift «Nature», der aufzeigt, dass die vermeintliche Klimaneutralität Europas bis 2050 auf dem Buckel des Globalen Südens erreicht wird.

Die Beweisführung der Autoren vom Karlsruher Institut für Technologie ist geradezu beschämend simpel. Während die EU in den nächsten zehn Jahren ihren Dünger- und Pestizidverbrauch um 20 respektive 50 Prozent reduzieren will, unternimmt sie nichts dagegen, dass ihre wichtigsten Handelspartner, allen voran Brasilien, Jahr für Jahr doppelt so viel Dünger einsetzen und Pestizide verwenden, die in der EU längst verboten sind. Drei Fünftel aller in der EU konsumierten Fleisch- und Milchprodukte sind importiert, ebenso ein Fünftel aller Nutzpflanzen, die Hälfte davon Soja und Palmöl. Brasilien rodete zwischen 1990 und 2008 eine Regenwaldfläche mehr als doppelt so gross wie die Schweiz – allein aufgrund der Sojanachfrage aus der EU. Und weil der «Green Deal» Importregulierungen nicht tangiert, darf das von ebendort importierte Soja sogar als «nachhaltig» deklariert werden. Solange also die EU ihre Umwelt- und Nachhaltigkeitsstandards nicht auf Agrarimporte überträgt und auch kontrolliert, ist der «Green Deal» nichts weiter als ein Feigenblatt – und ein feiges noch dazu.

Wobei die «nachhaltige» Lösung der Karlsruher Autoren auch etwas gar simpel ausfällt: mit Crispr und Vertical Farming technisch hochgerüstet produzierte Nahrungsmittel aus der EU.

Wenn Ihnen der unabhängige und kritische Journalismus der WOZ etwas wert ist, können Sie uns gerne spontan finanziell unterstützen:

Überweisung

PC-Konto 87-39737-0
BIC POFICHBEXXX
IBAN CH04 0900 0000 8703 9737 0
Verwendungszweck Spende woz.ch