Nr. 48/2020 vom 26.11.2020

Theater gegen alle Umstände

Eine Theatermacherin joggt durch Beirut, im inneren Dialog mit der Stadt, und erzählt von deren turbulenter jüngerer Geschichte. Nun führt Hanane Hajj Ali ihr Stück in Zürich auf.

Von Meret Michel, Beirut

«Wenn ich nicht frei sein kann, will ich kein Theater mache­n»: Hanane Hajj Ali. Foto: Marwan Tahtah

Hanane Hajj Ali joggt. Seit dreissig Jahren joggt sie fast jeden Tag durch die Strassen von Beirut. Wenn sie durch die Strassen rennt, ist es, als wäre sie in einem inneren Dialog mit ihrer Stadt: Was haben sie mit dir gemacht, Beirut? Hanane Hajj Ali joggt, um die Enttäuschung zu bewältigen, denn das Laufen und das Theater sind es, die ihr Leben vorantreiben und verhindern, dass sie in eine Depression fällt.

Jetzt sitzt Hajj Ali auf dem Sofa in ihrem Wohnzimmer. Während sie erzählt, kommt sie in Fahrt – manchmal erhebt sie die Stimme, als trage sie einen Monolog auf der Bühne vor. Auf dem Regal stehen Hunderte kleine Figuren, Souvenirs, die die Theatermacherin von ihren Touren rund um die Welt mitgebracht hat. Ihre nächste Tour führt Hajj Ali nach Zürich: Anfang Dezember führt sie im Sogar-Theater ihr Stück «Jogging» auf.

Religion, Sex und Politik

Die Idee dazu entstand, wie der Name erahnen lässt, während Joggingrunden in Beirut. Dabei fallen Hajj Ali Ideen und Szenen ein, die sie aufschreibt, sobald sie wieder zu Hause ist. «Irgendwann habe ich mir die Notizen angeschaut – und dachte, das könnte etwas werden.» Das Stück erzählt nicht nur die Geschichte der Autorin, sondern auch die ihres Landes. Es beginnt damit, dass sie durch Beirut joggt – und geht über zur Inszenierung dreier Frauen, die je einen grossen Verlust erlebt haben und die antike Figur Medea zum Vorbild haben. «Das Stück umfasst die wichtigsten drei Tabus im Libanon: Religion, Sex und Politik.»

In ihren Stücken geht Hajj Ali immer wieder auf aktuelle Themen im Libanon ein – das Leben während des Bürgerkriegs, den Wiederaufbau der Stadt durch die private Firma Solidere, die Revolution, die vergangenen Oktober das ganze Land erfasste. Wenn sie von über vierzig Jahren Arbeit als Theatermacherin erzählt, redet sie über ihr Land, ihre Beziehung zu Beirut, die von Hoffnung und der Enttäuschung geprägt ist, dass diese Stadt immer wieder zerstört wurde, und einem fast trotzigen Willen, sie nicht aufzugeben. «Beirut ist mehr als Beirut», sagt sie. «Die Stadt ist ein Symbol für alles, wofür wir in der Region kämpfen. Wenn ich für Beirut kämpfe, kämpfe ich für den Süden, für den Norden des Libanons, für die Palästinenser.»

Es war während des libanesischen Bürgerkriegs, als Hanane Hajj Ali zufällig zum Theater fand: 1978 in Westbeirut, erzählt sie, habe sie zusammen mit anderen BewohnerInnen rund zehn Tage in einem Bunker verbracht, um vor den Bombenangriffen sicher zu sein. «Alle waren psychisch extrem unter Druck.» Bis eine Gruppe anfing, Musik zu machen und Theater zu improvisieren. Hanane Hajj Ali machte mit: «Plötzlich wurde dieser Ort der Angst und der Enttäuschung zu einem Ort des Fests.»

Zu jener Zeit studierte sie noch Biologie. Doch das tat sie ihrem Vater zuliebe, wie sie sagt. Die Schauspielerei hätte er als Karriere für seine Tochter nicht akzeptiert, also schrieb sie sich heimlich für das Theaterstudium ein und absolvierte die beiden Studiengänge parallel. Als ihr Vater dahinterkam, schlug er sie.

Theater als Agora

Mit einer List schaffte Hajj Ali es dann doch, ihren Vater zu überzeugen: Sie lud ihn zu ihrer Aufführung ein – erzählte ihm aber, dass es ein Lyrikabend sei. «Seine Freunde setzten ihn in die erste Reihe. Er hat ein kaputtes Bein, und als er merkte, dass das ein Theater ist, wollte er aufstehen und gehen, doch er konnte nicht. Er musste sitzen bleiben und sich das Stück ansehen.» Im Laufe der Aufführung beobachtete Hajj Ali, wie sich das Gesicht ihres Vaters immer mehr öffnete. Seit dieser Aufführung, sagt sie, sei er ihr grösster Fan.

In der Anekdote zeigt sich etwas, was Hajj Ali auch sonst auszeichnet: Sie macht Theater, wie sie es will – ohne Kompromisse aufgrund von äusserem Druck. Bei «Jogging» zum Beispiel weigerte sie sich, das Skript vorab den Behörden vorzulegen. Das Gesetz, das sie eigentlich dazu verpflichtet, stammt aus dem Bürgerkrieg und wurde nie aufgehoben. Und es führe dazu, dass sich die TheatermacherInnen jeweils selbst schon zensierten, um ihre Stücke bei den Behörden durchzubringen, sagt Hajj Ali. «Wenn ich nicht frei sein kann, will ich kein Theater machen.»

Dennoch führte sie das Stück am Ende über 200 Mal im ganzen Land auf. Das Bühnenbild ist minimalistisch, Hajj Ali arbeitet nur mit Licht und wenigen Accessoires. Mit zwei Koffern reiste sie durch den Libanon, ihr Publikum waren teilweise Menschen, die noch nie zuvor ein Theaterstück gesehen hatten. «Für mich ist das Theater immer die Agora», sagt sie mit Bezug auf die Idee des zentralen Markt- und Festplatzes im antiken Griechenland. «Ein Ort, der die Leute zusammenbringt, damit sie über die Gesellschaft und die Politik reden.»

Mit der Wirtschafts- und der Coronakrise und nach der verheerenden Explosion am Hafen von Beirut Anfang August ist die Situation für die Theaterschaffenden der Stadt heute schwieriger als selbst während des Bürgerkriegs. Die meisten versuchen, den Libanon zu verlassen – Hajj Ali aber will bleiben. «Ich wusste das schon vorher, aber nun ist es mir noch klarer geworden: Die Kunst ist eine Notwendigkeit, und was wir tun, tun wir für die Gesellschaft.»

Tickets gibt es noch für die Zusatzvorstellung: 6. Dezember 2020, 11 Uhr, Sogar-Theater in Zürich.

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