Nr. 48/2020 vom 26.11.2020

Verliebte Gespenster

Von Dominic Schmid

Die Kinder sind sehr freundlich, aber auch etwas seltsam. Das herrschaftliche Anwesen wirkt trotz verbotenen Räumen gar nicht so unheimlich; nie sollte man aber nachts sein Zimmer verlassen. Die Spiegel deckt man lieber ab, weil dahinter verstorbene ExpartnerInnen warten könnten. Weitere Gespenster – manche noch jung, andere so alt, dass sie schon vergessen haben, weshalb sie Gespenster sind – machen einem das Leben schon etwas schwerer. Am Ende weint man nicht, weil das Grauen vorbei ist, sondern weil man am Glück von lieb gewonnenen Figuren teilhaben konnte. Ein Glück aber, das wie alles vergänglich ist.

Es ist nicht so, dass solche Gespenstergeschichten einen schlechten Ruf hätten, aber vielleicht hat es das Horrorkino ein wenig damit übertrieben, diese für blutrünstige, mit Schockmomenten gespickte Rachegeschichten zu missbrauchen. Viele Leute misstrauen deshalb einer Serie, die mit «The Haunting of …» beginnt und auch noch von den gleichen MacherInnen wie «The Haunting of Hill House» stammt. Dabei versprechen Gespenster, ob man an sie glaubt oder nicht, durch ihren Status als BewohnerInnen der Zwischensphäre zwischen Leben und Tod unendlich mehr Möglichkeiten, als die Leute gediegen viktorianisch zu erschrecken. Etwa lässt sich vom traurigen Grunddilemma jeder Beziehung erzählen, dass die geliebte Person früher oder später sterben wird.

Man merkt der Serie «The Haunting of Bly Manor» an, dass die feministische Essayistin Laurie Penny am Drehbuch mitgewirkt hat. Statt von altem Unrecht wird von neuem Begehren erzählt, das hier weder besonders traditionell funktioniert noch durch den Tod begrenzt wird. Der nette Koch, die unscheinbare Haushälterin, die lesbische Gärtnerin, die zwei allerliebsten Kinder und das Kindermädchen werden hier weder den Launen eines Autors noch jenen der Gespenster ausgesetzt, sondern dürfen zuerst einmal eine Ersatzfamilie bilden, die dem verwunschenen Anwesen neues Leben einhaucht. Am Ende wird man sich in alle verliebt haben und ihnen alles Glück der dies- und jenseitigen Welt wünschen.

The Haunting of Bly Manor. Showrunner: Mike Flanagan. Auf Netflix.

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