Nr. 49/2020 vom 03.12.2020

Ohne Debatte keine Gerechtigkeit

Zwei Bücher stellen Einzelfälle von Gewalt an Frauen in einen gesellschaftspolitischen Kontext. Die Lektüre ist verstörend, aber wichtig.

Von Martina Süess

Frauen leben gefährlich, vor allem im Krieg und zu Hause. Obwohl es mittlerweile Gesetze gibt, die Kriegsvergewaltigungen und häusliche Gewalt sanktionieren, kommt es selten zu einer Verurteilung. Und wenn, dann sind die Strafen meist lächerlich mild. Warum versagt das Recht, wenn es um Gewalt gegen Frauen geht? Und wie können wir das ändern?

Zwei Bücher sind nun erschienen, die sich dieser Frage annehmen. In «Unsere Körper sind euer Schlachtfeld» erzählt die britische Kriegsberichterstatterin Christina Lamb Geschichten von Frauen, die Massenvergewaltigungen im Krieg überlebt haben. In «AktenEinsicht» gibt die deutsche Rechtsanwältin Christina Clemm Einblicke in Gerichtsfälle von häuslicher Gewalt. Beide versammeln Fallgeschichten, die erschüttern, weil sie zeigen, was diese Gewalt für die Betroffenen bedeutet. Was die zwei Publikationen so wertvoll macht, ist, dass sie diese Einzelfälle in einen grösseren Zusammenhang stellen und fragen: Wo müssen wir ansetzen, damit Gewalt gegen Frauen tatsächlich bestraft werden kann?

Vergewaltigung als Kriegswaffe

Christina Lamb geht es darum, die Beteiligung von Frauen am Kriegsgeschehen überhaupt sichtbar zu machen. «Je länger ich diesen Job mache, desto mehr wächst meine innere Unruhe, nicht nur wegen der Gräuel, die ich mit ansehen muss, sondern vor allem wegen des Gefühls, dass wir nur die halbe Wahrheit zu hören bekommen.» Die gegenwärtige Berichterstattung und Geschichtsschreibung lasse den Krieg als reine Männersache erscheinen und verstelle so den Blick auf den Einsatz von Vergewaltigung als gezielte Kriegsstrategie. Dabei sei die Wirkung von Vergewaltigungen ebenso verheerend wie Massenvernichtungswaffen: Sie terrorisieren Gemeinschaften und zielen gelegentlich sogar auf die Auslöschung von «feindlichen Ethnien oder Ungläubigen».

Tatsächlich gilt Vergewaltigung im Krieg schon lange als Straftat, wie Lamb an einem historischen Überblick zeigt. Im Amerikanischen Bürgerkrieg war Vergewaltigung «bei Todesstrafe verboten», nach dem Ersten Weltkrieg rangierte sie ganz oben auf einer Liste der Kriegsverbrechen, die von der «Verantwortungskommission» erstellt wurde. Doch selbst nach dem Zweiten Weltkrieg, als alle Parteien der Vergewaltigung beschuldigt wurden, kam es bei den Prozessen in Nürnberg und Tokio zu keiner einzigen entsprechenden Anklage. Seither sind neue Gesetze entstanden, seit 1998 ist Vergewaltigung im Kodex des Internationalen Strafgerichtshofs als Kriegsverbrechen verankert. 2008 hat der Uno-Sicherheitsrat eine Resolution über den Einsatz von sexueller Gewalt verabschiedet, 2009 eine Sonderbeauftragte für sexuelle Gewalt in Konflikten ernannt. Doch bis heute habe der Gerichtshof «keinen einzigen Schuldspruch wegen Kriegsvergewaltigung erlassen». Gesetze und juristische Praxis klaffen hier auf erschreckende Weise auseinander.

Damit die Gesetze zur Anwendung kämen, brauche es den Druck der Öffentlichkeit, schreibt Lamb. Deshalb will sie jenen Frauen eine Stimme geben, die bisher ungehört blieben. In fünfzehn Reportagen erzählt sie die unfassbar brutalen Geschichten aus Kriegs- und Krisengebieten in Europa, Afrika, Südamerika und Asien. Sie will uns die Protagonistinnen möglichst nah bringen, sie nicht auf die Opferrolle reduzieren, sondern als mutige Persönlichkeiten porträtieren. Das gelingt ihr auch. Allerdings stellt sich die Frage: Ist es nötig, über 400 Seiten vom Horror zu berichten, um das Problem deutlich zu machen? Wäre eine kompakte, systematische Darstellung nicht zielführender? Möglich. Doch Lamb sieht ihr Buch als Fortsetzung von #MeToo. Und da war es die Flut von partikularen Einzelgeschichten, die dazu geführt hat, dass das Ausmass der sexuellen Gewalt – bis anhin eine abstrakte Zahl – endlich öffentlich diskutiert wurde. «Unsere Körper sind euer Schlachtfeld» ist deshalb ein Buch, das man vielleicht nicht lesen möchte, das es aber geben muss.

Klischees und Mythen

Auch «AktenEinsicht» ist keine leichte Lektüre. Christina Clemm wählt ebenfalls die Form der Fallgeschichte. Ihre Fälle sind tatsächlichen Ereignissen nachempfunden, haben aber in dieser Form nicht stattgefunden. Es geht ihr nicht darum, den tatsächlich Betroffenen eine Stimme zu geben, sondern zu zeigen, welche Mechanismen bei der juristischen Beurteilung von häuslicher Gewalt am Werk sind und warum sie oft zum Nachteil der Frauen wirken. Am Fall «Claudia S.» zeigt Clemm, wie es möglich ist, dass ein Mann, der seine Partnerin eines Tages plötzlich schlägt, tritt, mehrmals vergewaltigt, fesselt und so lange würgt, bis sie ohnmächtig ist, zu einer lächerlichen Bewährungsstrafe «wegen eines minder schweren Falls der sexuellen Nötigung» verurteilt wird, obwohl die Tat nachweislich geplant war.

Begründet wird das milde Urteil unter anderem damit, dass er sich neben ihr minderwertig gefühlt habe, weil sie sich am betreffenden Abend sehr lange mit einem Kollegen unterhalten habe. Seine Eifersucht sei zwar übertrieben, aber nachvollziehbar. Ausserdem sei «zu berücksichtigen, dass die Beteiligten eine Beziehung miteinander geführt hätten und deshalb der Unwert der Tat anders, nämlich als weniger gravierend zu bewerten sei als eine Vergewaltigung durch einen Fremdtäter». Aus allen Punkten wird ersichtlich: Das Gericht beurteilt den Fall ausschliesslich aus der Perspektive des Täters und übernimmt die zum Teil haarsträubenden Argumente der Verteidigung.

Erhellend ist «AktenEinsicht» vor allem deshalb, weil Clemm die aufwühlenden Geschichten durch einordnende Erklärungen unterbricht. Diese nüchterne Stimme tut gut. Auch weil sie zeigt, wo die Ansatzpunkte für Veränderungen sind. Recht, so lernt man, ist nicht nur eine Frage der Gesetze, sondern wird in komplizierten Verfahren ermittelt. Gerade wenn Aussage gegen Aussage steht, spielen Vorurteile, Konventionen und falsche Grundannahmen eine wesentliche Rolle bei der Beurteilung des Geschehens. Bei häuslicher Gewalt haben die StrafverteidigerInnen oft leichtes Spiel, wenn sie Klischees und Mythen bedienen, die Frauen diskreditieren und die Gewalt der Männer rechtfertigen. Auch Clemm macht deutlich: Ohne politischen Druck, ohne eine breite Debatte, die sich schliesslich auch im Gerichtssaal bemerkbar machen wird, bleiben die Gesetze zahnlose Tiger.

Lesenswert sind beide Bücher schliesslich auch deshalb, weil sie deutlich machen, dass etwas in Bewegung ist: Immer mehr Menschen hinterfragen die patriarchalen Strukturen und fordern, dass 1das Recht auf körperliche Unversehrtheit auch für Frauen gelten muss. Nicht nur im Gesetzestext, sondern auch in der Realität.

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