Nr. 14/2021 vom 08.04.2021

Wir haben versagt

Michelle Steinbeck über einen Femizid in der Nachbarschaft

Von Michelle Steinbeck

Als ich heute vom Einkaufen kam, war der Kübel weg. Er hatte einige Wochen dort gestanden. Unscheinbar, fast versteckt neben einem Hauseingang in der beschaulichen Nachbarschaft. Wer nichts davon wusste, übersah ihn bestimmt. Der Kübel war gelb und aus Plastik, und es welkten Blumen darin. Weisse Rosen, Lilien. Jedes Mal, wenn ich sie passierte, fragte ich mich, wer sie dahin getan hatte und warum in diesem groben Eimer, der aussah, als habe er seit Jahren unbenutzt in der Waschküche gestanden. Ich fürchtete den unvermeidlichen Moment, in dem die Blumen weg sein würden. Ich überlegte, selber welche zu bringen. Es kam mir natürlich, aber viel mehr noch unpassend vor. Auf eine Art genierte ich mich schon beim Gedanken. Ich hatte sie ja nicht gekannt. Was interessierte mich diese spärliche Gedenkstätte, der in ihrer Beschaffenheit etwas Peinliches anhaftete?

Ich hatte die Frau nie bewusst gesehen, obwohl sie meine Nachbarin war. Ich erfuhr von ihr durch einen Bekannten; im Gruselgeschichtenton wurde von ihrem Tod erzählt. Danach las ich die Geschichte in den Medien weiter. Dort, wo überhaupt über sie berichtet wird, steht vor allem viel über den mutmasslichen Täter. Dessen Leben und Werk werden ausschweifend, fast bewundernd beschrieben. Ein Strauss an vermeintlich plausiblen Erklärungsversuchen für die Tat wird aufgefächert. Von Liebe steht da auch etwas und von einem glücklich wirkenden Paar. Und die Verstorbene? Sie wird wie nebenbei in eine einschlägige Ecke gestellt. Ihre Mitschuld wirkt damit besiegelt. Schliesslich der Hinweis auf ein Crowdfunding, das für den mutmasslichen Täter «in Not» eingerichtet wurde.

Sensationsgeile Medien machen alles falsch im Umgang mit Femiziden. Ich bin unsicher, ob nicht auch dieser Text problematisch ist. Aber die Art und Weise, wie dieser Frau in ihrer Nachbarschaft (nicht) gedacht wird, beschäftigt mich. Und jetzt, wo die Stelle mit dem Kübel leer ist, geht es mir endlich auf: Es sind nicht nur die Medien. Auch die Zivilgesellschaft versagt. Eine Frau, unsere Nachbarin, wird von ihrem Partner getötet. Wieso lässt uns das kalt? Warum erscheint es uns nicht als das Mindeste, irgendeine Form von Betroffenheit und Solidarität zu zeigen? Stattdessen senken wir die Stimme und tratschen über die schauerliche Sensation. Wir wenden uns ab: Was habe ich damit zu tun? Sie war keine von uns. Kein Aufschrei. Keine Wut und Trauer über eine ungeheuerliche Statistik, die nun bei uns, in nächster Umgebung, eingebrochen ist. In diesem Jahr wurden in der Schweiz bisher bereits elf Femizide verzeichnet. Jede Woche versucht ein Angehöriger, eine Frau zu töten.

Das sind keine Einzelfälle, sondern die endgültigste Form von struktureller Gewalt gegen alle, die als Frauen wahrgenommen werden oder die binäre Geschlechterordnung stören. Sie findet in der ganzen Gesellschaft statt, nicht nur in sogenannt fremden Kulturen. Indem wir besonders häusliche Gewalt als Privatsache abtun, sie verharmlosen, auslagern und stigmatisieren, machen wir uns mitschuldig.

Die Rechtsanwältin und Autorin Christina Clemm schreibt: «Geschlechtsspezifische Gewalt gegen Frauen ist ein immanenter Bestandteil unserer immer noch patriarchalen Gesellschaft, um Macht über Frauen auszuüben. Dies zu verstehen ist wichtig und bedeutet auch, dass es nicht ausreicht, nur selbst keine Gewalt auszuüben.»

Michelle Steinbeck ist Autorin. Sie empfiehlt das Buch «AktenEinsicht» von Christina Clemm und die Website stopfemizid.ch.

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