Nr. 49/2020 vom 03.12.2020

Eine neue Welt der Traurigkeit

Von Franziska MeisterMail an AutorIn

Der Kampf um akademische Anerkennung aufseiten der Fachhochschulen treibt mitunter wunderliche Blüten. Zum Beispiel die Fachrichtung «Trends & Identity» an der Zürcher Hochschule der Künste. Wer das studiert, untersucht «Lebensstile und Dingkulturen» – aktuell etwa im Modul «Pandemic Lifestyles». Und weil Kunst ja zwingend auch Praxis bedeutet, «entwerfen» die StudentInnen auf Bachelorstufe «Inszenierungen und Ereignisse», auf der Masterstufe «transformieren» sie ihre Erkenntnisse «in zukunftsweisende Designkonzepte und -produkte». Um diese zu testen, existiert ein «Safe Space» in der Gestalt eines hausinternen «Trendkiosks». Da wird ganz schön und gern auch anglizistisch geschwurbelt – auf der Website wie in der Forschung. Zum Beispiel im Projekt «Heavy Mental: Exploring a New World of Sadness», das sich dem «Sick Style» widmet. Viel postironischer Sprech – und dahinter?

Dahinter wirds interessant. Jugendliche, so die Erkenntnis, inszenieren ihr psychisches Leid im digitalen Raum geradezu. Doch in der analogen Erwachsenenwelt werden sie mit ihren seelischen Nöten erst wahr- und ernst genommen, wenn sie sich selber verletzen oder eine Essstörung entwickeln. Entstanden ist auf dieser Basis eine «Mental-Health-App»: Aus einer Liste an Gefühlen, deren genauere Bedeutung man sich erklären lassen kann, dürfen vier ausgewählt, nach ihrer Intensität gewichtet und in den «Mood-Mixer» gefüllt werden. Der generiert ein in Form und Farbgestaltung individuelles «Mood-Image»: ein abstraktes dreidimensionales Gebilde, das man zu passendem Sound auch vor einem realen Hintergrund schweben lassen kann. Und natürlich auf Social Media teilen.

Mithilfe der App lässt sich also die aktuelle psychische Verfasstheit quasi diagnostizieren und visuell ausdrücken. Das macht sie zwar nicht zum digitalen Heiltool – aber die schwebenden Dinger sind schlicht wunderschön. Oder wie Spock im Jahr 2200 sagen würde: faszinierend!

Wichtig zu wissen: Wer «Hilfe» drückt, wird direkt mit der Notfallnummer 147 von Pro Juventute verbunden.

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