Nr. 49/2020 vom 03.12.2020

Sichten, sortieren, schaufeln

Von Roman Schürmann

«Träume entstehn durch die wurmförmige Bewegung der Eindrücke in den Eingeweiden des Gehirns», notierte Novalis 1798. Viel präziser kann das der deutsche Traum- und Schlafforscher Michael Schredl heute auch nicht formulieren: «All die Informationen, die das Gehirn tagsüber aufgenommen und im Arbeitsgedächtnis zwischengespeichert hat, sichtet und sortiert es während des Schlafs nochmals und schaufelt sie dann ins Langzeitgedächtnis.»

Schredls Zitat stammt aus dem eben erschienenen Band «Brainstorming. 300 Fragen ans Gehirn», in dem die Schweizer Journalistin Barbara Schmutz siebzehn namhafte NeurowissenschaftlerInnen interviewt. Es geht also um Hirnforschung. «Wer blickt durch?», steht in grafisch verfremdeter Schrift auf dem Umschlag. Nun, niemand. Aber das macht nichts.

Die Gespräche sind – etwas unerwartet – angenehm zu lesen. Auffällig ist, wie reflektiert, ja fast schon demütig die ExpertInnen über die drei Pfund in unserem Schädel reden. Sie scheuen sich nicht, ernsthaft über Konzepte wie die Seele oder das Unbewusste zu diskutieren – offensichtlich ist ihnen bewusst, dass das Gehirn weit vielfältiger ist, als etwa die Promotoren des Human Brain Project vermuten. Diese wollen das Hirn digital rekonstruieren, aber das haben sie, wie Lutz Jäncke sagt, «bisher nicht mal ansatzweise geschafft». Das liegt auch daran, dass «das Gehirn mehrere Aspekte» hat, «einen anatomischen, einen physischen und auch einen konzeptionellen», so Isabelle Mansuy. Trotzdem glaubt Pascal Kaufmann, dass wir Maschinen dereinst Bewusstsein geben können: «Es ist wie beim Vogel – wir wissen nicht im Detail, wie sein Federkleid beschaffen ist und wie man es kopieren könnte – und doch bauen wir Flugzeuge.»

Viele weitere Themen werden besprochen, etwa der freie Wille, Drogen, das Verhältnis von Körper und Geist, psychische Krankheiten und Psychopharmaka, das Gedächtnis, Demenz. Wer keine abschliessenden Antworten erwartet, sondern einen Einblick in ein geheimnisvolles Feld gewinnen will, wird «Brainstorming» mit Freude lesen.

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