Nr. 50/2020 vom 10.12.2020

Stille Nacht

Michelle Steinbeck nutzt die Zeit

Von Michelle Steinbeck

Während nachbarliche Fenster mit Lichterketten, Kreppeiszapfen, Tannenzweigen und Armeen von Engeln verbarrikadiert werden, geht mir zunehmend der Laden runter. Weniger wegen Strohsternen oder des daran hängenden Gedankens an potenziell tödliche Familienfeste. Mehr wegen Ständemehr, Partys im Nationalrat, Ohnmacht und menschlicher Kälte.

Seit vor einer gefühlten Ewigkeit im März das öffentliche Leben runtergefahren wurde, reagierte ich, wie es von der Generation Selbstoptimierung erwartet wird: Volume up. Jetzt erst recht. Weniger Ablenkung – mehr Zeit für Arbeit! Den produktiven Stresspegel hochhalten. Schaffen, schaffen, geht mir gut. Mit der richtigen, straffen Planung entsteht auch kein Loch, in das du reinfallen kannst: In den perfekt getimten Pausen wird spaziert, geturnt, gelernt, sozialer Kontakt zu den Topfpflanzen gepflegt. Und zur Entspannung eine schöne Portion Marx. Vitamin D, Immunsystem. Jetzt soll mich auch nicht aufhalten, dass im Vergleich zum Frühling weder Aufträge noch Ausfallentschädigungen reinkommen; es gibt ja gar keine Ausfälle mehr, Kalender seit Sommer wohlweislich leer. In schwachen Momenten steige ich gegen Leidensgenossinnen in den Ring: Schreibe Dossiers für Wettbewerbe, die sich mit Kulturrettung brüsten. Nein, ich will nicht mehr betteln, mich um Almosen prügeln. Ich kann mich hervorragend selber beschäftigen und vor allem disziplinieren: die To-do-Liste meine Bibel. Wenn der Covid-Siech erst mal vorbei ist, werde ich zehn Bücher auf Lager haben, drei Master in den Taschen und einen kräftigen Bizeps – mindestens.

Against all odds obenauf bleiben, sich besinnungslos beschäftigen, anders ist diese Aussicht ja kaum zu ertragen. Im Morgengrauen Smartphone vors Gesicht: noch eine Wagenladung einsame Tote, Selbstverantwortung, juheirassa. Angst, Isolation, Entfremdung. Gereiztheit, Abstumpfung, Resignation. Ja nichts anmerken lassen, nachlassen, abgehängt werden. Ich reisse mich zusammen, strebe Höchstleistungen an.

Nun höre ich damit auf. Ich schenke mir selber im Dezember: ein Minimum an Produktivität. Einen Adventskalender voller Nichts. Löcher, die sich auftun. Wut und Leere. Wie ist es so weit gekommen, dass ich meinen Selbstwert aus Selbstausbeutung hole, dass ich nachts nicht schlafen kann, weil ich wieder nicht die unmöglichen Ziele, die ich mir für den Tag, die Woche, den Monat gesteckt habe, erreicht habe?

Gehört das nicht zur Kunst? Vielleicht, teilweise. Ein anderer Teil aber hat vermutlich denselben Ursprung wie die unsägliche Lage, in der sich die Schweiz derzeit befindet. Unentwegt wird an die Bevölkerung appelliert. Wir werden angehalten, uns zu beschränken, mit uns streng zu sein, zu verzichten, alles dafür zu tun, dass das Wichtigste bewahrt werden kann: die Arbeit. Das Hamsterrad darf nicht stillstehen, das Strampeln für den Profit muss weitergehen. Dabei hampeln wir immer mehr für immer weniger, bis uns schwindlig wird und wir nicht mehr merken, dass wir gar nicht profitieren. Der pralle Tresor ist gründlich verschlossen und der Schatzmeister fest entschlossen, sein Land zur tödlichsten Virenschleuder verkommen zu lassen, koste es die andern, was es wolle.

Es ist höchste Zeit, meine Arbeitsmoral infrage zu stellen. Kreativ und flexibel sein genügt heute weniger denn je.

Michelle Steinbeck ist Autorin.

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