Nr. 42/2021 vom 21.10.2021

Rückeroberung der Zeit

Michelle Steinbeck sinniert über Auswege aus der «Hustle Culture»

Von Michelle Steinbeck

Im britischen «Guardian» erschien kürzlich ein Artikel über «time millionaires». Die dazugehörige Illustration zeigte eine flanierende Person, die genüsslich an einem Eis leckt, während um sie herum gestresste Anzugträger:innen zu ihren Terminen hetzen. Die Überlegenheit der Zeitmillionärin?

Geprägt wurde der Begriff bereits im Jahr 2016 durch die indische Schriftstellerin Nilanjana Roy: Damit benennt sie den Reichtum jener privilegierten Menschen, die nicht nur Gefallen an ihrer Arbeit finden, sondern zusätzlich Kontrolle über ihre Stunden und Tage erlangen. Das klingt erst mal banal, ist aber in unserer Gesellschaft, auch «Hustle Culture» genannt, in der exzessive Überarbeitung fetischisiert und Selbstwert aus Selbstausbeutung generiert wird, nicht so einfach, wie es scheint.

«Raubbau an der menschlichen Aufmerksamkeit» – so beschreibt es die US-amerikanische Künstlerin und Autorin Jenny Odell in ihrem Manifest «Nichtstun», das heuer in deutscher Übersetzung erschienen ist. Nicht nur, dass tendenziell immer länger für immer tiefere Löhne gearbeitet wird. Den Feierabend verbringen wir mit Selbstoptimierung, die Ferien dienen zum «Aufladen der Batterien» – um kraftvoller denn je an den Arbeitsplatz zurückmarschieren zu können. Einen Grossteil unserer Freizeit tragen wir als «working customers» ins Internet und dessen proprietäre Märkte, wo unsere investierten Minuten und Stunden wiederum monetarisiert werden.

Die Rückeroberung der eigenen Zeit – davon handelt das Phänomen der «time millionaires». Dabei ist der Name irreführend: Er impliziert eine ökonomische Beschaffenheit, die so nicht vorliegt. Schliesslich kann Zeit nicht angelegt werden, damit sie wächst. Im Gegenteil: Sie schmilzt uns allen weg, wie das Eis in der Hand. Gerade deshalb ist sie ein besonders wertvolles Gut.

Dass für ein unbeschwertes Geniessen von Zeit aber durchaus ein Mindestvorrat an Gold vonnöten ist, hat nun vielleicht auch die Fernsehmoderatorin Barbara Schöneberger gelernt, die noch vor wenigen Wochen «ehrlich gesagt» nicht verstehen konnte, dass nicht alle seien wie sie – und sich im Jahr drei Monate Ferien leisten.

Es erstaunt deshalb nicht, dass selbsternannte Zeitmillionär:innen bisher vor allem in der Klasse der hoch qualifizierten Kinderlosen zu finden sind. Im «Guardian» kommt etwa Gavin zu Wort: ein Softwareingenieur, der einfach versucht, während seiner Arbeitszeit so wenig wie möglich zu arbeiten. Warum eigentlich nicht? Selbst sein Chef sei zufrieden mit seiner Leistung – oder vielmehr: der Leistung, von der jener denke, dass Gavin sie erbringe. Das pandemische Homeoffice habe Gavins umgekehrte Arbeitsmoral gar noch weiter befeuert – er erzählt geradezu euphorisch von all der Zeit, die er dadurch gewonnen habe.

Die Pandemie hat schliesslich für die meisten neue Dimensionen von Zeitempfinden eröffnet – in alle Richtungen. Aber ist es damit auch Zeit für einen Paradigmenwechsel? Die Zahlen sagen etwas anderes: Offenbar haben die wenigsten auf die verführerische Freiheit des Homeoffice so reagiert wie Gavin. Kein Spazieren und Sauerteigen konnte uns vom fleissigen Lohnarbeiten abhalten: Tatsächlich sind Produktivität und Profit während der Pandemie noch gestiegen.

Michelle Steinbeck ist Autorin, Workaholic und genüssliche Zeitverschwenderin.

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