Nr. 50/2020 vom 10.12.2020

Sich verwirklichen oder sich abhandenkommen

Die AutorInnen Erling Kagge und Rebecca Solnit setzen sich auf höchst unterschiedliche Weise mit Kunst und Philosophie und deren Bedeutung in ihrem eigenen Leben auseinander.

Von Lennart Laberenz

Erling Kagge ist Norweger und durch die Weiten der Antarktis gelaufen und auch zum Nordpol, unterirdisch durch New York, auf den Mount Everest, und noch einige andere mehr oder weniger ausgetretene Wege. Wer eine Reise tut, heisst es bekanntlich, kann etwas erzählen. Das hat Kagge schon in zwei Büchern getan. Sein drittes, die «Philosophie für Abenteurer», speist sich wieder aus Erlebnissen, die er diesmal in Kapiteln fasst, die er mit «Die gute Einsamkeit» oder «Die Kunst, kleine Häppchen zu essen» überschreibt. Es geht dabei um die Abkehr vom Überbordenden, eine Haltung, die trotz alltäglichem Beschuss mit Informationen das häufig beschworene Einfache nicht aus dem Blick verliert. Eigentlich sympathisch: Kagge singt das hohe Lied des Verzichts, Strophe zwei schickt uns hinaus in die Natur, die dritte erinnert an aufmerksamen Konsum.

Gleichzeitig deutet Kagge allerlei Episoden an, auch seine erfolgreiche Verlegerkarriere, die ihm wegen Dyslexie niemand vorhersagte, Familienglück mit drei Töchtern. Daraus destilliert er Themen: die Macht der Routine, Segnungen der Vorbereitung, Beobachtungen zur Einsamkeit. Im heraufziehenden Coronawinter ist das eine seltsame Kontrasterzählung, die wenig beachtet, dass Lebensentwürfe immer prekärer werden und sich bedrückende Szenarien für Menschen, die von Lohnarbeit abhängig sind, immer deutlicher abzeichnen. Das Prinzip des Abenteurers ist dagegen der dramatische Gestus der Subjektivität, desjenigen, der sich ausserhalb der Allgemeinheit seine Wege durch tiefen Schnee bahnt, steile Hänge hinab, durch unwegsames Gelände, um nachher vom Unalltäglichen zu berichten.

Ziemlich nah am Ratgeber

Man sitzt also da und hört einem Mann aus einer Zeit zu, die vielleicht vorbei ist: jemandem, der Abenteuer als «Leben im Moment» preist, weil damit die gehegte Gesellschaft, eine Welt ohne existenzielle Kämpfe, mit etwas Risiko kurz durchgeschüttelt wird. Kagge preist die Kraft der Natureindrücke, erzählt allerdings wenig von ihnen, sondern springt zu Erkenntnissen. Dazwischen Naturfotografie, ein paar Sätze Kant, kurz darauf ist Hegel der «unzulänglichste Philosoph». Warum, wofür? Keine Antwort. Kagges Abenteuerverdauung öffnet einen wahrnehmungstheoretischen Blick, der einen idealistischen Geschmack hat: «Die Art und Weise, wie wir unsere Umgebung erfahren, kann sich mit der Zeit verstärken, obwohl sie sich physisch nicht nennenswert verändert. Die Dinge ändern sich im Kopf.»

In der Konsequenz lesen wir keine Kritik zum ästhetischen Kapitalismus, keine Analyse einer Zeit, in der jeder Toastbrotverkäufer ein Kapitel «Philosophie» auf seiner Internetseite braucht, sondern Bemerkungen zur Selbstverwirklichung, die nah am Ton von Ratgeberliteratur siedeln.

Dass es auch anders geht, zeigt die US-Autorin Rebecca Solnit. Ihre Essaysammlung «Die Kunst, sich zu verlieren» ist bereits vor fünfzehn Jahren erschienen und jetzt übersetzt worden. Fernab von Paternalismus und ausgestellten Merksätzen ist Verlieren bei ihr nicht nur thematische Leitschnur, sondern auch in der Form angelegt: So klar ist gar nicht, was sie hier eigentlich verhandelt – als LeserInnen müssen wir erst einmal Erwartungen an zielgerichtetes Argumentieren loswerden.

Im «Wegweiser», wie die Sammlung untertitelt ist, nimmt Solnit einiges vom umherschweifenden Stil ihres im letzten Jahr übersetzten «Wanderlust»-Bandes wieder auf. Sie beginnt mal bei Familienfotografien, einem Spaziergang, einem Traum, in dem eine Schildkröte auftaucht – um dann in der Kulturgeschichte, bei Erinnerungen und mutwillig herbeigeführten Verlusten zu enden. Solnit huscht durch entzückend lebendige Nature-Writing-Passagen – Eindrücke, die sie oft nur knapp hinter letzten Vororthäusern erlebt. Sie betrauert Artensterben als Verlust und Zeichen einer durch Raffgier, Zerstörung und Besiedelung enger, einseitiger werdenden Welt, lässt aber Raum für Dialektik: «Allerdings ist es nicht ganz so einfach wie eine Moralgeschichte, denn das, was entstanden ist, ist zum Teil schön und in sich vielschichtig und komplex. Auf dem Hügel, wo jener Schmetterling zu existieren aufhörte, steht heute eine katholische Universität, und ich habe dort grosse Dichter lesen und Umweltschützer reden hören.»

Von einem Exfreund, durch den sie die Wüste kennenlernte, wechselt die Erzählung zu starrsinnigen Siedlertrecks, die das Death Valley durchquerten und manchmal halb tot noch über Eigentum und Wert feilschten. Oder sie verhandelt das Spektrum der Farbe Blau als Kolorierung der Ferne in der Malerei. Dass wir später damit bei Yves Klein, seiner monochromen Malerei, oder wunderbar monomanen Werken wieder herauskommen, ist dagegen fast zwangsläufig.

Kein Pathos, keine Bitterkeit

Der Reigen des Verlierens hat verschiedene Gestalten. Oder, wie Solnit recht früh feststellt, «Dinge zu verlieren hat damit zu tun, dass Bekanntes wegfällt; sich zu verlieren hat damit zu tun, dass Unbekanntes auftaucht.» Bisweilen kann der Verlust auch einen selbst umfassen: Solnits Grossmutter verlor, was man geläufig den Verstand nennt – die Enkelin deutet es als Verlorengehen in einer anderen, geistigen Landschaft. Immer wieder geht sie von persönlichen Momenten aus, mit Kagge-unverdächtigem Ton: Die Migrationsgeschichte ihrer Familie, die unvermittelt auftauchende Grossmutter, der Umstand, dass die ihren Lebensabend in einer Nervenheilanstalt verbringen musste, bleiben angenehm merksatzfrei. Wir erfahren, dass Solnit ums Eck von Yves Kleins Wohnhaus ein schwieriges Au-pair-Jahr verlebte. Der Satz selbst steht verloren da.

Die Autorin verlor eine Freundin an Drogen, ein schmerzhafter Prozess. Durch die Trauer schaut sie anders auf die Welt, dabei ertrinken ihre Gefühle weder im Pathos, noch gerinnen sie zu Bitterkeit. Eine Schlüsselfigur für Solnits Thema tritt auf, wo die Kolonisierung eines Kontinents mit einem Sich-Abhandenkommen einhergeht: Álvar Núñez Cabeza de Vaca verirrte sich 1527 mit einer kleinen Gruppe, irrte rund ein Jahrzehnt zwischen Florida und dem heutigen Mexiko herum und erstattete später dem spanischen König Bericht davon. «Er war nackt umhergezogen, hatte sich wie eine Schlange gehäutet, hatte seine Habgier und seine Angst verloren, hatte fast alles, was einem Menschen ausser seinem Leben genommen werden konnte, eingebüsst, aber er hatte mehrere Sprachen erworben, war zum Heiler geworden und hatte die Indianervölker, unter denen er lebte, zu bewundern gelernt und sich mit ihnen identifiziert – er war nicht mehr der, der er einmal gewesen war.»

Man braucht einen gewissen Langmut für Solnits Assoziationen, die Bereitschaft, sich ihren Gedanken und Beobachtungen hinzugeben. Aber man wird reich belohnt. Solnits Ton, ihr Blick in die Geschichte, ihre unprätentiösen Assoziationen wecken Neugier. Lesen bleibt im Coronawinter eine der wenigen Tätigkeiten, bei der wir virusfrei bleiben und die einem Gespräch ähnelt. Und auf den Mount Everest müssen wir dafür auch nicht.

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