Nr. 51/2020 vom 17.12.2020

Welche Geschichte braucht die Zukunft?

Die postkoloniale Forschung stellt das durch den Zweiten Weltkrieg geprägte Geschichtsbewusstsein vor einige grundlegende Fragen. Das betrifft auch den Unterricht.

Von Andreas Fannin

Ein Denkmal für den Profiteur des SklavInnenhandels: Alfred Escher blickt seit 1889 die Bahnhofstrasse in Zürich hinab. Postkarte: Keystone

Die Diskussion über koloniale Denkstrukturen rüttelt am historischen Selbstverständnis nahezu aller westlichen Länder. Davon zeugen eine steigende Anzahl Publikationen ebenso wie Diskussionen in sozialen Medien und Proteste auf offener Strasse. Auch die Schweiz hat unter diesem Druck begonnen, sich mit ihrem kolonialen Erbe auseinanderzusetzen. Ende September veröffentlichte etwa die Stadt Zürich einen Bericht über die Verstrickungen der Escher-Familie in den SklavInnenhandel. Spiegelt sich dieser Wandel bereits in den Lehrmitteln?

Grundsätzlich lässt sich das historische Selbstverständnis einer Nation anhand von Geschichtslehrmitteln hervorragend rekonstruieren. Ein Blick zurück zeigt im Fall der Schweiz, dass sich dieses ab den 1970er Jahren inhaltlich fundamental, zeitlich aber nur zögerlich zu verändern begann: weg von einer mit mittelalterlichen Heldengeschichten gespickten Nationalgeschichte hin zu einer internationaleren Geschichte, die auf eine Öffnung des Landes und der Gesellschaft abzielte. Bis dahin hatte der Geschichtsunterricht primär die Aufgabe, den SchülerInnen die «Gewordenheit» der Schweiz vor Augen zu führen. Neu stand die Erklärung der Gegenwart des 20. Jahrhunderts im Vordergrund. Der nationale Selbstbezug entsprach kaum noch der Daseinserfahrung und der Zukunftserwartung.

Bereits zu Beginn der 1950er Jahre hatte ein Unesco-Bericht die Überbetonung der Nationalgeschichte im Schweizer Geschichtsunterricht kritisiert. Dieser Fokus sei zu stark, als dass diese Lehrmittel zur Völkerverständigung beitragen könnten. Zwar war der Kolonialismus schon in den sechziger Jahren Teil des Geschichtsunterrichts in der Schweiz, die Lehrmittel teilweise sogar mit einzelnen kritischen Hinweisen versehen. Allerdings überwog die Erzählung der «Entdeckung» und «Zivilisierung» aussereuropäischer Völker.

Der historische Referenzpunkt

Entscheidend für den massiven Wandel der Lehrmittel ab den 1970er Jahren war der Einfluss der Neuen Linken. Der Kolonialismus wurde nun kritischer dargestellt – doch die Positionen blieben einer eurozentrischen Perspektive verhaftet. Auch der Nationalsozialismus bekam wesentlich mehr Raum, die jeweiligen ökonomischen und personellen Verstrickungen der Schweiz waren indes kein Thema.

1996 gab die schweizerische Bundesversammlung den sogenannten Bergier-Bericht zur Aufarbeitung der Schweizer Geschichte während der NS-Zeit in Auftrag. Dieser brachte eine bedeutend selbstkritischere Perspektive in die Geschichtslehrmittel. Am besten sichtbar wird dies im 2006 erschienenen und an den Bergier-Bericht anknüpfenden Lehrmittel «Hinschauen und Nachfragen – die Schweiz und die Zeit des Nationalsozialismus im Licht aktueller Fragen». National-konservative Kreise rund um die SVP kritisierten das Lehrmittel vehement.

Die Forderung Theodor Adornos, dass das Ziel jeglicher Erziehung sein müsse, dass «Auschwitz nicht noch einmal sei», hatte sich zu einem bis heute gültigen pädagogischen Grundsatz im Geschichtsunterricht entwickelt. Der Holocaust war zum historischen Referenzpunkt im Umgang mit «Rasse» und Diskriminierung geworden. Er dient in Europa und den USA bis heute als eine Art «Negativmythos», in der Pädagogik häufig als Blaupause, wie etwas nicht zu machen ist.

Die historische Singularität der NS-Verbrechen war lange Zeit unangefochten, im Kontext der immer dringlicher werdenden Diskussion über strukturellen Rassismus zeichnen sich nun aber Verschiebungen ab. Vieles weist darauf hin, dass der Kolonialismus in der westlichen Geschichtskultur, aber auch im Geschichtsunterricht dem Holocaust mit ähnlicher Bedeutung zur Seite gestellt werden könnte.

Diverses Geschichtsbewusstsein

Spätestens 2015, als innerhalb kurzer Zeit eine grosse Anzahl Flüchtlinge nach Europa aufbrach, wurde vielen bewusst, dass die gesellschaftliche Zukunft unumgänglich multikulturell ist. Dies zeigt sich auch in den Schweizer Klassenzimmern, wobei je nach Ort und Schulstufe erhebliche Unterschiede bestehen. In gewissen Quartieren Zürichs oder Genfs bilden Kinder mit Migrationshintergrund weit mehr als die Hälfte der Klasse.

In der Pädagogik erhält «interkulturelles Leben» schon länger starke Aufmerksamkeit. Die Diskurse über strukturellen Rassismus, die im Rahmen der «Black Lives Matter»-Bewegung zusätzlich befeuert werden, bringen aber eine neue Dynamik in dieses Thema, das eng mit den Postcolonial Studies verzahnt ist. Diese Studienrichtung entwickelte sich im angelsächsischen Raum schon in den 1980er Jahren. Mit rund zwanzig Jahren Verzögerung erreichte sie dann den deutschsprachigen Raum. Seither werden immer mehr einschlägige Untersuchungen publiziert und Lehrstühle für Globalgeschichte oder postkoloniale Studien gegründet. Zu ihren Zielen gehört, fortbestehende koloniale Strukturen und somit strukturellen Rassismus aufzudecken sowie eurozentrische Perspektiven sichtbar zu machen.

Immigration, Black Lives Matter und die Postcolonial Studies erweisen sich als Grundlage für grundsätzliche Reflexionen über den zukünftigen Geschichtsunterricht. Vor allem für SchülerInnen aus dem Nahen Osten, Afrika, Asien oder Südamerika weist der Holocaust vom Elternhaus her kaum dieselbe Bedeutung auf wie für Kinder mit Eltern aus «westlichem» Elternhaus.

Was verbindet eine junge Frau mit kurdischen Eltern mit Raubgold aus der NS-Zeit? Viel wichtiger für ihr Geschichtsbewusstsein sind die imperialen Grenzziehungen im Nahen Osten im Rahmen des Sykes-Picot-Abkommens von 1916, als den KurdInnen ein eigener Staat verwehrt wurde. Die Abweisung jüdischer Flüchtlinge an der Schweizer Grenze birgt für das Leben eines jungen Mannes mit Eltern aus dem Kongo wahrscheinlich eine weniger grosse Dringlichkeit als die Gräueltaten unter König Leopold II. in der Heimat seiner Eltern um 1900 und die bis heute damit verbundene rücksichtslose Ausbeutung von Rohstoffen durch westliche Firmen. Jugendliche mit Migrationshintergrund vom Balkan bringen durch die Bürgerkriegserfahrung ihrer Eltern nochmals ein anderes Geschichtsbewusstsein in die Schulzimmer mit.

Verschiedene Erinnerungskulturen

Postkoloniale Fragestellungen werden dringlicher und fordern gesellschaftlichen Raum ein. Das verdeutlichen auch die hitzigen Diskussionen rund um die beiden «Arena»-Sendungen zu strukturellem Rassismus im vergangenen Sommer. VertreterInnen der postkolonialen Seite heben in solchen Debatten die Universalität westlicher Gewalt hervor. Damit werfen sie zumindest die Frage auf, inwieweit der Holocaust noch als zentrale historische Referenz dienen kann. Doch wird damit zwingend auch die Singularität des Holocaust relativiert?

Mit diesem Vorwurf sah sich Achille Mbembe im vergangenen Frühling anlässlich seiner Eröffnungsrede an der Ruhrtriennale konfrontiert: Felix Klein, der Beauftragte der deutschen Bundesregierung für Antisemitismus, bezichtigte den Intellektuellen aus Kamerun, der als Aushängeschild postkolonialer Forschung gilt, des Antisemitismus. Mbembe kritisiert die «koloniale Besetzung» Palästinas, anerkennt aber das Existenzrecht Israels. Für seine wissenschaftliche Tätigkeit ist das allerdings unerheblich. Sein Fokus liegt auf der Frage, welche Bedeutung Kolonialismus und Rassismus für die Struktur der heutigen Welt aufweisen. Die Kolonien hätten dabei als «Laboratorien für Formen der Verrohung, des Menschenraubs und der strukturellen Gewalt» gedient und somit «zum Aufstieg von Faschismus und Nazismus beigetragen». Aus Mbembes Argumentation wird ersichtlich, dass für ihn der historische Referenzpunkt für den Umgang mit «Rasse» und Diskriminierung eher auf dem Kolonialismus liegt. Die Holocaust-Erinnerungskultur entpuppt sich aus dieser Perspektive als eurozentrisch. Der Vorwurf Kleins zeitigte eine heftige Debatte in den deutschen Feuilletons und zeigt beispielhaft, dass der Konflikt als «Gedächtniskonkurrenz» interpretiert werden kann, denn sowohl der Holocaust als auch der Kolonialismus zielen auf eine Aneignung negativer Geschichte ab.

Geschichtskultur ist teilweise widersprüchlich, fluid und als mächtiger Aspekt der Identitätsbildung gezwungenermassen mit Konflikten verbunden. Zudem unterscheiden sich die Formen von Rassismus und Diskriminierung, die dunkelhäutige Menschen oder JüdInnen erfahren, auf vielen Ebenen. Doch muss daraus zwingend eine Konkurrenzsituation entstehen? Bietet sich hier nicht viel mehr die Chance, dass der Vergleich von Holocaust und Kolonialismus die Wahrnehmung für beides schärft?

So können beispielsweise die Zwangsarbeit, die Rolle der Medizin und des Sozialdarwinismus in den Kolonien und im Nationalsozialismus miteinander verglichen werden. Aber auch mit Blick auf das Verbot von Mischehen, Konzentrationslager (etwa auf der Haifischinsel an der Küste Namibias) oder den Genozid an den Herero und Nama zwischen 1904 und 1908 durch deutsche Truppen lassen sich Parallelen ziehen. Was verbindet den Verlust der deutschen Kolonien nach dem Ersten Weltkrieg mit dem nationalsozialistischen Streben nach «Lebensraum im Osten»? Die Frage nach dem Ort der barbarischen Gewalt, also «sichtbar» in Europa oder «unsichtbar» in der «Peripherie der Kolonien», ist entscheidend. Denn aus ihr folgt die kritische Anschlussfrage, in welchem Zusammenhang dies mit der europäischen Rezeption steht.

Das Ziel der totalen Vernichtung der JüdInnen, deren akribische Planung, bürokratische Verwaltung und industrialisierte Effizienz in der Durchführung machen den Holocaust singulär, die Anzahl der Opfer hingegen nicht. Allein im Kongo wird die Zahl der Toten zwischen 1888 und 1908 auf acht bis zehn Millionen Menschen geschätzt – etwa die Hälfte der damaligen Bevölkerung. Mit solchen Vergleichen wird die These des «Zivilisationsbruchs» immer unwahrscheinlicher, der Blick für Kontinuitäten hingegen geschärft. Die Frage der Singularität hat so noch immer ihre Legitimität – allerdings eingebettet in eine Geschichte kontinuierlicher westlicher Gewalt.

Die Tektonik der westlichen Erinnerungskultur ist in Bewegung geraten. Auch in den Geschichtslehrmitteln, den Trägern einer offiziösen Schweizer Geschichtsschreibung, dürfte dies noch zu einigen Änderungen oder Neugewichtungen führen.

Andreas Fannin unterrichtet Deutsch und Geschichte an der Kantonsschule Zürcher Oberland und doktoriert am Institut für Erziehungswissenschaften der Universität Zürich zum Thema «Lehrmittel und Geschichtskultur in der Schweiz seit den sechziger Jahren».

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