Nr. 52/2020 vom 24.12.2020

Vom Weltall nach Ägypten und zurück

Fast fünfzig Jahre nach dem legendären Ägyptentrip des kosmischen Musikmagiers Sun Ra ist endlich eine erschöpfende Audiodokumentation dieser Reise erschienen. Und ein neues Album zeigt: Die Odyssee des Arkestra geht weiter.

Von Armin Büttner

Der wohl agilste 96-Jährige dieses Planeten: Marshall Allen, Leiter des Sun Ra Arkestra – hier mit Sängerin Tara Middleton. Foto: Armin Büttner

If you find earth boring
Just the same old same thing
C’mon sign up
With Outer Spaceways Incorporated!
Sun Ra 1966

Es war wohl nicht die auf diesem Planeten herrschende Ödnis, die dem Pianisten Herman Poole Blount alias Sun Ra – 1914 im tief rassistischen Süden der USA auf die Welt gekommen – klar werden liess, dass er von einer andern Welt stammen muss. Er konnte einfach nicht von einem Planeten stammen, der es einem Grossteil seiner BewohnerInnen versperrt, ihr Potenzial zu entwickeln. Es musste etwas Besseres geben, und so richtete er in den fünfziger Jahren seinen Blick nach vorne, in eine Zeit, in der Menschen durch das Weltall würden reisen können und zugleich zurück ins alte Ägypten, wo vor Jahrtausenden Mythen auf Wissenschaft getroffen waren. Mit seinem Arkestra spielte Ra ab den fünfziger Jahren eine Musik, die ihrer Zeit weit voraus war und zugleich hinterher – als hätte er vom Swing, dem herrschenden Jazzstil der dreissiger Jahre, eine eigene Abzweigung genommen.

Immer freier wurde seine Musik. In den sechziger Jahren begann dann auch die Welt zuzuhören – zuvor waren seine Platten nur in Kleinstauflage auf seinem eigenen Label Saturn erschienen. So kam es, dass das Arkestra 1970 und 1971 in Europa auftreten konnte. Im Anschluss an die 1971er Tournee lud der Schriftsteller Hartmut Geerken, damals Deutschlehrer in Kairo, das Arkestra ein. Die Band spielte in Geerkens Haus, auf den Strassen von Kairo und gab noch weitere Konzerte. Auch ein Auftritt im ägyptischen Fernsehen war dabei, bei dem Ra mit kryptischen Antworten den Interviewer etwas ratlos zurückliess.

Ein Wahnsinniger?

Aufnahmen aus Kairo sollten in ihren Niederschlag in drei Saturn-LPs finden, die als Originale heute auf den einschlägigen Internetplattformen bis zu vierstellige Summen erzielen. Die Labels Art Yard und Strut haben jetzt diese legendenumwobene Musik (gingen alle Lichter in der Grossen Pyramide nun an oder aus, als Sun Ra sie besuchte?) zusammen mit weiteren Aufnahmen des Trips in einer 5-LP-Box herausgebracht. Sie bieten einen umfassenden Ausschnitt des Ra’schen Kosmos: hymnische Märsche, die an den Einzug der Pharaonen denken lassen; kosmische Stürme, heraufbeschworen von sieben Saxofonen, deren Sound plötzlich in sich zusammenbricht und eine einsame Flöte zurücklässt; einen wilden Geistertanz im 5/4-Takt («Angels and Demons at Play»); von der Königin June Tyson dargebrachte Lieder, die man auf dem Uranus singen mag («Why Go to the Moon», «Theme of the Stargazers»); einen sehnsuchtsvollen interstellaren Walzer («Friendly Galaxy No. 2»). Und natürlich noch Sun Ras grössten «Hit», «Space Is the Place».

All das gespielt auf Instrumenten der ägyptischen Armee (das Arkestra-Equipment wurde vom Zoll einbehalten, man ging dort angesichts der irren Kostüme der Band lieber auf Nummer sicher). Dazu die wohl erste öffentliche Vorführung eines Synthesizers im Land des Sonnengotts Ra: «Man kann damit alle Klänge des Universums spielen und die vier Jahreszeiten», sagte der Meister und liess dann Klangmeteoriten auf das Publikum regnen – sie müssen ihn für einen Wahnsinnigen gehalten haben, der Applaus war eher verhalten. Woher Sun Ra den damals irrsinnig teuren Moog-Synthi gehabt haben mag? Keine Frage für jene, die um seine Kunst wissen, alles und jeden an die Wand zu reden, bis das Gegenüber vom Zuhören entkräftet aufgibt.

Fast fünfzig Jahre ist das her. Sun Ra kehrte 1993 zurück in seine Heimat Saturn. Viele langjährige Arkestra-Mitglieder sind ihm mittlerweile gefolgt, und eine Weile sah es so aus, als wäre die Reise zu Ende. Ohne den Meister gab es kaum Auftritte, die Fans schrumpften auf einen harten Kern zusammen, das Haus in Philadelphia, in dem viele Bandmitglieder lebten, verfiel zusehends.

Inkarnationen

Doch die Band hat – mittlerweile unter Leitung des Altsaxofonisten Marshall Allen – weitergemacht. Allen, ein dürres Männlein, dürfte der wohl agilste 96-Jährige dieses Planeten sein. Im Frühjahr konnte man gegen Bezahlung einen Arkestra-Livestream anschauen: Anderthalb Stunden sah man Allen zu, wie er Saxofon spielt, singt, mit dem EWI, einem Blas-Synthesizer, den Geist Sun Ras heraufbeschwört und unaufmerksame Bandmitglieder zurechtweist – ohne sich nur mal kurz hinzusetzen.

Dass das Arkestra von heute keine müde Repertoireband ist, sondern ein lebender Organismus, zeigt das soeben erschienene Doppelalbum «Swirling». Mit dem Pianisten Farid Barron – einst Adept des neoklassischen, gut verdienenden Trompeters Wynton Marsalis – hat Allen jemanden gefunden, der fast den Platz des unersetzlichen Sun Ra einnehmen kann. Und June Tyson, die den Planeten 1992 verlassen hat, scheint in der neuen Sängerin und Violinistin Tara Middleton weiterzuleben. Allen hat Klassiker wie «Astro Black» oder «Rocket No. 9» melodieverliebt neu arrangiert und ihnen so eine Frische verpasst, die es möglich macht, «Swirling» in den Kanon der grossartigen Sun-Ra-Alben einzureihen.

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