Nr. 20/2014 vom 15.05.2014

Seit dreissig Jahren mit weit offenen Ohren

Von introvertiert bis ekstatisch, von elektrisch verstärkt bis meditativ versunken, von Ethnopunk über Avantgardejazz bis zu Sphärenklängen: Die Jubiläumsausgabe des Taktlos bleibt dem Grundsatz des Festivals treu.

Von Christoph Wagner

Auf dem Flohmarkt stand neulich eine LP, die aufmerken liess: «Jazz Raga» von Gabor Szabo! Es handelt sich bei der Einspielung, die 1966 erschien, um ein Pionierwerk des Jazz. Der ungarisch-amerikanische Gitarrist war einer der Ersten, die Jazz mit indischen Klängen verbanden, die damals durch Ravi Shankar und die Beatles mit «Norwegian Wood» in aller Ohren waren. Szabo stand mit seiner Synthese nicht allein. An den Donaueschinger Musiktagen und den Berliner Jazztagen von 1967 spielte das Irène Schweizer Trio mit einem Trio aus Indien vor begeisterten Leuten. «Jazz Meets India» hiess die Schallplatte, die daraus entstand.

Radikal, improvisatorisch, international

Die Faszination hält bis heute an. Das junge belgische Ragini Trio, das am Schlusstag des diesjährigen Taktlos-Festivals auftreten wird, schlägt mit Saxofon, Schlagzeug und Kontrabass aus der Fusion neue Funken. Die drei bewegen sich so selbstverständlich in der indischen Klangwelt, als wäre der Subkontinent ihre zweite Heimat. Sie werfen einen frischen Blick auf die Tradition, ohne sich von fernöstlichen Heilslehren die Sicht versperren zu lassen. Hochvirtuos werden abendfüllende Ragas zu kurzen, kompakten Stücken eingeschmolzen und in derart vitaler Manier präsentiert, dass meditative Versenkung in Ekstase umschlägt. Dann klingt das Ragini Trio so zupackend wie die Miniaturausgabe einer traditionellen Blaskapelle, die in irgendeiner Seitenstrasse von Delhi oder Bombay den TeilnehmerInnen einer Hochzeitsprozession den Marsch bläst. Das Ragini Trio könnte sich als die grosse Entdeckung des diesjährigen Festivals entpuppen.

Unbekannte Talente, zu denen dieses Jahr auch das Frauenquintett Selvhenter aus Dänemark zählt, ins Zentrum zu rücken – diesem Prinzip war das Taktlos seit Beginn verpflichtet. 1984 als Kooperation zwischen Initiativen in Zürich und Bern entstanden (1987 kam Basel dazu), war es für das Festival anfangs das zentrale Anliegen, die radikale improvisatorische Internationale in den Mittelpunkt zu stellen. Irène Schweizer, Lindsay Cooper, Heiner Goebbels, Bill Laswell und Fred Frith sind nur ein paar der Namen, die den ersten Festivals ihren Stempel aufdrückten.

Man knüpfte Kontakte zu den Szenen in New York und London, auch nach Holland, West- und Ostdeutschland, und hielt die Ohren für Unkonventionelles offen. «Wir wollten interessante Musik bringen, vor allem auch schräge und ungewohnte Sachen», stellt Fredi Bosshard fest, der als Einziger der Gründer heute noch dabei ist. «Es war uns wichtig, dass niemand auf die Idee verfällt, dass wir ein Jazzfestival machen wollen – wir wollen taktlos sein!» Diesem Grundsatz ist das Festival treu geblieben.

Ein alter Hase voll im Trend

Mit dem New Orchestra von Barry Guy stellt sich nach dem Auftakt mit dem Sun Ra Arkestra (vgl. «Eine freundliche Musik aus dem Weltall») am zweiten Abend die Inkarnation einer Bigband vor, die als London Jazz Composers Orchestra schon 1988 dem Festival ein Glanzlicht aufsetzte. Die genau abgezirkelten Kompositionen des englischen Bandleaders und Kontrabassisten, der seit längerem in der Schweiz lebt, öffnen auf raffinierte Weise die kompositorische Strenge der E-Musik-Avantgarde für die Spontanität der freien Improvisation. Der dritte Festivaltag gehört dann den kleineren Formaten: dem Schweizer Pianotrio Wintsch Weber Wolfarth und dem Duo Mark Feldman (Violine) und Sylvie Courvoisier (Piano) aus New York und Lausanne. Das Finale am 25. Mai steht ganz im Zeichen des Ethnojazz.

Neben dem Ragini Trio kommt dabei die äthiopisch-europäische Formation Kazanchis+1 zum Zug. Die Band hat sich einem psychedelisch angehauchten Jazzfunk verschrieben, der in Addis Abeba in den sechziger Jahren Furore machte. Obwohl Kazanchis zum ersten Mal beim Taktlos auftritt, ist der Bandleader Jeroen Visser ein alter Hase. Seit 2003 schneidet der holländische Musiker und Toningenieur, der schon lange in Zürich lebt, jeden Auftritt des Festivals mit – als Service für die MusikerInnen und zur Dokumentation. Diese Aufnahmen haben zahllose Rundfunksendungen und ein halbes Dutzend CDs möglich gemacht. Den Seitenwechsel vom Toningenieur zum Musiker empfindet Visser kaum als Umstellung: «Ob auf der Bühne oder hinterm Mischpult, wir ziehen alle an einem Strang: Wir wollen die Musik so gut wie möglich klingen lassen!»

Mit dem Ethnojazz seiner Gruppe liegt Visser voll im Trend. Kazanchis vollführt den Spagat zwischen Tradition und Moderne. Mesele Asmamaw und Endris Hassen, die beiden Äthiopier, spielen ihre traditionellen Instrumente derart kühn, dass Jimi Hendrix seine Freude gehabt hätte. Mit Farfisa-Orgel und Baritonsax steuert Visser rauen Punkfuror und radikale Jazzsounds bei, während der französische Schlagzeuger Fabien Duscombs für die hypnotischen Grooves sorgt. Eine explosive Mischung braut sich da zusammen, die beim 30. Taktlos-Festival zur Zündung kommen wird.

Das Taktlos-Festival findet vom 22. bis zum 25. Mai 2014 in der Zürcher Roten Fabrik statt. 
www.taktlos.com / www.rotefabrik.ch

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