Nr. 02/2021 vom 14.01.2021

Pubertät als Schule des Lügens

Von Hans Ulrich Probst

Ja, sie kann es auch ohne Lenù und Lila: Nach ihrer weltberühmten Neapel-Saga waren schon drei ältere Romane von Elena Ferrante auch auf Deutsch zu entdecken. Jetzt hat die Autorin nachgelegt mit einer grandiosen Pubertätsgeschichte aus dem Neapel der neunziger Jahre. Fokussiert auf drei Jahre und zwei Familien, setzt sie – und darin liegt ihr grosses Können – konkret und zugleich universell die Nöte, Zweifel und anderen Stimmungsschwankungen weiblichen Erwachsenwerdens in Szene.

«Zwei Jahre bevor mein Vater von zu Hause wegging, sagte er zu meiner Mutter, ich sei sehr hässlich.» So lautet der drastische Eröffnungssatz von «Das lügenhafte Leben der Erwachsenen». Das «Ich», das ihn – Jahrzehnte später – niederschreibt, ist die zu jenem Zeitpunkt knapp dreizehnjährige Giovanna, Einzelkind eines DozentInnenpaars in einem noblen Viertel Neapels. Ihr Vater stammt aus der Unterschicht, aus der «Zona industriale» (Schauplatz von «Meine geniale Freundin»), die er hinter sich gelassen hat – bis Giovanna ihn an seine verhasste, ordinäre Schwester Vittoria gemahnt und er sie derart beleidigt.

Genau diese Tante aber will und wird die brave Giovanna kennenlernen. Daraus entwickelt sich der so handlungs- wie reflexionsstarke «Bildungs»-Roman – vorangetrieben von den Turbulenzen des sexuellen Erwachens Giovannas und den platzenden Lebenslügen der Eltern. Das labile Mädchen erlebt als bedrohlich und unheimlich, was mit ihrem Körper sowie um sie herum geschieht: Als die Ehe der Eltern zerbricht und sie im Streit von Männern Wörter hören muss, die sie «an abhustende Fieberkranke» denken lassen, «an Schleimfäden, die alles besudelten, vor allem unsere geheimsten Sehnsüchte», fühlt sie sich alleingelassen und wehrt sich mit «Lüge und Gebet».

Am Ende steht die knapp Fünfzehnjährige illusionslos vor den Trümmern des Elternhauses und bricht, nach der von ihr gesuchten Entjungferung, mit ihrer Freundin nach Venedig auf mit dem Ziel, «so erwachsen zu werden, wie es keiner anderen vor uns je passiert war».

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