Nr. 02/2021 vom 14.01.2021

Diese Liebe zur Gewalt

Donald Trump hat mit einer affektiven Politik eine Armee der Wütenden mobilisiert. Die Gewalt, die sich beim Sturm auf das Kapitol entladen hat, ist historisch jedoch kein neues Phänomen.

Von Pia Beumer, Barbara Lüthi und Rebecca Rössling

Die Legitimierung von Gewalt ist in Amerika ein durch und durch weisses Privileg: Aufräumarbeiten vor dem Senatssaal. Foto: Ken Cedeno, Laif

Während am 6. Januar im Kapitol der neu gewählte Präsident der USA offiziell bestätigt wurde, zeigte sich Donald Trump vor seinen AnhängerInnen einmal mehr als schlagkräftiger «merchant of anger»: als Händler der Wut, der mit seiner politischen Basis Ressentiments und die Verunglimpfung von Frauen, Minoritäten und politisch Andersdenkenden teilt. Gleichzeitig liess er gegenüber seinen AnhängerInnen verlauten: «Wir lieben euch, ihr seid etwas ganz Besonderes.»

Seine Äusserungen sind geprägt von einer Rhetorik des Hasses, der Verspottung und Abgrenzung. Andererseits verbreitet Trump über eine emotionale Unmittelbarkeit, über die Personalisierung von Amerikas Problemen als seine eigenen und über ein Angebot von Nähe zugleich auch Gefühle von Loyalität und Gemeinschaftssinn. «Unsere Bewegung ist eine Bewegung, die auf Liebe aufgebaut ist. Es ist Liebe für die kämpfenden Amerikaner, die abgehängt wurden», liess er 2017 in Phoenix verlauten.

Ökonomie der Leidenschaft

Mögliche Erklärungen für seine erfolgreiche Politik bei einer loyalen AnhängerInnenschaft innerhalb seiner Partei wie auch unter den «wütenden weissen Männern und Frauen» müssen vielschichtig ausfallen. Mit Blick auf seine «Kollaborateure» unter den RepublikanerInnen, argumentiert die Journalistin Anne Applebaum, spielen mehrere Faktoren hinein: etwa die Hoffnung, die USA wieder «gross» zu machen; die schiere Attraktivität, im Dunstkreis der Macht verweilen zu dürfen, bis hin zur Angst, durch Kritik am Präsidenten in Ungnade zu fallen.

Aber seine Beliebtheit bei seiner loyalen Basis, vor allem den «blue collars» – den ökonomischen VerliererInnen seiner Politik – ist nicht einfach zu erklären. Trump hat während seiner Amtszeit die Politik neu bespielt und mithilfe der sozialen Medien eine spezifische «affektive Politik» geschaffen. Laut der Literaturwissenschaftlerin Greta Olson ist Trump nur deshalb in der Lage, so effektiv ein Gefühl des Hasses gegen seine wahrgenommenen Feinde zu verbreiten, weil er ebenso talentiert darin ist, seinen Verbündeten und AnhängerInnen ein Gefühl von «fierce love» – heftiger Liebe – zu vermitteln.

Diese «affektive Ansteckung» wurde von Trump gezielt über eine permanente mediale Aufmerksamkeit auf Facebook und Twitter erreicht. Damit hat er eine neue politische Ökonomie der Leidenschaft, des Exzesses und der Setzung von Themen erwirkt, die einst tabu war. Mit seiner «Liebesrhetorik» schafft er eine Verbundenheit. Sie gibt seinen AnhängerInnen ein neues Gefühl, wertvoll und, mehr noch, Teil einer «heiligen Mission» zu sein.

Trumps Aufteilung der Welt in GewinnerInnen und VerliererInnen, in Schwache und Starke, in «wir» und «sie» ermöglicht seiner AnhängerInnenschaft, Teil des nostalgischen Strebens nach «greatness» zu sein. Sie bejubeln ihn, unabhängig davon, was er gemacht oder gesagt hat – nicht weil sie ihm zwangsläufig jedes Wort glauben; aber wenn alles als ein grosser Betrug propagiert wird und die Regeln ständig gebrochen werden, wen kümmert es dann schon, ob der Präsident ein notorischer Lügner ist und die Rechtsstaatlichkeit permanent unterläuft?

Ordnungshüter der Nation

Die Ereignisse vom 6. Januar sind der logische Höhepunkt von Trumps Verachtung der Rechtsstaatlichkeit, die in seiner Verehrung für bewaffnete rechtsnationale Gruppen und seiner Weigerung, das Ergebnis der Präsidentschaftswahlen anzuerkennen, besonders deutlich wird. «Ich kenne euren Schmerz», beteuerte er am Mittwoch seinen AnhängerInnen, die sich durch die vermeintlich «gestohlene Wahl» von einer liberalen Elite betrogen fühlen. Inmitten dieser Ernüchterung twitterte Trump «WE are the party of Law & Order» und beförderte so erneut das Wir-Gefühl unter seinen – noch immer mehrheitlich weissen – AnhängerInnen. Zudem legitimierte er ihr vermeintliches Recht, sich als OrdnungshüterInnen der Nation zu behaupten.

Wer die Geschichte der USA kennt, weiss, dass sich für diese selbsternannten Bürgerwehren und ihre Missachtung von gerichtlichen Entscheidungen oder von demokratischen Wahlprozessen historische Vorläufer finden lassen. In der Zeit der SklavInnenbefreiung nach dem Sezessionskrieg (1861–1865) und der sogenannten Reconstruction-Ära (1863–1877) formierte sich beispielsweise der Ku-Klux-Klan als paramilitärische Organisation zur Wahrung der eigenen weissen Vorherrschaft.

Diese Form der gewaltsamen Machtergreifung und Selbstjustiz (auch in Form von Lynchmorden), die vor allem in den Südstaaten noch bis in die vierziger Jahre existierte, war nebst dem tief sitzenden Rassismus auch das Ergebnis des Misstrauens gegenüber staatlicher Regulierung und Rechtsdurchsetzung. Die extralegale Gewalt bedient sich demnach traditionell einer scheinbaren Notwendigkeit, die soziale Ordnung aufrechtzuerhalten.

Auch die Gewaltbereitschaft bei der Erstürmung des Kapitols am vergangenen Mittwoch ist kein neues Phänomen. Sie ist eine Wiederholung gewaltsamer Gegenbewegungen, die immer dann zu beobachten sind, wenn die als selbstverständlich erachteten sozial-politischen Konstellationen neu verhandelt werden. So setzten auch die Bürgerrechtsbewegungen der sechziger und der siebziger Jahre einen Prozess in Gang, der veränderte soziale Strukturen und Geschlechterrollen mit sich brachte – und gleichzeitig einen konservativen Backlash nach sich zog.

Die in jüngster Zeit durch Trump wachsende Bewegung, die sich «ihr Land zurückholen» will, war nicht zuletzt eine Reaktion auf die Wahl des ersten Schwarzen Präsidenten, Barack Obama. Diese WutbürgerInnen halten, damals wie heute, die Vorherrschaft schlichtweg für ihr Geburtsrecht. Ihre Motivation liegt im historisch generierten Mythos des gottgegebenen Rechts zum Machterhalt der Weissen, der bis heute jegliche Form von Gewalt zu legitimieren scheint. Nicht überraschend wurde letzte Woche neben US- und Trump-Flaggen auch die Flagge der Konföderierten ins Kapitol getragen. Auch Trump hat sich während seiner Präsidentschaft offen mit der Konföderation und weissem Nationalismus identifiziert.

Entgegen vielen Annahmen sind der Trumpismus und die Selbstermächtigung rassisch privilegierter Gruppen nicht Teil der Vergangenheit. Trumps AnhängerInnen verkündeten während des Sturms auf das Kapitol: «Wir sind weiss, und wir sind bereit! Das ist die zweite amerikanische Revolution!» Im Kampf um die Macht im Kongress liessen diese Männer und Frauen keinen Zweifel daran, wem das Vorrecht zustehe, über den Verbleib der Regierung des Landes zu entscheiden.

Gefährliche Nachsicht

Trumps ansteckende Rhetorik zeigte selbst im Moment der live übertragenen Besetzung des Kapitols noch Wirkung. In den sozialen Medien entstand ein regelrechter Dialog zwischen den fanatischen VerehrerInnen und ihrem Präsidenten. Als Trump twitterte, Vizepräsident Mike Pence habe sich soeben geweigert, das Wahlergebnis zu kippen, brüllten wenige Minuten später Hunderte im Kapitol: «Findet Pence!» Andere stimmten in den Tenor «Kämpft für Trump!» ein und bezeichneten sich als Trumps Armee.

Viele sind fassungslos, wie wenig der sich Wochen vorher ankündigenden Menge entgegengesetzt wurde, zumal die Reaktion auf die Black-Lives-Matter-Demonstrationen nach dem Tod George Floyds ganz andere Dimensionen angenommen hatte. Daher liegt die Frage inzwischen auf der Hand: Was, wenn am Mittwoch Schwarze Personen das Kapitol gestürmt hätten?

Die zugrunde liegende Doppelmoral in der Reaktion auf die Ausschreitungen vom 6. Januar verdeutlicht einmal mehr, dass die Legitimierung von Gewalt in Amerika ein durch und durch weisses Privileg ist. Das Gewaltpotenzial, das von weissen Extremisten ausgeht, wurde bis dato meist mit gefährlicher Nachsicht behandelt. Die US-amerikanische Politik, so könnte man argumentieren, ist bis in die Gegenwart mit rechtsgerichteter Gewalt kontaminiert; mehr noch prophezeien manche Beobachtende dies als einen anhaltenden Virus.

Pia Beumer (Universität Erfurt), Barbara Lüthi (Universität Köln) und Rebecca Rössling (Universität Frankfurt) arbeiten gemeinsam an einem von der Deutschen Forschungsgemeinschaft geförderten Projekt zu «Armed Self-Defense in Recent America».

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