Nr. 03/2021 vom 21.01.2021

Wären Sie als Populist begabt?

Der Aargauer Komiker Peach Weber über seine Zeit in der Lokalpolitik, die SVP und den Borkenkäfer.

Von Benjamin von Wyl (Interview) und Florian Bachmann (Foto)

«Populisten sind das Schlimmste. Leute wie Trump oder Brasiliens Präsident Jair Bolsonaro sprechen niederste Instinkte an»: Peach Weber in seinem Garten in Hägglingen.

WOZ: Mit 25 haben Sie als «Euse Maa» erfolgreich für das Wohler Lokalparlament kandidiert. Dann wurde «Eusi Lüüt» daraus. Seit 2008 ist die Gruppe Teil der Grünen. War das von Anfang an ein ökologisches Projekt?
Peach Weber: Nein, ich wollte einfach keiner Partei beitreten, aber mehr machen als Leserbriefe schreiben. Nach zwei Wahlen waren wir zu acht – ein interessanter Mix vom Dienstverweigerer über den Theaterpädagogen bis zum Militärmajor. Aber die ersten Jahre verloren wir jede Abstimmung mit 38 zu 2.

Hatten Sie so utopische Forderungen?
Nein, es ging ja um Bodenständiges – etwa darum, wie breit eine Strasse gebaut werden soll. Wer glaubt, Forderungen sollten schräg sein, muss nicht in die Politik. Als unsere Fraktion wuchs, gab es bei uns Leute, die besser Kompromisse schmieden konnten als ich. Als nach zwölf Jahren klar war, dass es ohne mich weiterläuft, zog ich mich zurück.

Sie waren nicht gut im Kompromissefinden?
Andere sind geschickter. Aber die Schweiz funktioniert mit Kompromissen. Nur eine Partei meint, sie habe keine nötig.

Wären Sie als Populist begabt?
Nein. Populisten sind das Schlimmste. Leute wie Trump oder Brasiliens Präsident Jair Bolsonaro sprechen niederste Instinkte an. Die USA werden mindestens vier Jahre brauchen, um den grössten Schaden zu heilen.

Sieht man, wie leicht es für die Rechtsextremen war, ins Kapitol einzudringen, zweifelt man, dass es in Richtung Heilung geht.
Dass so wenige Polizisten im Kapitol waren, war kein Zufall. Ich glaube, das Trump-Lager steuerte das. Rassismus ist in den USA kein spezifisches Polizeiproblem, sondern Tradition. In einer Gesellschaft, die auf der Eliminierung von Indigenen und Sklaverei aufgebaut ist, erstaunt es nicht, dass Polizisten auf Schwarze schiessen.

Hat die Schweiz denn eine weniger rassistische Tradition?
Würde ich knallhart sagen. Auch die Polizei ist anders. Der Aargau hat die niedrigste Polizeidichte aller Kantone; der neue Sicherheitsdirektor fordert nun 500 Stellen mehr. Da wird es wieder heissen, es drohe ein Polizeistaat. In der Schweiz ist das ein lächerliches Argument.

Wird das nicht eher scheitern, weil die SVP sparen will?
Doch. Die sagen «Ausländer raus, Steuern runter» und empören sich, wenn die Polizei dann zu langsam da ist. Aber für mich war die SVP zwanzig Jahre lang die wichtigste Partei. Sie hat angesprochen, was alle anderen ignorierten.

Wie oft haben Sie die SVP gewählt?
Noch nie. Die SVP war nicht für mich persönlich, sondern für die Situation in der Schweiz am wichtigsten. Es gärte – bis sie aussprach, dass nicht jeder Ausländer ein armer Cheib ist. Später merkten die anderen Parteien: Es gibt ein Problem. Man muss es lösen, aber deswegen noch lange nicht «Ausländer raus» fordern.

«Ausländer raus» blieb doch immer ein Thema. 1970 kam die Schwarzenbach-Initiative zur Abstimmung. Dann gab es bis 2000 alle paar Jahre eine sogenannte Überfremdungsinitiative.
Meine Mutter ist aus dem Südtirol und hatte vor der Schwarzenbach-Abstimmung Angst, sie müsse gehen. Dabei hatten Italiener – wie später auch Menschen aus anderen Ländern – all die Drecksarbeit gemacht, die sonst niemand machen wollte. An der Baugrube stand ein Schweizer mit grosser Schnore, unten arbeiteten die Italiener mit der Schaufel. Mit dem Saisonnierstatut nutzten wir sie aus.

Wann war also die Zeit, in der der Migration unkritisch begegnet wurde?
So Mitte der achtziger Jahre? Mit Jahreszahlen bin ich schlecht. Die SP wollte verhindern, dass Rassismus entsteht, und beharrte darauf, es gebe kein Problem. Das war fatal. Mindestens Argumente hätte sie bringen sollen. In dieser Grundstimmung ist die SVP, als Blocher sie sich kaufte, so rasant aufgestiegen.

Wieso sind Sie sicher, dass die Grundstimmung nicht bloss aus Vorurteilen bestand, die die SVP selbst bewirtschaftete?
Gibt es kein Problem, können Populisten keinen Umbruch machen. Inzwischen kann man über Europa und die Migration offener sprechen. Aber die SVP hatte plötzlich so viel Erfolg, dass auch politische Nullnummern wie Christoph Mörgeli hochgespült wurden. Die Partei braucht es eigentlich nicht mehr. Das passiert allen monothematischen Bewegungen.

Kürzlich zitierte die SP Aargau Ihren Klassiker «D’Borkechäfer», als es um Massnahmen für die Wälder ging. Ihre Komik will bloss unterhalten. Haben Sie hier aus Versehen ein politisches Lied geschrieben?
Der Borkenkäfer ist noch da, obwohl der Song bald vierzig Jahre alt ist! Nicht er ist das Problem, wir sind es. Statt was zu unternehmen, gibt man ihm die Schuld für den Unsinn, den wir verantworten. Der Borkenkäfer macht seinen Job super – ähnlich wie jetzt das Drecksvirus aus seiner Perspektive. Ich nehme gerne den Blickwinkel von Sündenböcken wie dem Borkenkäfer ein. Es ist kein politisches Lied.

In eine Reihe mit dem Borkenkäfer-Song gehört auch Peach Webers neuer Song «Aromat» über ein Würzmittel, über das fast alle lästern.

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