Nr. 03/2021 vom 21.01.2021

Nach der Flucht kommen die Zweifel

Weltpremiere am Sundance-Filmfestival, Begeisterung an der Berlinale – doch dann wurde es still um den Schweizer Dokumentarfilm «Saudi Runaway» über einen Ausbruch aus dem Patriarchat. Auf der Suche nach dem verschollenen Festivalhit.

Von Florian KellerMail an Autor:in

«Was ich vorhabe, ist ein Verrat an meiner ganzen Familie»: Muna dokumentiert im Geheimen die Zeit vor ihrer Flucht nach Europa. Still: Christian Frei Filmproductions

«Ich muss es schaffen», sagt Muna, als sie im Brautkleid allein vor dem Spiegel sitzt, am Tag ihrer arrangierten Hochzeit. Der Plan, den sie selbst vor ihren engsten Vertrauten in der Familie geheim hält: Während der Flitterwochen in Abu Dhabi will sie sich unbemerkt nach Europa absetzen.

Ihre Flucht vor der alltäglichen Unterdrückung im Königreich Saudi-Arabien soll ein Vorbild für alle Frauen in ihrer Heimat sein – ein Beispiel für eine gelungene Befreiung. In den Wochen, die ihr bis zu ihrer Flucht noch bleiben, filmt sie deshalb, wenn immer möglich, heimlich mit dem Smartphone. Es sind «nie dagewesene Bilder aus dem Innenleben des repressivsten Patriarchats der Welt», verspricht der Pressetext.

Der Erfolg

«Saudi Runaway» heisst der Schweizer Dokumentarfilm von Susanne Regina Meures. Die Regisseurin hat bereits mit «Raving Iran» (2016) zwei DJs aus Teheran auf einer filmreifen Flucht in den Westen begleitet: Nach einem Auftritt an der Zürcher Street Parade beschliessen die beiden Iraner, in der Schweiz Asyl zu beantragen. Vor fast genau einem Jahr feierte nun «Saudi Runaway» seine Weltpremiere am Sundance-Festival, und auch an der Berlinale wurde der Film begeistert aufgenommen. Die ökumenische Jury in Berlin sprach eine lobende Erwähnung aus; beim Publikumspreis erreichte «Saudi Runaway» den zweiten Platz.

Das Echo war enorm, auch die internationale Fachpresse war angetan von dieser «intimen Studie über Unterdrückung und Befreiung», wie der Kritiker von «Variety» schrieb: «Saudi Runaway» sei ein Dokuthriller mit emotionalem Tiefgang und einem Finale, das unter die Haut gehe. Nicht zuletzt sei der Film «das Produkt eines aussergewöhnlichen Vertrauens» zwischen Regisseurin und Protagonistin. «Spannender als viele Hollywood-Thriller», urteilte der «Hollywood Reporter» und fand gar, Muna hätte einen Oscar verdient.

National Geographic sicherte sich die Weltrechte am Film, doch nach diesem verheissungsvollen Auftakt wurde es plötzlich still um «Saudi Runaway». Mit der Pandemie hatte das nichts zu tun: Im Frühjahr folgten noch zwei weitere Festivals, seither lief der Film nirgends mehr. Im November wurde er neben fünf weiteren Dokumentarfilmen gleichwohl für den Europäischen Filmpreis nominiert, und am 25. Januar dürfen sich Meures und ihr Produzent Christian Frei gute Chancen ausrechnen, auch für den Schweizer Filmpreis nominiert zu werden wie zuvor schon mit «Raving Iran». Öffentliche Vorführungen von «Saudi Runaway» gabs jedoch keine mehr – und wird es bis auf Weiteres auch nicht geben, nicht einmal in der Schweiz. Nicht im Kino, nicht im Netz und auch nicht im Schweizer Fernsehen, das den Film koproduziert hat. Was ist geschehen?

Gesucht und gefunden hat Susanne Meures ihre Protagonistin über einen Aufruf in einem geheimen Chatforum eines saudischen Aktivisten. Schon länger hatte sie damals für einen Film über geflüchtete saudische Frauen recherchiert. Dabei ist sie zum Schluss gekommen, dass es filmisch wenig ergiebig wäre, rückblickend eine bereits erfolgte Flucht zu schildern. «Saudi Runaway» sollte ein Erfahrungsbericht sein, gewissermassen das Livezeugnis einer Flucht. In Muna findet die Regisseurin schliesslich eine Frau, die nicht nur gewillt ist zu fliehen – sondern eben auch willens, das riskante Unterfangen filmisch festzuhalten.

Von April 2019 bis zu ihrer Flucht einige Wochen später filmt Muna im Geheimen ihren Alltag in Dschidda. Die Aufnahmen deponiert sie für die Regisseurin regelmässig in einer Dropbox; die Videos auf ihrem Smartphone löscht sie jeweils, sobald sie die Files hochgeladen hat. Mehr als einmal wähnt man sich in «Saudi Runaway» tatsächlich in einem einschlägigen Hollywood-Thriller, etwa wenn Muna in einem Wettlauf gegen die Zeit den Bildschirm filmt, als sie gerade ihre Videodateien hochlädt, während ihre Hochzeitsgesellschaft vor der Tür steht.

Zu Beginn aber liegt öfter mal ein leichter Schleier über den Bildern. Es ist kein Instagram-Filter, sondern buchstäblich ein Stück Stoff, wenn Muna unter ihrem Niqab filmt. «Seit 26 Jahren lebe ich in Ketten», sagt sie im Film einmal unter Tränen. Als Frau darf sie ohne männliche Begleitung nicht aus dem Haus, Fahrstunden darf sie erst nehmen, wenn ihr künftiger Ehemann seine Einwilligung gegeben hat. Ihren Pass, der Ende 2019 abläuft, darf sie auch nicht selbstständig verlängern. Und das Land könnte sie ohne väterliche Erlaubnis ohnehin nicht verlassen; das kontrollieren die saudischen Behörden über die App Absher.

Aber es gibt auch bezaubernde Momente im Film, vor allem zu Beginn. Etwa wenn Muna die freudige Aufregung in ihrer Familie filmt, als daheim auf der Terrasse ein Hagelschauer niedergeht, mitten in der Wüste. Oder wenn sie die Magie der muslimischen Gemeinschaft in Mekka einfängt und über «so viel Anmut und Würde» staunt.

Der Rückzieher

Schon früh äussert Muna auch Zweifel an ihrem Vorhaben – wobei nicht immer ganz klar ist, ob sie nur ihre Flucht meint oder auch die Tatsache, dass sie ihre Familie ohne deren Wissen filmt und die Kamera selbst unter dem Küchentisch noch laufen lässt (fast alle Gesichter im Film wurden aus Gründen des Persönlichkeitsschutzes unkenntlich gemacht). «Meine Entscheidung, meine Familie heimlich zu filmen, lastet schwer auf mir», sagt Muna an einer Stelle – aber sie müsse das tun, weil die Leute sonst die repressive Gesellschaft nicht verstehen würden, der sie entkommen wolle. Sie fühle sich schrecklich wegen ihres Fluchtplans, sagt sie später einmal. Und noch im Brautkleid hofft sie auf Vergebung: «Was ich vorhabe, ist ein Verrat an meiner ganzen Familie.»

«Das ist natürlich ein harter Schlag für uns», sagt jetzt Produzent Christian Frei im Zoom-Gespräch zusammen mit Regisseurin Susanne Meures. Auf Wunsch der Protagonistin haben sie «Saudi Runaway» vorerst zurückgezogen. An der Berlinale habe Muna den Film noch voller Stolz präsentiert, erzählt Frei, der den Film geschnitten hat – doch dann habe sie leider einen Rückzieher gemacht. «Sie wünscht jetzt absolute Anonymität, und das respektieren wir selbstverständlich.» Bei einem so brisanten Thema könne das vorkommen.

Tatsächlich ist das ein Risiko, das sich nie ganz ausschliessen lässt. Zwar ist es auch bei Dokumentarfilmen durchaus üblich, eine Mitwirkung im Vorfeld vertraglich zu regeln. Aber rechtlich kann man sich nicht restlos dagegen absichern, dass eine Protagonistin die Verbreitung dann trotzdem stoppen will, wie Susanne Meures erklärt: «Das Recht aufs eigene Bild überwiegt alles.»

In der Zeit vor ihrer Flucht hat sich Muna übers Netz regelmässig mit der Regisseurin ausgetauscht – fünf bis sechs Stunden pro Tag, sagt Susanne Meures. Im Film selber bekommen wir allerdings nur Munas Seite dieses Austauschs mit. Wieso? Meures bezweifelt, dass ihre Chats über Bildsprache und Kameraführung fürs Publikum besonders interessant gewesen wären: «Es wäre ein ganz anderer Film geworden.»

Zugleich aber wird die Tatsache, dass die Regisseurin in dieser Zeit fast die einzige echte Vertrauensperson ihrer Protagonistin war, im Film offen thematisiert. Immer wieder wendet sich Muna hier an die «liebe Sue», um ihre Sorgen und Nöte zu teilen – nur bleibt das im Film eine Einwegkommunikation. Welche Signale hat Muna von der Regisseurin zurückbekommen? Wie hat Susanne Meures ihre Protagonistin aus der Ferne getröstet, bestärkt, angespornt? Der Film hält sich bedeckt.

Die Frage der Verantwortung

Gerade dadurch, dass die Rolle der Regisseurin in diesen Belangen ausgespart wird, wirft «Saudi Runaway» einige grundsätzliche Fragen zur ethischen Verantwortung in Dokumentarfilmen auf: Wann wird eine Regieanweisung zu einem Eingriff in die Existenz eines anderen Menschen? An welchem Punkt wird die Filmregie zur Regie über das Leben, wo verläuft diese prekäre Grenze? Und wer zahlt allenfalls den Preis für die «nie dagewesenen Bilder», mit denen geworben wird?

Wie man solche Bedenken transparent macht, hat die iranische Regisseurin Rokhsareh Ghaem Maghami in ihrem thematisch ähnlich gelagerten Dokumentarfilm «Sonita» (2015) gezeigt. Darin begleiten wir die neunzehnjährige Afghanin Sonita, die vor den Taliban nach Teheran geflohen ist, weil sie davon träumt, Rapperin zu werden. Als nun die Familie die abtrünnige Tochter zurückholen will, um sie in der Heimat als Braut zu verkaufen, stürzt das die Regisseurin in ein Dilemma, was sie im Film offen anspricht: Soll sie der Familie Geld geben, um Sonita so ein bisschen Zeit zu kaufen – und sie vielleicht vor der Zwangsheirat zu bewahren?

Ihre Prinzipien verbieten der Regisseurin eigentlich, sich auf diese Weise einzuschalten. Aber wäre es menschlich nicht sogar geboten zu intervenieren? Nur: Ganz uneigennützig wäre das auch nicht – denn wenn ihre Protagonistin für Geld verheiratet wird, könnte die Regisseurin ihren Film nicht fertigstellen.

Solche Zweifel sucht man in «Saudi Runaway» vergebens, weil die Regisseurin ihre eigene Rolle bei dem Unterfangen konsequent ausklammert. Sie hält sich auch dann noch aus dem Spiel, als sie bei ihrer Protagonistin im Hotelzimmer sitzt, was offensichtlich ist, weil diese die Kamera nicht mehr selber führt. Hier, beim Zwischenstopp in Minsk, wird der Film vollends unredlich. Er tut so, als wäre Muna auf ihrer Flucht nach Deutschland weiterhin völlig auf sich allein gestellt – und hintertreibt an diesem Punkt seine Maxime eines authentischen Erfahrungsberichts.

Muna habe bis zuletzt mit ihrer Flucht gehadert, erzählt die Regisseurin. «Sie hat immer wieder gezweifelt, sie sagte immer wieder: ‹Ich schaffe es nicht, ich schaffe es nicht.›» Hatte sie nie Skrupel, ihrer Protagonistin dabei zuzuschauen? Natürlich habe sie sich die Frage nach ihrer Verantwortung gestellt, sagt Susanne Meures. Aber Muna sei ein derart zielstrebiger Charakter, dass sich diese Frage für sie irgendwann nicht mehr gestellt habe. «Niemand nimmt das auf die leichte Schulter», wirft Produzent Christian Frei hier ein. Und er beruft sich auf das öffentliche Interesse an den Zuständen in Saudi-Arabien, das in diesem Fall die Aufnahmen mit der versteckten Kamera rechtfertige.

Moderner Klassiker?

Im Juni 2019 gelingt Muna die Flucht aus Abu Dhabi. Bei ihrer Ankunft in Deutschland ersucht sie um Asyl. Bald darauf, am 2. August 2019, meldet Saudi-Arabien, dass Frauen künftig ohne Erlaubnis ihres Ehemannes ausreisen dürfen. Das saudische Regime investiere viel Geld, um sich nach aussen ein reformistisches Image zu verleihen, sagt Christian Frei. «Vordergründig wird so der Anschein erweckt, es sei alles in Ordnung.» Dazu passt, dass Saudi-Arabien jetzt den Film einer Frau als offiziellen Anwärter ins Oscar-Rennen geschickt hat: «Scales» von Regisseurin Shahad Ameen ist ein feministisches Märchen über ein kleines Mädchen, das sich gegen die Tradition auflehnt. Ausgerechnet.

Für «Saudi Runaway» bleibt derweil jede Auswertung ausgesetzt, solange die Protagonistin das so wünscht. Filmpreise sind allerdings davon ausgenommen: «Wir sind stolz auf dieses mutige Projekt», sagt Produzent Frei. Schliesslich werde der Film bereits als moderner Klassiker gehandelt. «Wir wollen, dass er weiterhin eine Inspiration ist.»

Und Muna? Sie lebe immer noch in Deutschland, sagt Susanne Meures. Ihres Wissens stehe sie dort weiterhin in Kontakt mit ihren Angehörigen in Dschidda. Anders als viele Frauen, die aus Saudi-Arabien geflüchtet sind, habe Muna mit ihrer Familie nicht gebrochen. Hat die Regisseurin noch Kontakt mit ihrer Protagonistin? «Im Moment nicht», sagt Meures. «Ich nehme an, es geht ihr gut.» Mehr möchte sie im Moment nicht dazu sagen.

Die Nominationen für den Schweizer Filmpreis werden am 25. Januar 2021 bekannt gegeben.

Nachtrag vom 12. August 2021

Im leeren Kino?

«Succès Festival» heisst ein Förderinstrument des Bundes, mit dem Festivalerfolge von Schweizer Filmen belohnt werden. Für einen Dokumentarfilm wie «Saudi Runaway» bedeutet das: Dank Premieren am Sundance und an der Berlinale hätten Regie und Produktion Anspruch auf rund 200 000 Franken Erfolgsprämien, die dann in neue Projekte investiert werden müssen. Nur: Nach den geltenden Bestimmungen müsste der Film dafür auch öffentlich gezeigt werden. Doch «Saudi Runaway» bleibt unter Verschluss, weil die furchtlose Protagonistin, die darin ihre Flucht aus Saudi-Arabien dokumentiert, den Film gestoppt hat. Die WOZ hat das im Januar publik gemacht.

«Der verbotene Film», so titelte nun mit einiger Verzögerung die «NZZ am Sonntag», obwohl hier gar nichts verboten wurde. Die Zeitung witterte dunkle Machenschaften des saudischen Regimes, den Film selber adelte sie gleich zum «Schweizer Oscar-Kandidaten». (Was sie nicht erwähnte: Regisseurin Susanne Regina Meures war lange Jahre als Bildredaktorin für die «NZZ am Sonntag» tätig.)

Hintergrund für den späten Nachzieher: Um die Bedingungen für die Festivalprämien zu erfüllen, wollte Produzent Christian Frei den Film offenbar doch noch ins Kino bringen – wobei angeblich ein «anonymer Gönner» die Tickets für sämtliche Vorstellungen aufgekauft hätte, wie Tamedia berichtete. Als das Vorhaben publik wurde, zog sich das Zürcher Kino Houdini zurück: Man habe die Buchung nur unter der Voraussetzung akzeptiert, dass die leer gekauften Vorstellungen durch das Bundesamt für Kultur (BAK) auch anerkannt würden. Ob das BAK bei aller Regeltreue im Fall von «Saudi Runaway» eine Ausnahme hätte machen können, was den Anspruch auf Festivalprämien angeht? Christian Frei weiss es nicht – weil er gar nicht gefragt hat.

Florian Keller

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