Nr. 42/2016 vom 20.10.2016

Hier der freie Westen, dort der unfreie Iran

«Raving Iran» erzählt die Geschichte zweier iranischer DJs, die vor dem Regime in die Schweiz flüchten. Doch sobald es kompliziert wird, schaut der Film nicht mehr so genau hin.

Von David Hunziker

«Glaubt mir, wir alle wollen mehr singende Frauen, aber das geht natürlich nicht», sagt die Frau mit Kopftuch und setzt einen vielsagenden Blick auf. Vor ihr sitzen Anoosh und Arash, zwei House-DJs und Protagonisten des Dokumentarfilms «Raving Iran», die hier im Ministerium für Kultur und islamische Führung in Teheran eine Bewilligung für ein Konzert ihrer Gruppe Blade & Beard einholen wollen. Die Frauenstimme ist nicht das einzige Problem: Zu viel Englisch und ein nackter Männerrücken auf dem Plakat; und überhaupt, findet die Beamtin, mache sich das Duo in seinem Namen etwa lustig über den Bart von Ajatollah Chamenei, dem religiösen Führer des Iran?

Es klappt dann doch noch mit dem Rave – in der Wüste. Aber einfach ist es nicht. Das Bestechungsgeld ist im Budget für den Anlass bereits eingerechnet, damit der Bus mit dem Partyvolk als unschuldige Reisegruppe durchgeht. «Die islamische Republik hat uns gelehrt, Umwege zu nehmen», sagt der Besitzer eines Ladens, dem Anoosh und Arash ihre illegal gepresste CD zum Verkauf anbieten. Der Verkäufer steckt die CD in eine unverfängliche, nach iranischer Musik aussehende Hülle und verstaut sie ganz oben im Regal. Weil viele der Szenen aus Sicherheitsgründen mit einer versteckten Handykamera gefilmt werden mussten, können wir das schizophrene Spiel innerhalb des totalitären Staats live mitverfolgen: Niemand glaubt an die offizielle Doktrin, aber alle spielen gehorsame Bürgerin und Bürger.

Auf der Flucht

Aber immer geht es eben doch nicht. An einer Hausparty kreuzt plötzlich die Polizei auf und verhaftet Anoosh. Als er nach ein paar Tagen mit hängendem Kopf aus dem Gefängnis entlassen wird, ist die Stimmung im Keller. Die Narbe auf seiner Stirn erinnert noch an die Prügel der Polizisten. Da beschliessen die beiden DJs, das Land zu verlassen, und schicken Bewerbungen an Technofestivals auf der ganzen Welt.

«Raving Iran» ist kein Film über den iranischen Techno-Underground und auch nicht das Porträt einer Generation, sondern die Geschichte einer Flucht. Die beiden DJs schicken die Bewerbungen auch in der Hoffnung ab, dass sie in einem dieser Länder bleiben und sich endlich eine legale Existenz als Künstler aufbauen können. Nach den Mühen des Musikeralltags sehen wir nun auch ein Gespräch mit einem Fluchthelfer oder den Papierkrieg um ein Visum. Denn die beiden werden schon bald eingeladen – ausgerechnet von der Lethargy, dem alternativen Technofestival in der Roten Fabrik in Zürich.

Ausgerechnet, weil «Raving Iran» einen starken Bezug zu Zürich hat: Es ist der Abschlussfilm der deutschen Regisseurin Susanne Regina Meures an der Zürcher Hochschule der Künste. Und nun sehen wir im Film, wie Meures in Teheran neben Anoosh und Arash steht, als plötzlich das Handy klingelt und die Zusage aus Zürich kommt. Obwohl der Film vorgibt, nur zu dokumentieren, ist er offenkundig auf ein Ziel hin konstruiert: das Happy End in Form einer geglückten Flucht in die Schweiz.

Das wirft unweigerlich die Frage auf, wie stark die Regisseurin in den Plot eingegriffen hat – zumal sie sich auf das Direct Cinema beruft, eine Dokumentarfilmbewegung, deren Regeln vorschreiben, dass die Filmerin oder der Filmer eine reine Beobachterposition einnimmt. Reflektiert wird das im Film nicht.

Aber würden Anoosh und Arash wirklich von sich aus in dieses Ministerium gehen und sich danach erkundigen, ob es okay sei, wenn an ihrem Konzert eine Leadsängerin mit Piercings auftrete und englische Texte singe? Auf Nachfrage der WOZ sagt Meures, es habe kein Drehbuch gegeben, sie habe weder Regieanweisungen noch Dialogzeilen vorgegeben. Die DJs hätten von sich aus wissen wollen, welche Regeln genau gelten, seit Hassan Rohani 2013 das Präsidentenamt übernommen hat, und hätten darum das Ministerium aufgesucht. Der Plot des Films sei spontan entstanden: «Dass Anoosh und Arash ins Ausland reisen, war zum Zeitpunkt der Dreharbeiten noch nicht vorgesehen.» Einzig auf deren Bitte hin habe sie die DJs etwa beim Formulieren englischer E-Mails für Bewerbungen unterstützt.

Teheran kann auch Hardcore

«Raving Iran» wird nun vor allem dafür gelobt, dass er tiefe Einblicke in die Welt iranischer Kunstschaffender gebe. Dass diese Welt aber komplizierter ist, als die Anekdoten im Film suggerieren, zeigt das Beispiel des iranischen Technoproduzenten Ata Ebtekar, der diesen Sommer unter seinem Künstlernamen Sote das vielbeachtete, von düsterem Noise beeinflusste Album «Hardcore Sounds From Tehran» veröffentlichte. Entgegen dem, was in «Raving Iran» suggeriert wird, sei es relativ einfach geworden, Bewilligungen für Konzerte zu erhalten, seit Rohani Präsident ist, wie Ebtekar gegenüber dem Musikmagazin «The Quietus» sagt. Das Album jedenfalls hat er live in Teheran aufgenommen. Dass es im Iran MusikerInnen wie Sote oder auch eine florierende Szene für neue Musik gibt, spricht dafür, dass es den Behörden schwerfällt, Musik als «westlich» zu verbieten, wenn sie abstrakt genug ist und auf offensichtliche Regelverstösse verzichtet.

Doch solche Fragen passen halt nicht ins Fluchtnarrativ von «Raving Iran», das auf einer einfachen Gegenüberstellung aufbaut: hier der freie Westen, dort der unfreie Iran. Wie falsch diese Opposition ist, das bekamen Anoosh und Arash nach den Dreharbeiten zu spüren: Nach ihrem Entschluss, in der Schweiz zu bleiben, sassen sie erst einmal für über ein Jahr in einem Aufnahmezentrum in den Bündner Bergen fest.

Ab 20. Oktober 2016 im Kino.

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