Nr. 14/2016 vom 07.04.2016

Happy End? Da sträuben sich ihr die Haare

Rap gegen Zwangsheirat, Ballett fürs Regime und Trinken gegen den Tod: Dieser Tage kommen gleich drei von Aline Schmid produzierte Filme ins Kino.

Von Florian Keller (Text) und Florian Bachmann (Foto)

Filmproduzentin Aline Schmid: «Ich übersetze die Vision der Künstler den Geldgebern gegenüber.»

«Und jetzt bitte ein bisschen zurücklehnen», sagt der Fotograf. Aline Schmid versuchts und lehnt dann seelenruhig lächelnd ab. Zurücklehnen? «Das kommt eigentlich nie vor.»

Auch jetzt nicht, wo die 35-Jährige die Früchte ihrer Arbeit einmal ein bisschen geniessen könnte. Binnen dreier Wochen kommen gleich drei von ihr mitproduzierte Filme ins Kino, die unterschiedlicher nicht sein könnten. Da ist «Horizontes», ein Dokumentarfilm über drei Ballerinas in Havanna, vom hoffnungsvollen Mädchen bis zur greisen Ballettkönigin von Fidel Castros Gnaden. Übernächste Woche folgt «Tinou», Res Balzlis Debütfilm, dessen Helden aus dem Berner Beizenmilieu nach Afrika aufbrechen. Am meisten zu reden gibt aber die Geschichte von der jugendlichen Rapperin aus Afghanistan, die sich gegen die Zwangsheirat zur Wehr setzt.

Die Regie greift ein

Sonita heisst das Mädchen, und so heisst auch der Dokumentarfilm der iranischen Regisseurin Rokhsareh Ghaem Maghami, der nach dem Publikumspreis in Amsterdam zwei Hauptpreise am Sundance-Festival gewonnen hat. Vor den Taliban ist Sonita einst nach Teheran geflohen, jetzt soll ihr Bruder sie in die Heimat zurückholen, um sie dort als Braut zu verkaufen. Es ist dann die Regisseurin, die der Wirklichkeit im Film eine neue Wendung verleiht. Erst äussert sie Bedenken, dann bricht sie doch mit ihrem dokumentarischen Ethos, das ihr eigentlich jede Intervention verbietet: Sie zahlt der Mutter 2000 Dollar, um Sonita ein halbes Jahr Zeit zu kaufen.

Sie selbst hätte das nicht anders gemacht, sagt Aline Schmid, die «Sonita» fast von Anfang an als Koproduzentin begleitet hat. Dass die Zahlung nicht ganz uneigennützig war, räumt die Regisseurin im Film ein: Wäre Sonita an den Meistbietenden verkauft worden, so wäre auch der Film vorzeitig zu Ende gewesen. Stattdessen dreht Maghami ein Musikvideo für ihre Protagonistin, mit Sonita als geschundener Braut mit aufgemaltem Strichcode auf der Stirn. Ein wütender Appell gegen Zwangsheirat, erregt der Clip einiges Aufsehen im Netz, heute zählt er gegen 420 000 Klicks auf Youtube.

«Sie dachte, sie dreht ein Sozialdrama über ein Mädchen, dessen Träume sich nicht erfüllen», sagt Aline Schmid über die Regisseurin. Doch nach dem Musikvideo meldete sich eine US-Hilfsorganisation, die Sonita ein Stipendium an einem College in Utah verschaffte. Beim Wort «Happy End» sträuben sich bei der Produzentin dennoch die Haare. Nicht nur, weil die neue Freiheit im Exil ambivalent bleibt. Aline Schmid weiss auch um die Kollateralschäden. Sonitas Lehrerin in Teheran hat wegen des Films ihre Stelle verloren, und die Regisseurin kann derzeit nicht in die Heimat zurück, weil sie fürchten muss, gleich verhaftet zu werden. «Wir hatten zwar eine staatliche Drehgenehmigung für einen Film über ein Mädchen, das Gedichte schreibt», erklärt Schmid. Aber weil sich Sonita vom Schreiben rasch aufs Rappen verlegte, war die offizielle Erlaubnis Makulatur geworden. Im Iran ist es Frauen verboten, öffentlich zu singen oder Musik zu machen.

Improvisieren ist gefragt

Die Produzentin selber war noch nie im Iran oder in Afghanistan. Auch nicht auf Kuba, wo die Genferin Eileen Hofer ihren Tanzfilm «Horizontes» gedreht hat. Hier ist die Kunst den Mädchen nicht verboten, sondern offizielle Doktrin: «Das Ballett ist die kulturelle Basis der Revolution», so die Parole, die man den Kindern in der Tanzschule einbläut. Leuchtet ein: Ballett ist auch nicht ohne militärischen Drill zu haben. Und wo das Regime die Schönheit der Militanz feiert, feiert das Ballett die Militanz der Schönheit.

«Horizontes» hat seine Momente, aber vieles wirkt skizzenhaft, unfertig. Das hat seine Gründe: In der ersten Phase war das Projekt noch gefördert worden, für die Herstellung gabs dann lauter Absagen. Der Film, erklärt Aline Schmid, sei letztlich aus den Vorstudien entstanden, die die Regisseurin bei den Recherchen gedreht habe. Ihre Rolle als Produzentin vergleicht sie mit der Arbeit einer Übersetzerin: «Ich übersetze die Vision der Künstler den Geldgebern gegenüber.» Dabei bringe sie sich durchaus auch in kreativen Belangen ein. Die Aargauerin hat Soziologie studiert, über Jobs bei Festivals und im Filmverleih ist sie vor fünf Jahren als Produzentin bei Intermezzo Films in Genf gelandet. Nächstes Kapitel: Sie macht sich selbstständig.

Kuba, Afghanistan, Afrika: Wer so weltumspannende Filme produziert, sieht sich auch Vorwürfen ausgesetzt. Von einem TV-Redaktor etwa, der ihr einmal beschied: «Wir sind doch kein Reisebüro.» Doch die Auseinandersetzung mit dem, was in der Welt passiert, gehört für Aline Schmid zum Selbstverständnis des Schweizer Kinos. Als Nächstes stehen aber erst mal Reisen ins Landesinnere an. Für das Schweizer Fernsehen bereitet sie eine dokumentarische Miniserie über «Durchschnittsschweizer» vor. Zurücklehnen kann sie sich später.

«Sonita» kommt am 7. April 2016 ins Kino, «Horizontes» läuft bereits in Basel, Bern und Zürich. «Tinou» folgt am 21. April 2016.

Wenn Ihnen der unabhängige und kritische Journalismus der WOZ etwas wert ist, können Sie uns gerne spontan finanziell unterstützen:

Überweisung

PC-Konto 87-39737-0
BIC POFICHBEXXX
IBAN CH04 0900 0000 8703 9737 0
Verwendungszweck Spende woz.ch