Nr. 04/2021 vom 28.01.2021

«mr si ir schwyzz / mr möchte rueh»

Kein Pathos, dafür Ironie und feine Distanz: Am 31. Januar wäre der 2017 verstorbene Berner Dichter und Pfarrer Kurt Marti hundert Jahre alt geworden. Warum es sich lohnt, ihn wieder zu lesen.

Von Hans Ulrich Probst

Sprachbesessen und mit Schalk über Zeit und Endlichkeit nachdenken, dabei stets die Zukunft im Blick: Kurt Marti. Foto: Peter Friedli

Am Anfang muss sein vielleicht bekanntestes Gedicht stehen: «wo chiemte mer hi / wenn alli seite / wo chiemte mer hi / und niemer giengti / für einisch z’luege / wohi dass me chiem / we me gieng.» Formal und inhaltlich unnachahmlich perfekt, kein Wort zu viel.

Mit «Rosa Loui. Vierzg Gedicht ir Bärner Umgangsschprach» (1967), dem das Gedicht entstammt, hat Kurt Marti vor über fünfzig Jahren die harmlos-heimattümelnde Schweizer Mundartliteratur mit einem Schlag in die Moderne katapultiert, wo sie Anschluss an die Konkrete Poesie fand. Ähnlich raffiniert wie einfach, heisst es im gleichen Band: «mir hei e kei angscht // will me / für angscht chönne z’ha / kei angscht / vor dr angscht / dörfti ha // mir hei e kei angscht.»

Vietnamkrieg im Dialekt

Schon in seiner ersten Publikation 1959, den «republikanischen gedichten», hatte der vom Basler Theologen Karl Barth geprägte Pfarrer höchst sprachbewusst, ja sprachbesessen, vielfach politische Themen angesprochen. Und so trug er – unvergessen – auch die Debatte um den Vietnamkrieg der USA im Dialekt in die Deutschschweizer Stuben: «krawall voruss / rennt nid e maa? / e göiss e schuss – / was geits mi aa? // gib d’öpfelschnitz / tue ds fänschter zue: / mr si ir schwyzz / mr möchte rueh.»

Mit seiner Wortgenauigkeit und seinem scharfsinnigen Sprachwitz wurde er für zahllose jüngere Schreibende, Lyrikerinnen ebenso wie Liedermacher und Kabarettistinnen, zum Vorbild im Umgang mit der Mundart als Arbeitssprache und nicht als Kunstdialekt.

Neben dem Lyriker gab es früh auch den kühnen Erzähler und den kühlen Essayisten Marti, der um sein Christsein ebenso rang wie um seine Zeitgenossenschaft und der dem Modewort «Engagement» einen konkreten Sinn gab. Pathos war ihm fern, Ironie und Humor aber nahe – überhaupt wahrte er zu fast allem eine feine Distanz, sah die Schweizer Schriftsteller auch mal als «Fremdarbeiter im eigenen Land». Leitbegriffe waren ihm 1968 «Liebe-Befreiung-Befriedigung»; was er anpackte, tat er mit «Disziplin und Ekstase», wobei Selbstzweifel und Selbstkritik stete Begleiter des Citoyens und Christen Marti waren. Er war ein Suchender, Fragender, der seine «gesammelten Unsicherheiten» nicht kaschierte. Als Mitbegründer der entwicklungspolitischen «Erklärung von Bern» (heute Public Eye) und der kritischen AutorInnenvereinigung Gruppe Olten hat er viel früher als andere ökologische Anliegen formuliert – im passionierten Nachdenken über Zeit und Endlichkeit die Zukunft im Blick.

Dieser Tage erscheinen zwei Bände mit Texten aus Martis Nachlass: «Hannis Äpfel» bringt unveröffentlichte Gedichte, den Schwerpunkt bildet eine grosse poetische Liebeserklärung an die titelgebende, zehn Jahre vor dem Autor verstorbene Gefährtin Hanni: Der nach fast sechzig Jahren Zurückgebliebene klagt über das Allein- und Verlorensein «(…) bin Witwer jetzt / ein Zu- und Zivilstand / der mir total missfällt.» Marti findet unsentimental ergreifende Worte für eine lebenslang lebendige Verbindung. «Bei dir war ich gerne ich. / Jetzt aber und ohne dich / Wär ich am liebsten / auch ohne mich.» Voreiligem Trost erteilt er eine vehemente Absage: «Wer wohlmeinend kommt und mir etwas faselt / von ‹Trauerarbeit› / hebe sich weg von mir.»

Neben einem Gran Bitterkeit kennt Marti in diesen letzten Jahren aber auch Nachsicht und Schalk: «gelegentlich: bin ich / senil / und schon dumm – / ich frage kaum mehr: / warum? // oder bin ich / einfach bloss müd / und lasse geschehn / was geschieht?» Und eine seiner Figuren verweist auf das «Menschenrecht auf Resignation».

«Alphornpalast», der Prosaband aus dem Nachlass, vereinigt Erzähltexte, mal lakonisch gerafft, mal verstörend verrätselt – Illustration der Vielseitigkeit Martis im thematischen Zugriff und im literarischen Experimentieren. Schonungslose Alltagsbeobachtungen wechseln sich mit Träumen und Albträumen ab. Haften bleiben der unfassliche «Alphornpalast» ebenso wie das «Phantombild» des «Herrn Fremd» (oder «Freund» oder «Feind»?).

Blocher entlarvt

Bedeutender noch als die ergiebigen Nachlassbände ist die Neuauflage seines essayistischen Werks «Notizen und Details 1964–2007». Es umfasst auf 1400 eng bedruckten Seiten sämtliche 252 von Kurt Marti kontinuierlich über 44 Jahre für die Zeitschrift «reformatio» verfassten Texte. Der Titel ist klug gewählt: Das sind nicht einfach kurze Kolumnen, sondern kritische Analysen und Kommentare – zum Zeitgeschehen, zu Aktualität und Geschichte, auch zu Lektüren, behutsam stets, aber träf und bestimmt. Neben einigen Dutzend grossartigen Gedichten ist dies das Hauptwerk des Dichters, überwältigend in Themenbreite, Gedankentiefe und Sprachmacht – ein einzigartiges Zeugnis über mehr als ein halbes Jahrhundert.

Unübertrefflich, wie Marti den einstigen «reformatio»-Mitautor Christoph Blocher textanalytisch entlarvt: als «penetrant rechthaberischen Demagogen», als «konservativ und autoritär» und «kaum christlich». Im Ganzen eine Lektüre, die nicht allein Martis ZeitgenossInnen, sondern auch Jüngere und viel Jüngere fesseln wird.

Im Wallstein-Verlag sind neu folgende Bücher von Kurt Marti erschienen: «Hannis Äpfel. Gedichte aus dem Nachlass», «Alphornpalast. Prosa aus dem Nachlass», «Notizen und Details 1964–2007. Kolumnen».

Marti ist auch Thema der aktuellen Ausgabe der Zeitschrift «Neue Wege»; am Samstag, 30. Januar 2021, gibt es eine Onlineveranstaltung zum Autor: www.neuewege.ch.

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