Nr. 04/2021 vom 28.01.2021

Wie schnell ist schnell genug?

Jenseits von Akzelerationismus und Entschleunigungsromantik: Warum wir eine Politik der Geschwindigkeit brauchen.

Von Daniel HackbarthMail an AutorIn

Im «Beschleunigungszirkel»: Für die einen führt er in den Zusammenbruch, für die anderen direkt in die Revolution. Foto: Alamy

Ideen können eine merkwürdige Wirkungsgeschichte entfalten, wie der Fall des Akzelerationismus zeigt. Ursprünglich bezeichnete der Begriff, der sich vom englischen Wort für «Beschleunigung» herleitet, die eher obskuren Theorien des britischen Philosophen Nick Land. Dieser hatte in den neunziger Jahren die Cybernetic Culture Research Unit an der Universität Warwick gegründet, eine interdisziplinäre Arbeitsgruppe technik- und fortschrittsbegeisterter ForscherInnen.

Einer breiteren Öffentlichkeit wurde der Akzelerationismus dann vor einigen Jahren bekannt, als die beiden Kulturtheoretiker Nick Srnicek und Alex Williams dem Konzept einen dezidiert politischen Dreh gaben. Demnach müsse die eh schon auf Geschwindigkeit getrimmte Moderne noch weiter beschleunigt werden, damit so der Kapitalismus überwunden werden könne: Akzeleration als Schmierstoff der Revolution sozusagen.

Das Zeitalter der «Dromokratie»

Zuletzt schlug der Begriff allerdings eher nach rechts aus. 2017 deutete der «Guardian» die überdrehte und auf Twitter gestützte Amtsführung von Donald Trump «als erste Manifestation einer akzelerationistischen Politik im Mainstream». Und Ende 2019 zeichnete das US-Nachrichtenportal Vox nach, wie rechtsextreme Attentäter in aller Welt das Konzept aufgriffen – der Angreifer von Christchurch führte es in seinem Bekennerschreiben sogar explizit als Handlungsanweisung an. Der rassistische Terror soll etwa die «Black Lives Matter»-Proteste weiter anheizen, um so den Ausbruch eines Bürgerkriegs zu beschleunigen. Auf dessen Trümmern soll dann eine neue «weisse Vorherrschaft» errichtet werden.

Auch abseits solch wahnhafter Zusammenbruchsfantasien ist ein Beschleunigungskult zum Kennzeichen heutiger Lebensverhältnisse im digitalen Kapitalismus geworden, obgleich die Pandemie manches vorübergehend lahmgelegt haben mag. Der Zürcher Literaturwissenschaftler Jonas Frick geht in einem kürzlich erschienenen Essay sogar so weit, die Gegenwart zum «Zeitalter der Geschwindigkeit» zu erklären. Ihm zufolge zeichnet sich eine umfassende «Dromokratie» ab (vom griechischen «dromos», Lauf): eine Herrschaft des Schnelleren, die immer weiter um sich greift. Dabei ist dieser Temporausch keine neue Erscheinung, schon die Menschen im 19. Jahrhundert registrierten die rasende Geschwindigkeit, mit der sich ihr Alltag umwälzte. Frick hat aber viel – mitunter kurioses – Material für den Befund zusammengetragen, dass sich dieser Prozess zuletzt intensiviert hat.

Da wäre etwa der Wettlauf um das höchste Tempo beim Wertpapierhandel: 2015 wurde für 300 Millionen US-Dollar ein Glasfaserkabel zwischen der New Yorker und der Londoner Börse gelegt, um die Latenz zu senken – woraus ein Zeitgewinn von ganzen sechs Millisekunden resultierte. Beim US-Militär wiederum arbeitet man an der Optimierung der «kill chain»: Die Zeitspanne vom Aufspüren über die Gefechtsaufnahme bis hin zur Eliminierung des Feindes liess sich mittels Drohnen bereits deutlich verkürzen. Aber auch hier soll es künftig noch schneller gehen, indem man die «kill chain» umkehrt, also erst gefeuert, dann ein Ziel aufgespürt und schliesslich der Kurs des Geschosses nachjustiert wird. So wäre die Flugzeit einer Rakete optimal genutzt.

Auch alltäglichere Angelegenheiten sind auf Beschleunigung ausgerichtet, was etwa die Bestrebungen belegen, FussgängerInnen gewissermassen zu elektrifizieren und auf E-Scooter zu verfrachten. Dass zugleich der Markt für Entschleunigung (Achtsamkeitskurse, Slow Travel, Slow Food) boomt, ist ein weiterer Beleg für die Dromokratie, nur unter umgekehrten Vorzeichen: Inzwischen sind Menschen sogar bereit, dafür zu bezahlen, es ausnahmsweise gemächlich angehen lassen zu dürfen.

Schrumpfende Gegenwart

Dabei ist dieser Tempofetisch aus linker Perspektive unbedingt zu begrüssen – zumindest wenn es nach den erwähnten Kulturtheoretikern Srnicek und Williams geht, die 2013 mit ihrem «Manifest für eine akzelerationistische Politik» der Linken (oder zumindest einigen ihrer Teile) die Trägheit austreiben wollten. Statt auf einen «neo-primitivistischen Lokalismus» sollte diese auf «future shocks» setzen und so den Kapitalismus über sich selbst hinaustreiben. Srnicek und Williams trafen damals einen Nerv, der Akzelerationismus, der im deutschsprachigen Raum vor allem vom Philosophen Armen Avanessian bekannt gemacht wurde, galt als hip. Allerdings bot das Manifest nicht viel mehr als die Gemeinplätze, ja nicht die Vormoderne zu romantisieren und stattdessen zeitgemässe Organisationsformen zu entwickeln.

Substanzielleres findet sich am anderen Ende des Geschwindigkeitsdiskurses, nämlich beim deutschen Soziologen Hartmut Rosa. Aus seiner Sicht thematisierten klassische Theorien der Moderne zwar Prozesse der Rationalisierung oder Individualisierung, das ebenfalls typisch moderne Phänomen der sozialen Beschleunigung sei aber eher unbeleuchtet geblieben. Als Massstab für diese schlägt Rosa die Kategorie der «Gegenwartsschrumpfung» vor: Gemeint ist damit, dass die Zeitspanne, in der uns Erfahrungen Orientierung bieten, weil wir aus der Vergangenheit Schlüsse für die Zukunft ziehen können, immer kleiner wird.

Dabei sei zwar der kapitalistische Wettbewerb ein Motor sozialer Beschleunigung, so der Soziologe. Inzwischen seien wir aber in einen von diesem Antrieb längst abgekoppelten «Beschleunigungszirkel» geraten. So speist sich das Bedürfnis nach technischer Innovation häufig aus Zeitmangel infolge eines erhöhten Lebenstempos. Neue, Zeitersparnisse versprechende Technologien (etwa die Dampfmaschine) befeuern aber den sozialen Wandel, was wiederum zur Erhöhung des Lebenstempos führt. Soziale Beschleunigung, so Rosa, sei somit «zu einem sich selbst antreibenden System geworden». Dieses System entfremde den Menschen von der ihn umgebenden Dingwelt, die ihm permanent zwischen den Fingern zu entgleiten drohe. Zugleich produziere das gestörte Selbst-Welt-Verhältnis ausgebrannte Subjekte.

Allerdings neigt Rosa zu problematischen Vorstellungen, etwa wenn er von Zuständen spricht, die «im Widerspruch zu einem Grundbedürfnis der menschlichen Natur stehen», was die Frage aufwirft, was denn ein dieser «Natur» angemessenes Tempo sein soll. Demgegenüber denkt Literaturwissenschaftler Frick Geschwindigkeit als «gesellschaftliches Verhältnis» und als «Ergebnis einer staatlichen Infrastruktur, das heisst von Räumen, Grenzen, Überwachung und Kontrollen». Die Existenz einander widersprechender Zeitlichkeiten in der Gegenwart wird damit sichtbar: So gibt es eine «kinetische Elite», also einen kleinen Personenkreis, der permanent unterwegs ist. Gleichzeitig aber ergab eine Studie aus dem Jahr 2018, dass selbst in Europa 37 Prozent der Menschen noch nie ihr Heimatland verlassen haben – ganz zu schweigen von den MigrantInnen, deren Bewegung an den militarisierten EU-Aussengrenzen gewaltsam gestoppt wird.

Die Abschaffung der Zukunft

Damit ist Beschleunigungskritik an eine solche der politischen Zustände gekoppelt. So ist auch der Techkapitalismus anzugehen, der mittels Plattformen ökonomische Prozesse beschleunigt, aber auch die Ausbeutung Prekarisierter intensiviert hat. Im Silicon Valley hat man Parolen wie «Fast is better than slow» (Google) oder «Move fast and break things» (Facebook) zum Mantra erhoben: Überkommene Strukturen wie auch politische Regulierungen gelten diesem marktradikalen Akzelerationismus lediglich als zu beseitigende Hindernisse. Zu Ende gedacht läuft dieses Denken auf die Abschaffung der Zukunft hinaus, denn «irgendwann lässt sich die Geschwindigkeit nur noch steigern, indem man die Zukunft in der Gegenwart vorwegnimmt», wie Frick schreibt: Nicht von ungefähr versucht man ja inzwischen, mittels Big-Data-Analysen etwa Konsumwünsche zu antizipieren.

Einer an Rosa und Frick anschliessenden Kritik müsste es vor allem darum gehen, die Beschleunigung unserer Lebenswelt überhaupt erst als politische Frage sichtbar zu machen: Wer genau profitiert von welcher Innovation? Das betrifft direkt den Alltag, wenn man etwa an den kontroversen Mobilfunkstandard 5G oder Verkehrsprojekte denkt. Geschwindigkeit ist eine universelle, alle angehende Angelegenheit, weil jeder sozialen Praxis immer auch eine temporale Dimension innewohnt. Ein solches Kampffeld sollte man weder Technokratinnen noch die Natur verklärenden Esoterikern überlassen.

Jonas Frick: «Politik der Geschwindigkeit. Gegen die Herrschaft des Schnelleren». Mandelbaum Verlag. Wien 2020. 216 Seiten. 30 Franken.

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